Die meisten Bundesstaaten der USA kennen die Todesstrafe. In der Regel werden die Verurteilten durch eine Giftinjektion hingerichtet. Zunächst verabreicht man den Todeskandidaten Thiopental zur Anästhesie, danach Pancuronium-Bromid, um sie zu lähmen und Kaliumchlorid, um einen Herzstillstand zu verursachen.

Wissenschaftler der University of Miami haben sich nun die Frage gestellt, ob die anästhesiologischen Vorkehrungen tatsächlich ausreichen. Dazu forderten sie die Hinrichtungsprotokolle der Bundesstaaten Texas und Virginia an.

Was sie bei der Analyse der Daten herausfanden, ist gruselig: Das medizinische Personal, welches die intravenösen Zugänge legt, ist häufig mangelhaft ausgebildet oder ungeübt. Meist prüften sie auch nicht, wie tief die Betäubung war und ob der Verurteilte bereits das Bewusstsein verloren hatte, bevor die zweite Phase der Hinrichtung begann.

Dann untersuchten die Wissenschaftler die verwendeten Betäubungsmittel-Dosen. Typischerweise werden zwei Gramm Thiopental verabreicht. Das mag ausreichen, wenn alles schnell geht. Zieht sich der Todeskampf aber ein wenig länger hin, ist der Todeskandidat aufgeregt und hyperadrenerg oder hat er aufgrund einer Abhängigkeit eine Toleranz gegenüber Hypnotika entwickelt, dann ist die eingesetzte Dosis nicht ausreichend.

Dieses Ergebnis wurde durch toxikologische Untersuchungen bestätigt, die nach dem Tod im Rahmen einer Autopsie vorgenommen wurden. Protokolle aus vier Bundesstaaten konnten eingesehen werden. Offenbar war der Thiopental-Blutspiegel bei vielen der Hingerichteten tatsächlich zu niedrig, um Bewusstlosigkeit zu verursachen.

Möglicherweise, so schreiben die Studienleiter, haben einige der Hingerichteten ihre Exekution weitgehend bewusst erlebt, konnten sich aber wegen der paralysierend wirkenden Medikamente nicht bemerkbar machen.

MEDICA.de; Quelle: Lancet 2005, Vol. 365, S. 1412-1414