Einschulungspolitik beeinflusst Diagnosehäufigkeit von ADHS

20.08.2015
Foto: Überforderter Grundschüler

Am 12. August gingen in Nordrhein-Westfalen die Sommerferien zu Ende. Auch Fünfjährige haben nun zum ersten Mal ihre Ranzen packen müssen; © panthermedia.net/Tyler Olson

In Deutschland erhalten Kinder, die ihren 6. Geburtstag kurz vor dem Stichtag der Einschulung feiern und damit die jüngsten in ihrer Klasse sind, häufiger die Diagnose ADHS und eine entsprechende Medikation als ihre älteren Klassenkameraden. Das belegt erstmals eine Studie der Wissenschaftler vom Versorgungsatlas in Kooperation mit der Ludwig-Maximilians-Universität München. Die Untersuchung analysiert darüber hinaus mögliche Ursachen für regionale Unterschiede: die Unterrichtsbedingungen und den Bildungshintergrund der Familie.

Am 12. August gingen in Nordrhein-Westfalen die Sommerferien zu Ende. Auch Fünfjährige haben nun zum ersten Mal ihre Ranzen packen müssen. Diese Kinder feiern ihren sechsten Geburtstag erst nach der Einschulung, aber noch vor dem 30. September, dem Stichtag für die Einschulung. Auch in Baden-Württemberg, Bayern, Berlin, Brandenburg und Niedersachsen werden in den nächsten Wochen Fünfjährige eingeschult.

Wenige Wochen oder Tage zwischen Geburtstag und Stichtag können jedoch gravierende Konsequenzen haben: Kinder die im Monat vor dem Stichtag geboren wurden und daher bei der Einschulung sehr jung sind, erhalten häufiger einer ADHS-Diagnose – und eine medikamentöse Therapie – als jene Kinder, die im Monat nach diesem Stichtag geboren wurden und daher bei der Einschulung beinahe ein Jahr älter sind als die Jüngsten. Zu diesem Ergebnis kommen die Wissenschaftler vom Versorgungsatlas des Zentralinstituts für die kassenärztliche Versorgung in Zusammenarbeit mit Forschern der Ludwig-Maximilians-Universität München in einer neuen Studie.

Für diese Studie haben die Wissenschaftler erstmals bundesweite und kassenübergreifende ärztliche Abrechnungs- und Arzneiverordnungsdaten von rund sieben Millionen Kindern und Jugendlichen zwischen vier und 14 Jahren aus den Jahren 2008 bis 2011 analysiert. Resultat: Von den jüngeren Kindern, die im Monat vor dem Stichtag geboren sind, erhielten im Schnitt im Laufe der nächsten Jahre 5,3 Prozent eine ADHS-Diagnose, bei den älteren Kindern, die im Monat nach dem Stichtag geboren, lag der Prozentsatz bei 4,3 Prozent. Generell stellten Ärzte die Diagnose bei Jungen häufiger als bei Mädchen. "Die Ergebnisse zeigen einen robusten Zusammenhang zwischen der ADHS-Diagnose- und Medikationshäufigkeit und der durch den Geburtsmonat bestimmten relativen Altersposition von Kindern in der Klasse", erklärt die Erstautorin der Studie, Prof. Dr. Amelie Wuppermann von der Ludwig-Maximilians-Universität München. Auch in anderen Ländern konnten Forscher ähnliche Zusammenhänge nachweisen.

Die Studie zeigt auch die Auswirkungen des schulischen Umfelds und der Familiensituation auf die Häufigkeit einer ADHS-Diagnose. Die Ergebnisse geben Hinweise darauf, dass bei größeren Klassen und einem höheren Anteil ausländischer Schüler – was die Unterrichtsbedingungen wahrscheinlich erschwert – der Zusammenhang zwischen relativem Alter und ADHS stärker ist.

"Möglicherweise fällt bei schwierigeren Unterrichtsbedingungen die relative Unreife jüngerer Kinder in der Klasse stärker auf", sagt Dr. med. Jörg Bätzing-Feigenbaum, Mitautor und Leiter des Versorgungsatlas. Auch ein höherer Bildungshintergrund der Eltern verstärkt den Alterseffekt. Hier vermuten die Wissenschaftler, dass Eltern mit einem höheren Bildungsgrad mehr auf die Förderung ihrer Kinder achten und daher weniger bereit sind, Nachteile in Kauf zu nehmen, die durch die relative Unreife ihrer Kinder entstehen könnten. Diese Faktoren sind mögliche Ursachen für die regionalen Unterschiede auf der Kreisebene, welche die Forscher ebenfalls gefunden haben.

"Unsere Studie zeigt, dass die traditionelle Einschulungspolitik, bei der die Schulpflicht an gegebene Stichtage geknüpft wird, die Diagnosehäufigkeit psychischer Erkrankungen bei Kindern beeinflussen kann. Kinder, die quasi gleich alt sind, haben aufgrund der Einschulungspolitik ein unterschiedlich hohes Risiko, eine ADHS-Diagnose zu bekommen", schreiben die Forscher. Da eine solche Diagnose stigmatisierend sein kann und die medikamentöse Therapie von ADHS starke Nebenwirkungen haben kann, sollten die neuen Erkenntnisse sowohl von der Politik als auch von den Ärzten bei der Diagnosestellung beachtet werden. Die Forscher empfehlen, in zukünftigen Studien zu untersuchen, ob und welche Änderungen in der Einschulungspolitik, etwa eine flexible Schuleingangsphase, den Zusammenhang zwischen relativem Alter in der Klasse und ADHS abmildern kann.

MEDICA.de; Quelle: Versorgungsatlas

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