Endoskopie: "Ein kleiner Abschnitt der Darmwand wird komplett entfernt"

Interview mit Prof. Karel Caca, Ärztlicher Direktor, Klinik für Innere Medizin, Gastroenterologie, Hämato-Onkologie, Diabetologie und Infektiologie, Klinikum Ludwigsburg

Für jeden Erwachsenen steht irgendwann der Gang zur Darmkrebsvorsorge an. Während die Untersuchung dank einer Sedierung schnell vorbei ist, hat sie manchmal noch ein Nachspiel: Nämlich dann, wenn Wucherungen im Darm nicht mit dem Endoskop entfernt werden konnten und eine offene Operation notwendig wird.

05.01.2014

Foto: Karel Caca

Prof. Karel Caca; © Gottfried Stoppel

Ein neues Gerät, das an der Spitze herkömmlicher Endoskope angebracht wird, kann hier Abhilfe schaffen und vielen Patienten eine Operation ersparen. Im Interview mit MEDICA.de spricht Prof. Karel Caca über die Ziele der neuen Endoskopietechnik, ihre Durchführung und ihre Erprobung.

Prof. Caca, Sie setzen das "Full-Thickness Resection Device" (FTRD) zur Entfernung von Adenomen im Darm ein. Was genau ist ein Adenom?

Prof. Karel Caca: Das sind gutartige Wucherungen, aus denen bösartige Wucherungen, also Darmkrebs, entstehen können. Bei den Adenomen findet im Unterschied zum Krebs noch kontrolliertes Zellwachstum statt.

Die Entwicklung des FTRD geht darauf zurück, dass Adenome prinzipiell in zwei verschiedenen Formen vorkommen. Was steckt dahinter?

Caca: Ein Typ von Adenomen ragt mit einem Stiel in den Darm hinein. Diese Form kann bei der Endoskopie mit einer Schlinge herkömmlich entfernt werden. Andererseits gibt es flache Adenome, die an der Darmwand anliegen und schwer entfernbar sind, gelegentlich sogar operiert werden müssen.

Hinter diesen beiden Typen stehen am Ende wahrscheinlich unterschiedliche mechanische Faktoren, die das Gewebewachstum beeinflussen. Auf der anderen Seite gibt es auch molekularbiologische Faktoren. Im Darm auf der rechten Körperseite entstehen flache Adenome in der Regel aus serratierten Adenomen. Diese haben eine andere Molekularbiologie als gestielte Polypen, die vor allem im linksseitigen Darm vorkommen.

Wir zielen auch auf die Entfernung von Polypen ab, bei denen der Rand einer vorherigen Abtragung vernarbt ist und die man deshalb nicht mehr abheben und mit der Schlinge abtragen kann. Außerdem gibt es am Abgang zum Blinddarm manchmal flache Polypen. In beiden Fällen musste bisher immer operiert werden.

Wie läuft ein Eingriff mit dem FTRD ab?

Caca: Bei diesem Eingriff wird die gesamte Darmwand in einem kleinen Abschnitt komplett entfernt, einschließlich der Muskelschicht und der Adventitia, der äußeren Bindegewebsschicht. Bei der Polypenentfernung mit einer Schlinge wird die äußere Muskelschicht stehen gelassen, um keine Verletzung der Darmwand zu riskieren. Deshalb konnten bisher nur gestielte Polypen entfernt werden oder flache Polypen, die man vorher aufgespritzt hat.

Zuerst wird die Darmwand ein Stückweit in die Kappe des Endoskops gezogen. Wir befestigen einen Clip an der Basis dieses Stücks und entfernen es knapp oberhalb des Clips mit einer Schlinge. Der Clip stellt sicher, dass die Darmwand verschlossen bleibt.

Wie lange benötigt diese Wunde zur Heilung, beziehungsweise wie lange bleibt der Clip im Körper?

Caca: Das können wir bisher noch nicht zu 100 Prozent sagen, denn es fehlen noch Studien an größeren Patientengruppen. Die ersten Fälle zeigen aber, dass sich nach drei Monaten zwischen zwei Drittel und drei Viertel der Clips von selber lösen und ausgeschieden werden. Das passiert als Teil des natürlichen Heilungsprozesses. Ansonsten könnten wir ihn auch manuell entfernen, was im Zuge der Verlaufsbeobachtung nach dem Eingriff möglich ist.
Grafik: Entfernung eines Darmpolypen mit der Schlinge

Während gestielte Adenome mit einer Schlinge entfernt werden können, musste bei flachen Adenomen bisher operiert werden. Das "Full Thickness Resection Device" kann das ändern; ©panthermedia.net/ Eraxion

Diese Eingriffstechnik ist also relativ neu, welche Anforderungen bestehen an die behandelnden Ärzte?

Caca: Der Anwender muss sehr erfahren sein in der Endoskopie, in der Koloskopie und den verschiedenen Arten der Polypentherapie. Er sollte auch Erfahrung mit dem Clip für den Wundverschluss haben. Dieser wird ja nicht nur bei der Vollwandresektion eingesetzt, sondern beispielsweise auch zum Stillen von Blutungen.

Außerdem gibt es ein spezielles eintägiges Training mit einer Eignungsprüfung, für die die Teilnehmer eine Art „Führerschein“ für das FTRD erhalten. Dieses Training führen wir in Stuttgart zusammen mit dem Hersteller Ovesco durch. Erst danach darf das FTRD eingesetzt werden.

Welche Risiken birgt der Eingriff?

Caca: Wie bei jeder Polypektomie besteht ein Blutungsrisiko und auch ein Perforationsrisiko. Das ist uns bisher aber noch nicht passiert.

Wie sah denn die bisherige Erprobung des Geräts aus?

Caca: Anfangs gab es natürlich ausführliche Tierstudien. Und kürzlich haben wir die Ergebnisse einer ersten Serie mit 25 Patienten veröffentlicht. Bei 24 von ihnen konnten wir den Polypen abtragen. Die pathologische Untersuchung hat schließlich gezeigt, dass die Polypen in 75 Prozent der Fälle komplett abgetragen wurden. In den restlichen Fällen kann man den Eingriff wiederholen, wenn die erste Wunde abgeheilt ist.

Wie planen Sie, die Erprobung fortzuführen?

Caca: Wir haben eine deutschlandweite, multizentrische Studie gestartet, um das FTRD unter kontrollierten Bedingungen weiter testen zu können. Das Gerät ist zwar bereits käuflich für Absolventen des Trainings zu erwerben. Es wird europaweit mit einer CE-Zertifizierung vertrieben. In den USA wird es nicht verkauft, weil die FDA-Genehmigung fehlt. Uns fehlt aber noch eine große Datenbasis, deshalb gibt es weitere Studien: Von den ersten Patienten wissen wir, dass der Einsatz sicher ist und dass es bis auf eine kleine Nachblutung, die endoskopisch gestillt wurde, keine Komplikationen gab, aber die Behandlung muss mit einem größeren Patientenkollektiv erprobt werden.
Foto: Timo Roth; Copyright: B. Frommann

© B. Frommann

Das Interview wurde geführt von Timo Roth.
MEDICA.de