Europa: Patientenorientierung soll Krankenhäuser leiten

Interview mit Dr. Sara Pupato Ferrari, Präsidentin HOPE (European Hospital and Healthcare Federation)

19.11.2015
Foto: Dr. Sara Pupato Ferrari auf der EHC 2015

Dr. Sara Pupato Ferarri auf der EHC 2015; © beta-web/Stöter

Den Patienten in den Mittelpunkt stellen, ihm also eine aktive Rolle geben und mit ihm interagieren - das klingt für die Gesundheitsversorgung ziemlich naheliegend. Aber inwiefern passiert das tatsächlich in Krankenhäusern und wie kann das überall in Europa umgesetzt werden? Die EUROPEAN HOSPITAL CONFERENCE, die alle zwei Jahre auf der MEDICA stattfindet, befasst sich 2015 mit diesen Fragen.

MEDICA.de fragte Dr. Sara Pupato Ferarri, wie Patientenorientierung die Versorgung in europäischen Krankenhäusern verbessern kann und wie die EU-Politik dies unterstützt.


Frau Dr. Pupato Ferrari, das Leitthema der dritten EHC auf der MEDICA 2015 ist "Patientenorientierte Versorgung im Krankenhaus". Was genau ist damit gemeint, ist denn nicht alle Versorgung "patientenorientiert"?

Dr. Sara Pupato Ferrari: Natürlich sollte sich die Versorgung im Krankenhaus immer an den Bedürfnissen der Patienten orientieren. Daher haben wir dieses Leitthema für die dritte EHC gewählt. Es soll nicht nur diese offensichtliche Anforderung an die Versorgung im Krankenhaus deutlich machen, sondern ist für uns gleichzeitig Ziel und Leitbild unserer Arbeit.

Warum ist es so wichtig, dass der Patient im Mittelpunkt steht?

Pupato Ferrari: Nun, das ist schließlich sein gutes Recht! Jeder kann dies zum Beispiel in der Alma Ata-Deklaration der WHO von 1978 nachlesen. Dort steht in Artikel 5 ganz eindeutig: "Der einzelne Patient hat genau wie die Gemeinschaft der Patienten das Recht, in die Planung und Durchführung seiner Gesundheitsversorgung einbezogen zu werden." Man könnte auch auf die etwas aktuellere Charta der Grundrechte verweisen, die seit dem Vertrag von Lissabon rechtlich bindend ist. In Artikel 3 behandelt die Charta das Recht auf Unversehrtheit der Person.

Was sind aktuell die größten Herausforderungen, vor denen Krankenhäuser bei der Versorgung der Patienten stehen? Und wie kann ein patientenorientierter Ansatz helfen, diese zu bewältigen?

Pupato Ferrari: Abgesehen vom finanziellen Druck stehen viele Krankenhäuser gerade jetzt vor der Herausforderung, dass sie sich besser als bisher mit den anderen Komponenten des Gesundheits- und Sozialwesens vernetzen müssen. Besonders angesichts des steigenden Alters der Bevölkerung und vieler chronischer Krankheiten müssen wir anders und besser als bisher zusammenarbeiten. Und diese aktuellen und zukünftigen Herausforderungen lassen sich nur gemeinsam mit den Patienten und ihren Betreuern meistern.

Das hat sowohl für Krankenhäuser als auch für andere Gesundheitsdienstleister verschiedene Vorteile. So profitieren die Krankenhäuser natürlich von den Erfahrungen der Patienten, die oft im Kontakt mit anderen Gesundheitsdienstleistern stehen. So kann sichergestellt werden, dass mit Versorgung und Produkten wirklich auf die Bedürfnisse der Patienten eingegangen wird. Ganz grundsätzlich kann so ein besseres und auch nachhaltigeres Funktionieren der Gesundheitssysteme erreicht werden.

Wie unterstützt die aktuelle Politik der EU Verbesserungen in der Patientenversorgung?

Pupato Ferrari: Bei allen Komponenten der europäischen Gesundheitssysteme gibt es eine Vielzahl verschiedener Situationen, sowohl was die rechtlichen Rahmenbedingungen angeht, als auch in Bezug auf die praktische Umsetzung. Außerdem gibt es eine große Anzahl verschiedener Patientenverbände in allen Mitgliedsländern der EU. Die Politik der EU versucht, die Versorgung für alle Bürger zu verbessern, indem Expertise aus verschiedenen Bereichen zusammengebracht wird.

Durch diese vielen Unterschiede gibt es viel zu lernen. HOPE hat bereits an einigen von der EU mitfinanzierten Projekten mitgearbeitet, bei denen es um die Patientenorientierung ging. Um nur ein paar der aktuellsten Projekte zu nennen: Bei "AgeingWell" geht es um das Zusammenbringen einer Gemeinschaft von Akteuren im Gesundheitssystem, die älteren Menschen die Vorteile von ICT-Lösungen vermitteln sollen, um gesundes Älterwerden zu unterstützen.

Bei zwei weiteren Projekten steht die Patientensicherheit im Vordergrund: Sowohl das "European network on patient safety" als auch die "Joint action on Patient Safety and Quality" haben die Erhöhung der Patientensicherheit und die Verbesserung der Versorgungsqualität durch Informations- und Erfahrungsaustausch und die Einführung bestimmter "Best Practices" zum Ziel.

Ein anderes Projekt beschäftigte sich mit der grenzüberschreitenden Versorgung: Bei "HonCab" geht es insbesondere um die finanziellen Aspekte und Probleme, die auftreten, wenn ein Patient in einem EU-Mitgliedsland versorgt werden muss, das nicht sein Heimatland ist.

Gibt es einzelne Krankenhäuser in Europa die durch ihre Arbeit als Beispiele dafür dienen können, was "Patientenorientierung" tatsächlich bedeutet?

Pupato Ferrari: Natürlich gibt es die. Wir bei HOPE haben immer schon großen Wert darauf gelegt, diese beispielhaften Kliniken und ihre Best Practices auch dem medizinischen Personal anderer Einrichtungen vorzustellen. Das machen wir unter anderem mit Austauschprogrammen, Studienreisen und verschiedenen Fachpublikationen sowie durch die Teilnahme an verschiedenen Projekten wie denen, die eben angesprochen wurden.

Welchen Stellenwert haben die MEDICA und der EHC als politische Plattformen für Sie?

Pupato Ferrari: Der EHC bietet immer eine gute Gelegenheit für die drei Organisationen (HOPE; EAHM, the European Association of Hospital Managers; AEMH, European Association of Senior Hospital Physicians), sich zu treffen und auszutauschen.

 
 
Foto: Timo Roth

© B. Frommann





Das Interview wurde geführt von Timo Roth und aus dem Englischen übersetzt von Daniel Stöter.
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