Digitalisierung in der Altenpflege

15.10.2015
Grafik: Pflegebedarf in Deutschland

Gab es im Jahr 2013 rund 2,6 Millionen Pflegebedürftige in Deutschland, werden es 2030 nach Prognosen des Statistischen Bundesamtes weit mehr als drei Millionen sein; © Hans-Böckler-Stiftung

Digitalisierung und verstärkter Technikeinsatz spielen auch in sozialen Berufen eine immer größere Rolle. Mögliche Folgen haben Forscher am Beispiel der Altenpflege untersucht. Die von der Hans-Böckler-Stiftung geförderte Studie zeigt: Das Potenzial der Technik kann Gepflegten und in der Pflege Beschäftigten zugutekommen – aber nur, wenn es nicht zu kostengetriebener Rationalisierung genutzt wird, sondern zu Qualitätsverbesserungen.

Die Vorstellung ist gleichermaßen faszinierend wie furchterregend: In Zukunft werden Senioren nicht mehr von Menschen, sondern von Robotern gepflegt. Japanische Firmen haben bereits Maschinen mit starken Armen und großen Kulleraugen entwickelt, die Patienten aus dem Bett heben und in den Rollstuhl setzen können. Vom praktischen Einsatz in Deutschland sind solche Gerätschaften zwar noch weit entfernt, schreiben Dr. Volker Hielscher, Lukas Nock und Dr. Sabine Kirchen-Peters in einer Studie für die Hans-Böckler-Stiftung. Dennoch spielt Technik in der Altenpflege schon heute eine große Rolle und wird den Alltag von Pflegebedürftigen und Pflegekräften in den kommenden Jahren deutlich verändern, erwarten die Wissenschaftler vom Saarbrücker Institut für Sozialforschung und Sozialwirtschaft (iso).

Gab es im Jahr 2013 rund 2,6 Millionen Pflegebedürftige in Deutschland (siehe auch die Infografik), werden es 2030 nach Prognosen des Statistischen Bundesamtes weit mehr als drei Millionen sein. In der Altenpflege arbeitet derzeit etwa eine Million Menschen und es herrscht dramatischer Fachkräftemangel. Die Arbeit ist körperlich wie psychisch anstrengend und muss häufig unter so großem Zeitdruck erledigt werden, dass die Beschäftigten ihren eigenen professionellen Ansprüchen dabei nicht gerecht werden können. So scheidet die große Mehrheit der Pflegekräfte vorzeitig aus dem Beruf aus – frustriert und gesundheitlich angeschlagen.

Angesichts dieser Lage ist jede Technik willkommen, die Patienten nützt und Pflegekräften die Arbeit erleichtert. Nach den empirischen Studien der Forscher gibt es vor allem vier Anwendungsgebiete für moderne Technologie: Personenlifter, elektronische Akten, GPS-Überwachung von Demenzkranken und intensivmedizinische Apparaturen, die zuhause aufgestellt werden.

Die Fallstudien zeigen, so die Forscher, dass vermehrter Technikeinsatz "eine Entlastung der Pflegekräfte und eine Verbesserung der Pflegequalität befördern" kann. Im ungünstigsten Fall kann er aber "unter dem alltäglichen Ökonomisierungsdruck sozialer Dienstleistungsarbeit auch als effizienzfunktionales 'Schmiermittel' zu einem 'Weiter-so' der Pflege unter widrigen Bedingungen beitragen". Ob das Potenzial neuer Technologien letztlich den Beschäftigten und Gepflegten zugutekommt, hänge von der politischen und betrieblichen Gestaltung ab.

Auf politischer Ebene seien zum Beispiel Finanzierungsfragen zu klären. So sind im Pflegesektor viele kleine und mittelständische Unternehmen mit dünner Kapitaldecke aktiv. Aber auch für größere Einrichtungen stellen etwa Investitionen in komplexe EDV-Systeme eine erhebliche Belastung dar.

Auf betrieblicher Ebene halten es die Wissenschaftler für entscheidend, dass die Technik nutzerfreundlich, an die Bedürfnisse der Beschäftigten angepasst und wirklich in den Arbeitsalltag integrierbar ist. Wenn die eigentliche Arbeit am Patienten aus Sicht des Personals nur gestört wird, weil ständig irgendwelche Daten in die virtuelle Pflegeakte eingetragen werden müssen, ist nichts gewonnen. Außerdem ermöglicht eine präzisere Dokumentation automatisch eine genauere Überwachung der Mitarbeiter; hier besteht Regelungsbedarf. Das Programmieren entsprechender Software ist stets ein Balanceakt: Zu viele Optionen erzeugen Frust bei den Anwendern, zu viel Standardisierung kann letztlich zu einer Fließband-Pflege führen, die keinen Raum für individuelle Versorgung mehr lässt.

Auch bei anderen technischen Arbeitsmitteln stehen den Vorteilen nach Analyse der Forscher gewisse Nachteile gegenüber. Personenlifter etwa erlauben es Pflegerinnen selbstständiger zu arbeiten. Sie müssen nicht mehr auf andere Kollegen warten, bevor ein schwerer Patient angehoben werden kann. Die Kehrseite: Jeder arbeitet für sich und der fachliche Austausch geht zurück.

Akzeptanz muss neue Technik nicht nur bei den Beschäftigten, sondern auch bei den Pflegebedürftigen finden. Sie müssen ein gewisses Vertrauen in die Apparate entwickeln, andernfalls begeben sie sich nur ängstlich und unter Protest in die Arme einer Maschine, die sie aus dem Bett hebt. Gelingt es jedoch, Berührungsängste abzubauen, kann der Einsatz von Personenliftern sogar in emotionaler Hinsicht von Vorteil sein: Manchen älteren Menschen ist es unangenehm, sich von anderen tragen, heben und drehen zu lassen; die Technik kann hier eine durchaus gewünschte Distanz schaffen.

Das Beispiel verdeutlicht den entscheidenden Unterschied zwischen sozialer Interaktionsarbeit und der Welt der Produktfertigung beim Technologieeinsatz: Die Technik funktioniert nur, wenn sie von allen Beteiligten wirklich als nützlich empfunden wird. Ihre Vorzüge müssen geduldig erklärt werden. Das aber kostet Zeit. Zeit, die fehlt, wenn mögliche Effizienzsteigerungen zum Personalabbau genutzt werden.

MEDICA.de; Quelle: Hans-Böckler-Stiftung

Mehr über die Hans-Böckler-Stiftung unter: www.boeckler.de