Der gesunde Menschenverstand sagt, dass Patienten auf Intensivstationen vermutlich einen höheren Überlebensvorteil haben dürften, wenn sie von speziell ausgebildeten Intensivmedizinern behandelt werden. Bewiesen wurde dies bislang aber kaum. Und jetzt kommen auch noch Daten, die eher das Gegenteil andeuten.

Eine Arbeitsgruppe um Dr. Mitchell M. Levy vom Rhode Island Hospital in Providence hat sich der heiklen Frage gestellt, ob jene Patienten, die auf Intensivstationen von Intensivmedizinern behandelt werden einen Überlebensvorteil haben im Vergleich zu Patienten, die in der Obhut von Ärzten anderer Fachrichtungen sind. Dazu nutzten sie retrospektiv Daten einer großen prospektiven Studie mit schwer kranken Intensivpatienten.

Die insgesamt 101.832 Schwerkranken, deren Daten in die Studie einflossen, hatten auf 123 verschiedenen Intensivstationen US-amerikanischer Krankenhäuser gelegen. Erstaunlicherweise zeigen die Daten, dass jene Patienten, um die sich ein Intensivmediziner kümmerte, eine höhere Mortalität aufwiesen als Patienten von Ärzten anderer Fachrichtungen. Selbst als man die Schwere der Erkrankung statistisch heraus rechnete zeigte sich noch immer ein leichter Überlebensvorteil für Patienten, die nicht von speziell ausgebildeten Intensivmedizinern behandelt wurden.

Natürlich ist dieser Befund, der auch die Studienleiter überraschte, erklärungsbedürftig. Die Studienleiter kommen mit Erklärungsversuchen: Möglicherweise, so schreiben sie, verlassen sich Intensivmediziner bei der Behandlung eher auf ihre unbestreitbare Erfahrung als auf standardisierte Leitlinien, während andere Ärzte, vielleicht aus Angst, etwas falsch zu machen, sich genau an medizinische Leitlinien halten. Bewiesen ist diese Erklärung aber nicht. Weitere Studien sollen dies nun untersuchen.

MEDICA.de; Quelle: Annals of Internal Medicine 2008, Vol. 148, S. 801-809