Kleine Vorabstudie: Fast jeder Patient schluckt zu viele Pillen

18.11.2013
Foto: Tablettenbox

Ein Drittel aller Medikamente werden ohne wissenschaftliche Begründung verschrieben; © panthermedia.net/
Rüdiger Rebmann

Ein Drittel aller Medikamente werden ohne wissenschaftliche Begründung verschrieben. Das Institut für Allgemeinmedizin und Familienmedizin der Uni Witten/Herdecke plant große Untersuchung mit niedergelassenen Medizinern.

Fast ein Drittel der Medikamente werden ohne „Evidenzbasis“ verschrieben, das heißt, dass es keinen wissenschaftlichen Nachweis für den Nutzen gibt. Das ist ein Ergebnis einer kleinen Vorabstudie (169 Patienten aus 22 allgemeinmedizinischen Praxen) der Arbeitsgruppe von Prof. Andreas Sönnichsen, Leiter des Instituts für Allgemeinmedizin und Familienmedizin der Universität Witten/Herdecke.

In dieser Studie wurden Patienten untersucht, denen im Durchschnitt etwa neun verschiedene Medikamente pro Tag verordnet worden waren. Im Mittel fand sich bei 2,7 Medikamenten/Patient keine wissenschaftliche Begründung für die Verordnung. Über 90% der Patienten wiesen mindestens eine unbegründete Arzneimittelverschreibung auf. Darüber hinaus fanden sich Dosierungsfehler (in 56% der Patienten), relevante Interaktionen zwischen den Medikamenten (in 59% der Patienten) und Verordnungen von Medikamenten, die bei alten Menschen nicht verordnet werden sollten (37% der über 65jährigen).

„Die Hausärzte der betroffenen Patienten fühlen sich überfordert. Wie sollen sie die langen Medikationslisten, mit denen Patienten aus der Klinik entlassen werden oder von verschiedenen Fachärzten zurückkommen, kritisch durchforsten? Wie sollen sie entscheiden, welches Medikament wirklich erforderlich ist?“, fragt Sönnichsen.

Medikamente sollen helfen, Krankheiten zu heilen und Leiden zu lindern, doch nicht selten wird das Gegenteil erreicht. Und viel zu häufig werden Medikamente unnötigerweise gegeben, und viel zu viele. Das Ergebnis ist „Polypharmazie“ - ein Pillencocktail mit negativen Folgen für den Patienten, im günstigsten Fall nur reversible Nebenwirkungen, aber nicht selten gerade bei älteren Patienten unnötige Krankenhausaufnahmen oder gar Todesfälle. Nach Studien aus den Niederlanden, Österreich und vielen anderen Ländern sind 5-10% aller internistischen Krankenhausaufnahmen von älteren Patienten auf unerwünschte Arzneimittelwirkungen zurückzuführen.

In einer neuen europaweiten Studie des Instituts für Allgemeinmedizin der Universität Witten/Herdecke unter der Leitung von Sönnichsen soll den Hausärzten nun geholfen werden. Unter Berücksichtigung von Diagnosen, Laborwerten und Begleiterkrankungen wird eine elektronische Entscheidungshilfe Vorschläge machen, welche Medikamente am ehesten entbehrlich oder gar schädlich sind.

MEDICA.de; Quelle: Universität Witten/Herdecke