Fakten zum Screening oft unzureichend vermittelt

Nur korrekt informierte Patientinnen
können sich richtig entscheiden
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Das Bundesministerium für Gesundheit und Soziale Sicherung (BMGS) empfiehlt Frauen im Alter von 50 bis 69 Jahren, am qualitätsgesicherten Mammographie- Sceening-Programm teilzunehmen. „Experten schätzen, dass bei einer 70-prozentigen Teilnahme der Frauen in dieser Altersklasse die Sterblichkeit an Brustkrebs um 15 bis 30 Prozent reduziert werden kann“, so Reinhild Meinel, eine Sprecherin des BMGS.

Solch eine Aussage hält Prof. Gerd Gigerenzer vom Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin (MPIB) für missverständlich: „Viele schließen daraus, das von 100 Frauen mit Brustkrebs 15 bis 30 gerettet werden können“. Absolut gesehen drücken sich diese Zahlen anders aus: Von 1.000 teilnehmenden Frauen sterben ohne Screening acht Frauen an Brustkrebs, mit Screening sind es sechs. Die Brustkrebs-Todesfälle reduzieren sich um zwei Teilnehmerinnen pro 1.000. Forscher wie die dänischen Wissenschaftler sehen in diesen Zahlen keinen Nutzen des Massenscreenings, wie sie in der Fachzeitschrift „The Lancet“ 2001 publizierten.

„Frauen haben ein Recht darauf, die Fakten verständlich und vor allem vollständig übermittelt zu bekommen“, so Gigerenzer. Was die wenigsten Frauen wüssten: Lediglich bei einer von zehn Patientinnen wird bei positivem Mammographiebefund auch ein malignes Mammakarzinom gefunden. „Viele Ärzte wissen das selbst nicht“, merkt Gigerenzer dazu an. Denn in einer Studie befragte er 24 Ärzte an privaten und kommunalen Krankenhäusern: Lediglich zwei der Teilnehmer konnten die korrekte Anzahl benennen, der Rest schätzte die Wahrscheinlichkeit im Bereich von einem bis 90 Prozent.

„Aufgrund der falsch-positiven Befunde müssen sich zahlreiche Frauen nachuntersuchen lassen“, sagt Gigerenzer. Für die Frauen seien diese Arztbesuche als potentielle Krebspatientinnen sehr belastend. Unnötige Gewebeentnahmen könnten ebenfalls nötig sein. Gigerenzer rechnet damit, dass jede zweite Frau, die zwanzig Jahre am Screening teilnimmt, eine unnötige Biopsie über sich ergehen lassen muss. Die Patientinnen bräuchten diese Informationen, um sich ein Urteil bilden zu können.

Soviel zur Statistik, doch was empfehlen Ärzte in den Brustkrebszentren? Prof. Dr. Ulrich Bick vom Institut für Radiologie an der Charité Berlin steht hinter der Empfehlung des BMGS. Die gesenkte Mortalität rechtfertige die weiteren Belastungen der falsch-positiv befundeten Frauen, so der Radiologe. Er schätzt den positiven Vorhersagewert höher ein und bezieht sich dabei nur auf europäische, nicht auf US-amerikanische Studienergebnisse: Nicht bei jeder zehnten, sondern bei jeder vierten Frau mit positivem Mammographiebefund werde auch ein Karzinom gefunden.

cg / MEDICA.de