Experimenteller Wirkstoff lindert Beschwerden bei Hirnerkrankungen

16.10.2015
Foto: Alzheimerpatientin mit Pflegerin

Der ständige Kampf gegen Alzheimer: Kann der Wirkstoff "anle138b" den Krankheitsverlauf auch bei Menschen verlangsamen?; ©panthermedia.net/alexraths

Forscher des DZNE in Bonn haben gemeinsam mit Kollegen aus München und Göttingen einen neuartigen Wirkstoff untersucht, der als Prototyp für die Entwicklung von Medikamenten gegen Alzheimer und andere Hirnerkrankungen dienen könnte. Die Substanz "anle138b" linderte bei Mäusen Krankheitsbeschwerden und verbesserte deren kognitive Leistung.

"Wir haben festgestellt, dass dieser Wirkstoff das Verklumpen der Tau-Proteine verhindert. Dieses Zusammenkleben ist typisch für Alzheimer und andere Hirnerkrankungen aus der Gruppe der Tauopathien", erläutert DZNE-Forscher Dr. Martin Fuhrmann, der für die aktuelle Studie unter anderem mit Fachkollegen der Ludwig-Maximilians-Universität München (LMU) und des Max-Planck-Instituts für biophysikalische Chemie in Göttingen kooperierte. "Die Behandlung mit "anle138b" bietet eine Möglichkeit, um in das Krankheitsgeschehen einzugreifen."

Im Normalzustand festigen die Tau-Proteine das Grundgerüst von Nervenzellen des Gehirns. Dieses Skelett verleiht der Zelle mechanische Stabilität und dient zugleich als Verkehrsnetz für Substanzen, die für den Stoffwechsel erforderlich sind. Bei Alzheimer und anderen Tauopathien sind die Tau-Proteine jedoch verändert: Sie lösen sich vom Zellgerüst und legen sich zu Klumpen zusammen. Infolgedessen zerfällt das zelluläre Skelett allmählich und die Versorgung innerhalb der Zelle gerät ins Stocken. Die Hirnzelle verkümmert und kann sogar absterben.

"Anlass für die Untersuchungen waren unsere vorausgehenden Studien, in denen wir eine hohe Wirksamkeit auf die Bildung krankhafter Eiweißablagerungen zeigen konnten", so Prof. Armin Giese vom Zentrum für Neuropathologie und Prionforschung der LMU. "Diese haben uns vermuten lassen, "anle138b" könnte die Aggregation von Tau-Proteinen unterbinden."

Die von den Wissenschaftlern behandelten Mäuse zeigten aufgrund eines Gendefektes diverse Merkmale einer Tauopathie, wie sie auch bei Menschen auftreten. Dazu gehörten neben verklumpenden Tau-Proteinen kognitive Störungen und eine verkürzte Lebensdauer. Wie sich nun zeigte, wirkt die über die Nahrung verabreichte Substanz nicht nur auf molekularer Ebene. Sie beeinflusst auch Krankheitssymptome. "Das Gedächtnis- und Orientierungsvermögen der Mäuse verbessert sich. Außerdem verlängert sich die Lebenszeit", sagt Fuhrmann. Darüber hinaus stellten die Wissenschaftler fest, dass die therapierten Mäuse im Vergleich zu unbehandelten Tieren weniger Nervenzellschäden aufwiesen.

"Im Gegensatz zu anderen Wirkstoffen ist "anle138b" aufgrund seiner chemischen und metabolischen Eigenschaften oral verfügbar, verbleibt über Stunden im Körper und wirkt gezielt auf das Verklumpen der Proteine", so Prof. Christian Griesinger vom Max-Planck-Institut für biophysikalische Chemie, in dessen Team der Wirkstoff synthetisiert wurde.

"Er kann die Erkrankung im untersuchten Tiermodell zwar nicht aufhalten. Aber er scheint den Krankheitsverlauf zu verlangsamen", meint Fuhrmann. "Insofern ist "anle138b" ein möglicher Ausgangspunkt für die Entwicklung von Medikamenten, die die Aggregation von Tau-Proteinen verhindern." Ob daraus ein für den Menschen wirksames Medikament wird, bleibt abzuwarten und wird sicherlich mehrere Jahre in Anspruch nehmen. Derzeit wird der Wirkstoff "anle138b" in einer gemeinsamen Ausgründung der LMU und der Max-Planck-Gesellschaft weiterentwickelt.

MEDICA.de; Quelle: Deutsches Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen e.V.

Mehr über das DZNE unter: www.dzne.de