ENTSCHEIDERFABRIK präsentiert bei der MEDICA 2016 interessante IT-Projekte für den klinischen Alltag

Wenn der Fernseher zu einem spricht

Foto: Stand der ENTSCHEIDERFABRIK in Halle 15

26.07.2016

„Guten Morgen, Max!“ - das Erlebnis, vom eigenen Fernseher mit Vornamen begrüßt zu werden, kennen wohl nur die wenigsten. An manchen Klinikbetten ist dies aber bereits Realität. Dabei beherrscht das TV-Gerät am Krankenbett mehr als nur Entertainment. Die IT-Initiative ENTSCHEIDERFABRIK untersucht im Rahmen der weltführenden Medizinmesse MEDICA in diesem Jahr (14. – 17. November 2016/ Düsseldorf), wie sich die zahlreichen neuen Möglichkeiten im Krankenhausalltag sinnvoll einsetzen lassen.

„Patienten-Infotainment neu gedacht“ ist nur eines der Szenarien, die Kliniken bei der Ergebnis-Veranstaltung zu den „ENTSCHEIDERBARIK IT-Schlüsselthemen des Jahres“ beim Deutschen Krankenhaustag während der MEDICA 2016 diskutieren werden. Vor dem Hintergrund des wachsenden ökonomischen Drucks auf die Krankenhäuser wird es dabei immer wichtiger, dass sie Lösungen für mögliche Probleme in ihren Abläufen finden. Ziel der ENTSCHEIDERFABRIK ist es, diese exemplarisch und praktisch in zwei Krankenhäusern und unter Mithilfe der Industrie zu erarbeiten. Dazu werden 29 Verbände, mehr als 720 Kliniken, 96 Industrie-Unternehmen und von den Verbänden gewählte Beratungshäuser zusammen gebracht. Ausgewählt wurden die Schlüsselthemen für dieses Jahr beim sogenannten „Entscheider-Event“ im Februar.

Das am häufigsten gewählte Thema war dort „Echtzeit-Analyse und Bewertung des Arzneimitteleinsatzes im klinischen Alltag mit der SAP Foundation for Health“. Der wesentliche Hintergrund des Projekts ist die Unterstützung des rationalen Einsatzes von Antibiotika und die langfristige Erhöhung der Arzneimitteltherapiesicherheit im Bereich der Antibiotikaverordnungen. Für Antibiotika existieren in (inter)nationalen und klinikinternen Leitlinien indikationsabhängig Empfehlungen bezüglich der optimalen Dosierung und Therapiedauer. Zu lange Vergabedauern von Antibiotika können unter anderem die Entwicklung bakterieller Resistenzen begünstigen und zum Auftreten weiterer unerwünschter Nebenwirkungen führen. Damit verbunden sind höhere Arzneimittelkosten und in einigen Fällen verlängerte Patientenliegedauern bzw. Intensivliegedauern. Bislang gestaltet sich die manuelle Analyse der Therapiedauern in Punktprävalenz-Studien sehr aufwändig und ist während des Routinebetriebs eines Klinikums nicht regelmäßig oder gar kontinuierlich durchführbar. Auf diese Weise durchgeführte Studien am Uniklinikum Freiburg (UKF), aber auch bereits veröffentlichte Daten in der Literatur, beschreiben häufige Überschreitungen der empfohlenen Therapiedauern. Am UKF wurde z. B. im betrachteten Zeitraum in 27 Prozent der Fälle die empfohlene Therapiedauer überschritten. Selbst wenn in einigen Fällen eine längere Therapie durchaus indiziert sein kann, lässt sich hier ein hoher Optimierungsbedarf vermuten. Um dies zu erreichen, wäre es hilfreich, die Anwendung der Antibiotika in Echtzeit zu überwachen und die Therapiedauern an das ärztliche Personal tagesaktuell zurück zu melden. So können Ärzte während der aktuellen Therapie unterstützt und das Outcome der Patienten verbessert werden. Genau dies will das Projekt umsetzen, in dem unter anderem die Universitätskliniken Freiburg und Tübingen mit der SAP zusammenarbeiten.

Clinical Data Warehouse schafft bedarfsgerechte Informationen

Dirk Liftin, SAP Deutschland, schildert, dass auch die behandelnden Ärzte künftig sehen können sollen, wie lange ihre Patienten bereits das Antibiotikum bekommen haben und wie lange sie es - entsprechend den Krankenhaus-individuellen Empfehlungen - noch bekommen sollten. „Unsere Anwendung ist ursprünglich gar nicht für diesen einzelnen Zweck entwickelt worden“, erklärt Litfin. Vielmehr sei das System geeignet, Daten aus unterschiedlichsten Quellen zu sammeln. Große Krankenhäuser können auf über 100 Datenquellen kommen, in denen Daten zum einzelnen Patienten sich verbergen könnten – und SAP würde den Krankenhäusern damit die Möglichkeiten eröffnen, diesen Datenschätze mit ihrem Tool im Interesse der Patienten zu heben.

Die Informationen aus relevanten Datenquellen sollen dazu in einem Clinical Data Warehouse zusammengeführt werden. So wird beispielsweise das gleiche System im Krebszentrum Heidelberg für die Beantwortung onkologischer Fragestellungen eingesetzt. Im Projekt der ENTSCHEIDERFABRIK sammelt dieses Daten aus dem Krankenhausinformationssystem sowie den unterschiedlichen Medikationssystemen auf der Normal- und Intensivstation. Um tatsächlich die Arzneimitteltherapiesicherheit zu erhöhen und die Häufigkeit von unerwünschten Arzneimittelwirkungen zu verringern, wäre es wichtig, dass die Ergebnisse vor Ort auf der Station gezeigt werden. Viele Krankenhäuser wünschen sich darüber hinaus, dass die SAP-Software von ihren übrigen Systemen aufgerufen wird – und hierfür ist die Kooperation mit anderen Softwareherstellern erforderlich. Immerhin ist ID Diacos Pharma bei diesem Projekt bereits aktiv mit an Bord. Insgesamt wird das Gelingen davon abhängen, inwiefern andere Hersteller bereit sein werden, Schnittstellen zu bauen oder sich in die Karten gucken zu lassen: SAP will ja nur sammeln und die Ergebnisse im Krankenhaus vor Ort präsentieren. Nicht nur diesbezüglich ist spannend, was in Düsseldorf während der MEDICA 2016 präsentiert wird.

Bedside Terminal für die schlaue Interaktion

Patienten begeistern und Prozesse verbessern will das Projekt, das BEWATEC und die Universitätskliniken in Münster und Frankfurt gemeinsam angehen. Bedside Terminals sind dabei nicht billig und stellen initial hohe Investitionskosten für interessierte Krankenhäuser und Kliniken dar und sind somit eigentlich zu schade, um nur für die Bereitstellung von Entertainment-Diensten und Kommunikation zu dienen. Die Systeme von BEWATEC bieten daher neben einem ausgebreiteten Entertainment-Angebot zahlreiche weitere Applikationen für erhöhten Komfort und Service für den Patienten, die Integration von Klinikinformationen sowie die Digitalisierung der Prozesse am Point of Care. Die aktuelle Android-basierte Geräteserie „MediPaD“ ist technisch mit handelsüblichen Tablets gleichzusetzen und bedient bereits diverse Schnittstellen der Klinikinfrastruktur (z. B. Abrechnungssysteme, VoIP-Server). Das Ziel laut Dr. Michael Knappmeyer, Leiter der Forschung & Entwicklung bei BEWATEC, ist es, zum einen klinikinterne Workflows zu unterstützen, um den Investitionen einen wirtschaftlichen Einsparungseffekt gegenüberzustellen. Zum anderen kann die Patientenzufriedenheit erhöht werden, indem das Terminal transparent beispielsweise über anstehende Behandlungsschritte informiert. Ermöglicht werden soll dies dadurch, dass die Informationen aus dem Krankenhausinformationssystem über einen Kommunikationsserver in „MyMediNet“ eingespeist werden.

Der Patient soll also nicht nur morgens begrüßt werden. Er soll auch durch Erinnerungen motiviert werden, die ihm verschriebenen Medikamente pünktlich und entsprechend der vereinbarten Dosis zu nehmen. Auch Termine zur Therapie, Physiotherapie, Visite, Entlassung und ähnliches können übersichtlich in einem Kalender dargestellt werden – und dem Patienten zu helfen, sich darauf vorzubereiten. Über eventuell notwendige Aktualisierungen wird er per Push-Benachrichtigung informiert. Das Tablet wird so zur bidirektionalen Daten- und Kommunikationsschnittstelle zwischen Patient und Klinik.

Außerdem wird auch die digital gestützte Patientenaufklärung direkt am Point-of-Care unterstützt. Sie soll helfen, ein für den Patienten leicht verständliches und individuell auf ihn abgestimmtes Gespräch zu führen. Dabei werden gezeigte Aufklärungssequenzen protokolliert. Das Dokument wird vom Arzt direkt am Bett bearbeitet. Auch die zeitgleiche digitale Ablage sowie die elektronische Unterschrift durch den Patienten führen zu Zeit- und Kostenersparnissen. Allerdings muss der Patient, die von ihm unterzeichneten Unterlagen ausgehändigt bekommen, um diese mit nach Hause nehmen zu können, wenn dies alles dem Patientenschutzgesetz entsprechen soll. Um entsprechende Ausdrucke wird man also auch am High-Tech-Krankenbett nicht herumkommen.

Rechtssichere Dokumentation von Daten

In einem weiteren Projekt wird die rechtssichere Dokumentation sogar eine Hauptrolle spielen. Es geht um die Langzeitarchivierung von Daten. Die sollte IHE-konform werden. Tatsächlich ist „Integrating the Healthcare Enterprise“ (IHE) eine Initiative von Anwendern und Herstellern mit dem Ziel, den Datenaustausch zwischen IT-Systemen im Gesundheitswesen zu standardisieren und zu harmonisieren. Arztpraxen, Medizinische Versorgungszentren, Krankenhäuser und alle andere Player im Gesundheitswesen sollen künftig Daten nahezu „schrankenlos“ austauschen können. Wünschenswert wäre es dabei natürlich, dass die Einrichtungen notwendige Dokumente auch Jahre später vorlegen können. An einem entsprechenden Projekt im Rahmen der ENTSCHEIDERFABRIK beteiligen sich auf Industrieseite DMI, März und Cerner. „Neben dem intersektoralen Austausch steht auch die revisionssichere Archivierung im Fokus, die es idealerweise auch ermöglichen soll, zu einem späteren Zeitpunkt archivierte klinische Dokumentation auszutauschen“, erläutert Annett Müller vom DMI Münster. Im ersten Schritt soll bei den beteiligten Kliniken der Digitalisierungsgrad analysiert werden. Schwerpunkte sind hier, genutzte Dokumententypen - analog und elektronisch -, Verwendung der klinischen Dokumentation sowie Anforderungen durch die Anwender der digitalen Akte. Ein weiterer wichtiger Punkt der Analysen ist die Klassifizierung aller genutzten Dokumente mittels der Konsolidierten Dokumentenliste (KDL), um die IHE-Konformität zu gewährleisten.

Wichtig sei, dass die Kliniken ihre Bedürfnisse klar formulierten, meint Michael Meilutat, Mitarbeiter des ebenfalls am Projekt beteiligten Healthcare-IT-Unternehmens Cerner, zum Thema IHE. Zunächst solle klar sein, ob ein Archivsystem für Dokumente einzelner Einrichtungen und/ oder eine Plattform für den einrichtungsübergreifenden Dokumentenaustausch gewünscht sei. Die Einbeziehung von Ärzten sei unbedingt zu empfehlen. Zu beantworten sei etwa die Frage, womit ein Krankenhaus starten wolle: Soll mit anderen Kollegen einrichtungsübergreifend über Dokumente geredet werden? Oder ist das primäre Ziel, die Dokumente intern zur Verfügung zu stellen? Auch beides gleichzeitig sei möglich, wenn die höhere Projektkomplexität adäquat geplant werde, so Michael Meilutat. Einen Hemmschuh der Entwicklung sieht Meilutat eher weniger in der vorhandenen Technologie. Die grundsätzlichen Applikationen hätten den notwendigen Reifegrad und warteten auf ihren Einsatz. Technische Standards wie HL7 ergänzt beispielsweise um IHE XDS-b für den einrichtungsübergreifenden Dokumentenaustausch ermöglichten eine dauerhafte Unabhängigkeit der Krankenhäuser von einzelnen Herstellern.

Wenn der Nutznießer nicht die Kosten trägt…

Vielmehr stellten die finanziellen Bedingungen Hürden dar. Meilutat schildert, dass Kosten und Nutzen sich auf unterschiedliche Interessengruppen aufteilten. Während die Investitionen und Umstrukturierungen bei Ärzten oder Krankenhäusern anfielen, seien die Nutznießer die Patienten oder die Krankenkassen. „Die Motivation, etwas zu ändern ist dementsprechend verständlicherweise bei den Versorgern eher verhalten, weil für sie nur Aufwand und Kosten anfallen. Welcher Radiologe hat schon ein Interesse daran, Doppeluntersuchungen zu vermeiden?“, fragt Meilutat entsprechend überspitzt. Auch das eHealth-Gesetz werde daran wenig ändern. So müssten sich die Krankenhäuser besonders klar darüber sein, was sie mit einer Investition erreichen wollten. Eine Lösung für alle Kliniken werde es künftig nicht geben. Vielmehr müssten die individuellen Bedürfnisse eines jeden Klinikums für Archivierung über lange Fristen, zur Revisionssicherheit und für einrichtungsübergreifende Kommunikation berücksichtigt werden.

Aus Sicht von Michael Haumann, Leiter IHE-Fachvertrieb bei der März Internetwork Services, steht das Projekt stellvertretend für eine ganze Reihe von Standardisierungsprojekten, die die März umgesetzt hat. In diesen Projekten wurde aus der Betrachtung des Krankenhauses als „Silo“ durch die Einführung einer IHE konformen Archiv- und Interoperabilitätsplattform ausgebrochen. Hierfür stünden exemplarisch: „Gemeinsames Medizinisches Versorgungszentrum der Charité und Vivantes“, „Digitales Archiv des Universitätsklinikums Jena“ oder auch die „RIS-Migration im Klinikum Stuttgart“.

Alle drei skizzierten Projekte gehören zu den fünf IT-Schlüssel-Themen des Jahres, die beim Entscheider-Event im Februar gewählt wurden. Die zwei weiteren sind „Elektronisches Anordnen mit Anordnungssets - Entwicklung eines standardisierten Anordnungskatalogs“ und „Neue Arbeitsteilung zwischen Mensch und Maschine hilft organisatorische Fehler bei der Sprechstundenplanung zu vermeiden“. Sie trugen beim Sommer-Camp der ENTSCHEIDERFABRIK Ende Juni 2016 ihre Projekte vor und bearbeiteten zurzeit diese. Spätestens seit diesem Zeitpunkt geht es in die tatsächliche Umsetzung in maximal zwei ausgewählten Krankenhäusern pro Arbeitsgruppe. Die Produkte der Industrie müssen sich dort bewähren. Am 17. November präsentieren dann alle Beteiligten ihre Ergebnisse beim Deutschen Krankenhaustag während der MEDICA 2016. Dr. Pierre-Michael Meier, stv. Sprecher des IuiG-Initiativ-Rates der ENTSCHEIDERFABRIK, berichtet, dass die dort geübte Kritik für die Industriepartner manchmal nicht einfach sei. Dennoch biete die ENTSCHEIDERFABRIK eine gute Gelegenheit für die Industrie, innovative Produkte in den Markt zu bringen – und die Krankenhäuser bekämen die Gelegenheit, diese zu testen.

Autorenhinweis: Dr. Lutz Retzlaff, freier Medizinjournalist (Neuss)

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