Etwa 100.000 Menschen sitzen in Deutschland im Rollstuhl, weil ihr Rückenmark verletzt ist, jedes Jahr kommen etwa 1.800 Gelähmte hinzu. Denn ein durchtrenntes Rückenmark kann keine Signale mehr vom Gehirn in die Beine leiten. Eine Diagnose, die keine Hoffnung birgt: „Bisher gibt es kein Medikament, das die Nerven in der Wirbelsäule wieder wachsen lässt“, erklärt Professor Hans Jürgen Gerner, Leiter der Abteilung Orthopädie II der Universitätsklinik Heidelberg.

Nach einem Wirkstoff, der das Rückenmark regeneriert, suchte auch Professor Martin E. Schwab von der Universität Zürich. Dabei entdeckte er Ende der 80er Jahre, dass Nerven, die aus dem Rückenmark stammen, innerhalb kürzester Zeit gedeihen, wenn sie komplett isoliert sind. Fügt man Zellen zu diesen Nerven hinzu, die das Rückenmark eigentlich umgeben, dann geschieht nichts. Schuld ist ein Eiweißkörper, der an den Zellen haftet und die Nerven daran hindert zu wachsen. Dieses Protein mit Namen Nogo ('Geht nicht’) nutzte Schwab als Angriffspunkt und entwickelte den Anti-Nogo-Antikörper, der sich an Nogo andockt und ihn dadurch neutralisiert.

„In Tierversuchen in den 90er Jahren war dieser Wirkstoff bereits sehr erfolgreich“, erzählt Gerner. „In Ratten, bei denen das Rückenmark verletzt wurde, sind nach der Behandlung mit dem Wirkstoff um den Verletzungsbereich herum Nerven wieder nach unten gewachsen. Auch bei Versuchen mit menschenähnlichen Primaten war das Anti-Nogo wirksam.“

Auf diese Ergebnisse baut nun eine europaweite Phase-1-Studie mit etwa 20 Patienten auf, die den Wirkstoff auch am Menschen testet. In Deutschland ist die Uniklinik Heidelberg federführend. Alle behandelten Patienten haben eine frische Rückenmarkverletzung. Denn das Medikament kann nur in den ersten 14 Tagen nach Verletzung verabreicht werden, da sich an der Bruchstelle schnell Narben bilden. „Die ist dann wie eine Betonwand, durch die die nachwachsenden Nerven gar nicht durchkommen können“, erklärt der Orthopäde.

Im Mittelpunkt der Untersuchung steht zunächst aber noch nicht, wie effektiv der Wirkstoff ist, sondern ob er überhaupt vertragen wird. „Bis wir Zahlen zu dieser Studie haben, wird es sicher bis nächsten Sommer dauern. Aber ich kann jetzt schon sagen, dass das Medikament ausgesprochen gut vertragen wird“, sagt Gerner. Ein Hoffnungsschimmer in der Rückenmarkforschung, denn „das ist bei einem Mittel, das völlig neu beim Menschen eingesetzt wird, schon etwas Besonderes.“

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