Eine gesündere Zukunft gestalten

10.09.2015
Foto: Hand zeichnet mit einem Bleistift

Eine gesündere Zukunft gestalten: Ein Patent zu erlangen ist für Unternehmen ein wichtiger Schritt auf dem Weg von der Idee zum marktfähigen Produkt; ©Europäisches Patentamt

Die Innovation in der Medizintechnik boomt. Das belegen nicht nur die vielen Tausend Fachbesucher, die Jahr für Jahr zur weltgrößten Medizinmesse MEDICA strömen, sondern auch die immer größere Zahl von Ausstellern. Die neuen Technologien vereinen Erkenntnisse aus der Werkstofftechnik, der Elektronik, dem Maschinenbau und der Biochemie. Mit der steigenden Lebenserwartung wächst das Potenzial des Marktes für Gesundheitsprodukte immer weiter.

2014 war die Medizintechnik erneut die Branche mit dem höchsten Anmeldeaufkommen beim Europäischen Patentamt (EPA); ein Zuwachs um 3,2 Prozent gegenüber dem Vorjahr ließ die Zahl der Patentanmeldungen auf 11.124 steigen. Andere Spitzenbereiche wie die digitale Kommunikation oder die Computertechnik lagen laut EPA-Jahresbericht für 2014 knapp über beziehungsweise unter der 10.000er-Marke. Mit der Medizintechnik verwandte Gebiete finden sich ebenfalls unter den Top Ten: die Biotechnologie verzeichnet nach einem sprunghaften Anstieg um 12 Prozent gegenüber 2013 (mit dem die anhaltende Stagnation der letzten zehn Jahre überwunden wurde) rund 6.000 Anmeldungen und die Arzneimittelbranche nach einem 5,4-prozentigen Rückgang 5.270 Anmeldungen.

Ein Blick auf den Zehnjahrestrend zeigt eine anhaltende, kontinuierliche Zunahme der Patentierungstätigkeit in der Medizintechnik. Das könnte darauf hindeuten, dass die biotechnologische und pharmazeutische Forschung und Entwicklung versucht, den Anschluss zu halten, und die Gesundheitsversorger in bestimmten Bereichen ihr Augenmerk statt auf Arzneimittel oder Biochemie stärker auf Instrumente und Geräte richten - sowohl bei der Diagnose als auch in der Therapie. Dies ist nur allzu verständlich, vergleicht man die Kosten für die Markteinführung eines Arzneimittels mit denen für ein neues Gerät.

Die Unternehmen entscheiden mit immer mehr Bedacht, was sie patentieren und wann. Erst wenn sie von der Rentabilität einer Erfindung überzeugt sind, investieren sie Tausende von Euros in Patentanmeldungen. Im Erfolgsfall schaffen Patente dann jedoch Investitionsanreize, steigern die Lizenzierungsbereitschaft und sichern Marktanteile. Ein Rückgang des Patentierungsaufkommens auf einem bestimmten Gebiet ist also nicht zwangsläufig ein Indiz verminderter Innovation, sondern zeugt eher von selektiveren Patentierungsentscheidungen.

 
 
Foto: Mann mit Headset arbeitet am Computer

Das EPA kann Unternehmen auf ihrem Weg zum Patent auf vielfältige Art und Weise beraten; ©Europäisches Patentamt

Leistungen für Unternehmen

Das EPA bietet Unternehmen, die ihren eigenen Technologiemarkt besser verstehen wollen, kostenfreie Online-Datenbanken mit deutlich verbesserter Transparenz. So können sie zum Beispiel in Espacenet recherchieren, welche Technologien von anderen Unternehmen patentiert werden, oder neue Technologiepartner, Zulieferer und Kunden finden. Die EPA-Sammlung umfasst über 90 Millionen Datensätze aus mehr als 100 Ländern. Diese Patentdaten übersehen Forscher häufig, weil sie sich ausschließlich auf die akademische Literatur konzentrieren, doch etliche der neuesten Entwicklungen sind nur in Patenten dokumentiert und nirgendwo sonst!

Das Europäische Patentregister enthält Informationen zum Rechtsstand und zur Entwicklung der beim EPA anhängigen europäischen Patentanmeldungen. Diese können insbesondere für Unternehmen hilfreich sein, die selbst eine Anmeldung einreichen wollen. Auch können Unternehmen, die eine zum Patent angemeldete Erfindung für nicht neu oder nicht erfinderisch halten, online entsprechende Einwendungen einreichen. Ein weiteres vom EPA angebotenes Tool ist Patent Translate, das in Espacenet eine direkte maschinelle Übersetzung des Haupttextes von Patentanmeldungen in 32 Sprachen ermöglicht.

Die Erlangung von Patentschutz setzt eine vollständige Offenbarung der Erfindung voraus, auch wenn die Anmeldung möglicherweise zurückgewiesen wird und die über mehrere Jahre verteilten, beträchtlichen Gebühren dann umsonst gezahlt wurden. Um dieses Risiko zu minimieren, reichen die meisten Anmelder zunächst eine internationale Patentanmeldung ein, durch die sich ein Großteil der Kosten um zweieinhalb Jahre aufschieben lässt. Dies gibt den Anmeldern Zeit, ihre Erfindung weiter auszufeilen und die Marktlage zu sondieren. Dabei kann sie das EPA auf verschiedene Weise unterstützen, zum Beispiel liefert es auf einen entsprechenden Antrag hin innerhalb von sechs Monaten qualitativ hochwertige Recherchenergebnisse, erstellt eine schriftliche Stellungnahme zur Patentierbarkeit der Erfindung oder nimmt eine vorläufige materiellrechtliche Prüfung vor. Der Anmelder verfügt damit über die besten Informationen zur Zukunft seiner Anmeldung und kann mögliche Fehlinvestitionen vermeiden.

 
 

Helden der Innovation

Mit der Verleihung des europäischen Erfinderpreises würdigt das EPA einmal im Jahr die "unbesungenen Helden" der Forschungslaboratorien und lenkt das Augenmerk auf ihre wegweisenden technologischen Erfindungen. Die außergewöhnlichen Wissenschaftler und Ingenieure repräsentieren die verschiedensten technischen Disziplinen, und es dürfte überraschen, wie viele herausragende Erfindungen der Medizintechnik von Nichtmedizinern gemacht wurden. Oft sind es Ingenieure oder interdisziplinäre Teams, die in ihren Reihen die unterschiedlichsten Wissensgebiete vereinen, die die Gesundheitsversorgung vorangebracht haben. Das belegen auch die folgenden vier Finalisten des Erfinderpreises 2015:

 
 
Foto: Lächelnde Forscherin im Labor

Laura van 't Veer - Gewinnerin in 2015, hat einen genetischen Test erfunden, der die individualisierte Behandlung von Brustkrebs ermöglicht; ©Europäisches Patentamt

Dieser genbasierte Gewebetest markiert einen Meilenstein in der individualisierten Medizin. In einem frühen Stadium der Brustkrebserkrankung erlaubt er eine eindeutige und zuverlässige Prognose, wie hoch das Rückfallrisiko ist und ob die Patientinnen auch ohne Chemotherapie, die stets mit unangenehmen Nebenwirkungen verbunden ist, tumorfrei bleiben können. Patientinnen und Ärzte können somit frühzeitig eine fundierte Entscheidung über die geeignetste Behandlungsmethode treffen. Dadurch lässt sich die Zahl der Patientinnen, die sich einer Chemotherapie unterziehen müssen, um 20 bis 30 Prozent reduzieren. Darüber hinaus ebnet Van't Veers Erfindung möglicherweise den Weg für eine verlässlichere Diagnose weiterer Krebsarten.

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Mit den eigenen Worten von Laura van 't Veer (Link zu YouTube)
 
 
Foto: Ein älterer Forscher mit Brille im Labor

Ludwik Leibler - Gewinner in 2015, Erfinder selbstheilender Polymere; ©Europäisches Patentamt

Vitrimere stellen einen Durchbruch auf dem Gebiet der Polymerforschung dar. Das umweltfreundliche Material kann in sämtlichen Einsatzgebieten von Kunststoffen verwendet werden, zum Beispiel im Flugzugbau, bei Fahrradhelmen oder bei Rotoren von Windturbinen. Auch in der Medizintechnik eröffnet es völlig neue Möglichkeiten, erlaubt es doch beispielsweise, Hautwunden zu "kleben", Blutungen nach Organentnahmen zu stoppen oder medizinische Geräte ohne Naht am Gewebe oder an Organen zu befestigen – und all dies innerhalb von Minuten. Vor allem für die Chirurgie dürfte diese revolutionäre, als "Wundermaterial" bezeichnete Erfindung enormes Potenzial haben.

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Mit den eigenen Worten von Ludwik Leibler (Link zu YouTube)
 
 
Foto: Zwei Männer, die Sensorbrillen tragen

John Elvesjö und Mårten Skogö - Finalisten in 2015, Erfinder eines revolutionären Systems zur Aufzeichnung von Augenbewegungen; ©Europäisches Patentamt

Computersteuerung durch Augenbewegungen - diese bahnbrechende Technologie kann die Position und den Fokus der Pupille erkennen und in Echtzeit interpretieren. Möglich wird dies durch Infrarotsensoren im Bildschirm, die die Augenbewegungen und damit die Blickrichtung des Nutzers erfassen. Das Eyetracking eröffnet ungeahnte Möglichkeiten der Interaktion zwischen Mensch und Maschine und kann körperlich oder geistig beeinträchtigte Menschen wieder in die Lage versetzen, zu kommunizieren. Neben der Medizin gehören das Marketing, die Spiele- und die Autoindustrie zu den potenziellen Einsatzgebieten dieser Technologie.

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Mit den eigenen Worten von John Elvesjö und Mårten Skogö (Link zu YouTube)
 
 
Foto: Junge Forscherin mit einer Blutprobe in der Hand

Elizabeth Holmes - Finalistin in 2015, Erfinderin einer wegweisenden neuen Methode zur Blutuntersuchung; ©Europäisches Patentamt

Kann ein Tropfen Blut die komplette Welt der Gesundheitsversorgung verändern? Das von Elizabeth Holmes entwickelte revolutionäre Verfahren kann genau das: Ein kleiner Stich in den Finger genügt, um ausreichend Blut für umfangreiche Tests aufzufangen. Mit dieser Mindestmenge Blut lässt sich sodann ein breites Spektrum von Analysen durchführen, und zwar innerhalb weniger Stunden. Das Verfahren ist praktisch schmerzfrei und wesentlich kosteneffizienter als herkömmliche Methoden. Dieser diagnostische Quantensprung könnte den Gesundheitsmarkt von Grund auf verändern.

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Mit den eigenen Worten von Elizabeth Holmes (Link zu YouTube)
 
 

MEDICA.de; Quelle: Jeremy Philpott, Europäisches Patentamt

Erfahren Sie mehr über das europäische Patentamt unter: www.epo.org