Fehlende Folsäureanreicherung in Europa verursacht Fötalsterblichkeit

07.09.2015
Foto: Mädchen küsst schwangeren Bauch der Mutter

Die Häufigkeit von Neuralrohrdefekten kann durch obligatorische Folsäureanreicherung halbiert werden; ©panthermedia.net/ Michael Kempf

Eine neue internationale Studie zeigt, dass bei jährlich 5000 Föten in Europa Neuralrohrdefekte (Spina bifida und andere schwere Defekte des zentralen Nervensystems) auftreten.

70% dieser Schwangerschaften werden vorzeitig beendet, da diese Fehlbildungen zu erhöhter Mortalität oder zu schwerwiegenden Fehlbildungen bei den Kindern führen. Mindestens die Hälfte dieser Fälle könnte verhindert werden, wenn ausgewählte Grundnahrungsmittel mit Folsäure angereichert würden, wie dies bereits in 70 nicht-europäischen Ländern seit über 15 Jahren praktiziert wird.

Die fehlende Folsäureanreicherung von Grundnahrungsmitteln (z.B. Mehl) in Europa ist ursächlich verantwortlich für jährlich mehrere tausend Fälle von fötalen Fehlbildungen wie offener Rücken (Spina bifida). Diese angeborenen Defekte führen zu Fehlverlagerung des Rückenmarks. Im besten Fall lässt sich bei leichteren Fällen von Spina bifida dies durch einen chirurugischen Eingriff korrigieren, und dennoch sind diese Fälle oft in unterschiedlichem Ausmaß mit Behinderungen verbunden. Im schlimmsten Fall (unzureichende oder fehlende Entwicklung des Gehirns) wird das Neugeborene nur wenige Tage überleben. Heutzutage werden zwei von drei Schwangerschaften mit Neuralrohrdefekten durch Abort beendet, nachdem die Diagnose zu Beginn der Schwangerschaft gestellt wurde.

Die Hälfte der jährlich geschätzten 5000 Fälle in Europa könnte verhindert werden, wenn Grundnahrungsmittel mit Folsäure angereichert würden. Denn Folat ist von entscheidender Bedeutung für die Ausbildung des Rückenmarkskanals in der frühen intrauterinen Entwicklung. In Europa wird gegenwärtig empfohlen, dass alle Frauen, die eine Schwangerschaft planen, ein folsäurehaltiges Supplement einnehmen sollten. Aber eine Auswertung über die letzten 11 Jahre zeigt, dass diese freiwillige Maßnahme, äußerst unzureichend ist, was mit schwerwiegenden Konsequenzen für die Entwicklung des Kindes verbunden ist.

Die Forschungsergebnisse der Aarhus Universität wurden gerade in der Fachzeitschrift Birth Defects Research veröffentlicht.

70 nicht-europäische Länder haben bereits eine obligatorische Anreicherung von Grundnahrungsmitteln mit Folsäure eingeführt, einschließlich der USA, wo dies bereits seit 17 Jahren praktiziert wird, so z. B. auch in Kanada und Australien. Diese Maßnahme hat die Häufigkeit von Neuralrohrdefekten um ca. 50% reduziert.

"Europäische Frauen haben Folat-Blutspiegel, die nur halb so hoch liegen, wie dies gegenwärtig von der WHO zur Prävention von Neuralrohrdefekten empfohlen wird. Zweifelsohne würde die gesetzliche Vorgabe zur Anreicherung von Folsäure in Grundnahrungsmitteln dazu führen, den Folat-Status von Frauen in vielen europäischen Ländern zu verbessern. Das würde die Anzahl der Neuralrohrdefekte vermindern und damit auch Kindersterblichkeit und diesbezügliche Erkrankungen bei Kindern reduzieren", sagt Prof. Rima Obeid vom Aarhus Institute of Advanced Studies der Universität Aarhus, die mit einem internationalen Autorenteam aus Deutschland, der Schweiz und den USA hinter dieser Auswertung steht.

Die Studienergebnisse basieren auf 9 Millionen registrierten Geburten in Europa über einen Zeitraum von 11 Jahren und zeigen dass 9,17 Fälle von Neuralrohrdefekten unter 10.000 Geburten vorkommen. Die Zahlen sind höher in nordeuropäischen Ländern, wie z.B. in Skandinavien, den Niederlanden und Deutschland, als in den südlichen Ländern.

Europäische Politiker zögern, derartige Maßnahmen einzuführen, weil sie Nebenwirkungen befürchten. Jedoch gibt es keine Hinweise für unerwünschte Nebenwirkungen, wie man dies z.B. durch entsprechendes Monitoring in den Ländern erkannt hat, die bereits seit mehr als 15 Jahren derartige Maßnahmen durchführen.

"Anreicherung der Grundnahrungsmittel mit einer geringen Menge an Folsäure ist für die Bevölkerung sicher, sowohl für alle Altersgruppen als auch für Männer und Frauen. Sie sind eine effektive Maßnahme, um angeborene Fehlbildungen zu vermeiden. Es ist die kosteneffektivste Maßnahme, jede Frau vor der Schwangerschaft zu erreichen und damit die Kindersterblichkeit und das Risiko für diesbezügliche Erkrankungen zu vermindern. Allerdings würde die Einleitung einer solchen Maßnahme die Zusammenarbeit zwischen Politikern, entsprechenden Fachverbänden, Wissenschaftlern und Gesundheitsexperten erfordern und landesspezifische Vorbereitungen und Monitoring voraussetzen," erklärt Obeid.

Die Studie zeigt weiterhin auf, dass das Auftreten von Neuralrohrdefekten wesentliche soziale und finanzielle Folgen hat. In Deutschland allein, das die höchste Zahl von Neugeborenen in Europa hat, könnten jährlich 441 Fälle dieser Fehlbildungen durch Folsäureanreicherung verhindert werden. Dies würde zu einer Kosteneinsparung im Gesundheitswesen von geschätzten 33 Millionen EUR pro Jahr führen (berechnet für Deutschland für das Jahr 2009).

MEDICA.de; Quelle: Aarhus University

Mehr über die Aarhus University finden Sie unter: www.au.dk