Für Ärzte ist auch die Perspektive des Patienten wichtig

Interview mit Dr. Heiner Heister, Vorsitzender des Ausschusses "Arzt-Patienten-Kommunikation" der Ärztekammer Nordrhein

01.04.2015

 
Foto: Dr. Heiner Heister

Dr. Heiner Heister; ©Jochen Rolfes

Kommunikation ist der Schlüssel zum Erfolg, auch im Arzt-Patienten-Verhältnis. Gegenüber früher hat sich dieses Verhältnis aber etwas gewandelt: Ärzte sind zwar nach wie vor die Experten, aber auch Patienten wissen, dank Internet und Populärwissenschaft, mittlerweile mehr über Gesundheit und Krankheit. "Der informierte Patient" ist für Ärzte aber kein Problem, sondern Anlass für mehr Verständnis.

Im Interview mit MEDICA.de spricht Dr. Heiner Heister über den informierten Patienten in der Arztpraxis, wie Mediziner einen Diskurs unterstützen können und was einer umfassenden Kommunikation mit dem Patienten letztendlich im Wege steht.

Herr Dr. Heister, wir sprechen über das Thema "Der informierte Patient" – gibt es den in Ihren Augen?


Heiner Heister: Der Grad der Informiertheit ist aus Sicht eines Fachmannes, wenn er mit einem Laien in seinem Feld umgeht, natürlich immer relativ. Selbst hochdifferenzierte, kritische Menschen werden in dieser Hinsicht gewissermaßen rat- und hilflos, wenn sie krank sind. Ein qualifizierter Arzt muss in angemessener Weise damit umgehen können und das immer in seinem Verhalten berücksichtigen.

Wann wäre denn ein Patient über sich und seinen Zustand ausreichend informiert?

Heister: Dann, wenn der Arzt ihm nach bestem Bemühen und Ermessen dargelegt hat, wie die gesundheitliche Situation ist, welche Konsequenzen daraus folgen und welche Maßnahmen ergriffen werden können. Der Arzt muss sich außerdem davon überzeugt haben, dass der Patient das alles auch tatsächlich nachvollzogen hat.

Wie stehen Sie dazu, wenn ein Patient mit bestehendem Wissen in die Sprechstunde kommt – sich beispielsweise mit Symptomen auseinandergesetzt und im Internet recherchiert hat?

Heister: Das ist grundsätzlich zu begrüßen. Dieser Patient ist interessiert und hat vielleicht auch schon Vorstellungen von seiner gesundheitlichen Situation entwickelt. Als Arzt versuche ich dann, die Perspektive des Patienten einzunehmen, und bringe taktvoll meine fachliche Sichtweise ein. Idealerweise entwickelt sich dann ein Diskurs.

Foto: Patient spricht mit zwei Ärzten über ein Röntgenbild

"Idealerweise entwickelt sich ein Diskurs": Wenn Patienten sich selbst für ihren Zustand interessieren und sich auch unabhängig vom Arzt darüber informieren, können beide Parteien sich "auf Augenhöhe" begegnen; ©panthermedia.net/werner.heiber

Und wie reagiert man auf falsche Vorstellungen beim Patienten?

Heister: Dann muss man ergründen, wie der Patient zu dieser Ansicht kommt und welche Belege er dafür hat. Wer als Arzt diese Grundlagen kennt, kann sie auch entkräften und solche Vorstellungen wieder geraderücken. Es hat natürlich nicht jeder Patient eine akademische Vorbildung. Man kann aber auch komplexe medizinische Zusammenhänge in einfacheren Worten ausdrücken. Das müssen Ärzte üben.

Wissen wird ja gerade im Internet immer einfacher zugänglich. Können sich Ärzte denn trotzdem noch als sogenannte "Halbgötter in Weiß" fühlen und nach Gutdünken mit Patienten umgehen?

Heister: Nein. Das war schon immer ein Zerrbild, und heute ist es das erst recht. Schon während meines Studiums, ich bin selber Allgemeinarzt, Psychosomatiker und Psychotherapeut, habe ich zwar berechtigte Kritik gehört. Das war in den 70ern, während der Studienreform und der Psychiatriereform. Aber ich bin mir sicher, dass das Personal und die Ärzte, meine damaligen Vorgesetzten, nicht nach Gutdünken mit irgendeinem Patienten umgegangen wären. Heute nimmt das Selbstbestimmungsrecht des Patienten in der Rechtsordnung einen dermaßen hohen Rang ein, dass Ärzte einsame Entscheidungen in der Behandlung gar nicht mehr treffen können. Natürlich gibt es, damals wie heute, Verbesserungsmöglichkeiten, das will ich nicht bestreiten.

Und was könnte man verbessern?

Heister: Die Ausbildung zum Beispiel. Bei der genannten Studienreform wurden die medizinische Psychologie und die medizinische Soziologie in die vorklinische Ausbildung eingeführt. Das war sicher ein wichtiger Schritt. Heutzutage gibt es als Prüfungsgegenstand im zweiten und dritten Abschnitt die ärztliche Gesprächsführung. Das ist nicht weniger wichtig.

Leider kann aber nicht viel davon im Alltag der Krankenhäuser und Praxen umgesetzt werden. Bei Personalausdünnung und Rationalisierungsmaßnahmen aller Art sind Gesichtspunkte der Patient-Arzt-Beziehung und der Kommunikation eher nachgeordnet. Die Arbeitsverdichtung lässt nur wenig Zeit für intensivere Gespräche.
Foto: Arzt hält eine gefüllte Spritze in die Kamera

Bringen immer wieder Stoff für Diskussionen: Impfungen. Ärzte sollten sich aber auch mit den Argumenten und Standpunkten von skeptischen Patienten auseinandersetzen; ©panthermedia.net/melis

Es gibt immer wieder vermeidbare Ausbrüche von Krankheiten, wie aktuell die Masern. Wie kann man als Arzt einem sehr skeptischen Patienten begegnen, der beispielsweise Impfungen ablehnt?

Heister: Rein fachlich muss man sehr versiert sein und die aktuelle Forschungslage kennen. Und dann, auch wenn es vielleicht schwerfällt, wirklich die Perspektive des besorgten oder betroffenen Menschen einnehmen, dem man gegenüber sitzt. Wer eine sinnvolle und erprobte Maßnahme ablehnt, ist ja nicht automatisch "dumm", bloß weil er die Wissenschaft dahinter nicht kennt. Diese Patienten haben schließlich auch ihre Argumente. Es erleichtert Vieles, wenn man dort zuzuhören und zu verstehen versucht, wie die Argumente und die psychosozialen Hintergründe aussehen. Dann fühlen die Patienten sich auch ganz anders an- und ernstgenommen.

Ihre Einschätzung: Gibt es genug informierte und mündige Patienten?

Heister: Nein, ich glaube nicht. Die kann es außerdem auch gar nicht geben. Die Medizin entwickelt sich so rasant, dass selbst Ärzte nur schwer mithalten können. Mit den Patienten in Kontakt zu bleiben, ist ein andauernder Prozess, den vor allem die Ärzte in der Basisversorgung, die Hausärzte, schultern müssen.
Das ist letztendlich auch ein wirtschaftliches Problem. Kein basisversorgender Arzt erhält ein angemessenes Honorar dafür, einen Patienten eine Stunde lang zu beraten, damit dieser zum Beispiel seine Medikamente komplett mit allen Wirkmechanismen und Nebenwirkungen versteht. Währenddessen steht die Praxis still und er zahlt gnadenlos drauf. Da sind noch immense strukturelle Fragen zu klären.
Foto: Timo Roth; Copyright: B. Frommann

©B. Frommann

Das Interview wurde geführt von Timo Roth.
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