Psychisch kranke Menschen: Feste Bezugspersonen verbessern Therapie

20.02.2014
Foto: Arzt mit Patient

Ein Pilotprojekt der Universität Witten/Herdecke am St. Marien-Hospital in Hamm will die Behandlungsqualität verbessern; © panthermedia.net/nyul

Seit Anfang des Jahres werden psychisch kranke Menschen am St. Marien-Hospital in Hamm von einer festen Bezugsperson behandelt. „Wir wollen zeigen, dass sich so die Zahl der Behandlungsabbrüche und Rückfälle deutlich senken lässt, die Ergebnisqualität besser wird“, erklärt Prof. Dr. Karl H. Beine, Inhaber des Lehrstuhls für Psychiatrie und Psychotherapie der Universität Witten/Herdecke, den Ansatz.

Integrative Psychiatrie Hamm (IPH) heißt das auf acht Jahre angelegte Projekt. Bisher haben Patienten mit psychischen Erkrankungen im Laufe einer Krankenhausbehandlung mit verschiedenen Ärzten und Psychologen zu tun. Nach der Aufnahme werden sie meist schon nach einigen Tagen auf eine andere Station verlegt, später schließen sich Aufenthalte in einer Tagesklinik und ambulante Behandlungen an. Und darin sieht Beine das Problem: „Die Beziehung zum Therapeuten ist in der Behandlung psychischer Erkrankungen einer der stärksten Wirkfaktoren, den wir kennen. Das zeigen zahlreiche Forschungsarbeiten. Im derzeitigen System aber wird die Behandlung immer wieder abgebrochen, weil die Therapeuten häufig wechseln.“ Dem will Beine mit dem Modellprojekt IPH entgegen wirken: Ein Fall-Manager dient dem Patienten während der gesamten Behandlung als fester Ansprechpartner. Das wird in der Regel ein Oberarzt sein, der die gesamte Therapie und nicht nur einen Abschnitt im Blick hat.

Rund 20 Prozent der Bevölkerung benötigen mindestens einmal im Leben eine Behandlung. Bei der Krankenhausbehandlung sind die Fallzahlen von 1994 bis 2012 bundesweit um 58 Prozent gestiegen.“Die Krankenhausbehandlung bei psychisch kranken Menschen ist dringend reformbedürftig. Bei depressiv erkrankten Menschen sieht das so aus: Fast ein Drittel der Patienten zeigen innerhalb von zwei Jahren die gleichen Symptome wieder. Deswegen beschreiten wir neue Wege in Nordrhein-Westfalen zum ersten Mal“, sagte Heiner Beckmann, Landesgeschäftsführer der Barmer GEK Nordrhein-Westfalen bei der Vorstellung des Projekts.. Die Krankenkassen stellen dem St. Marien-Hospital ein festes Budget von ca. zwölf Millionen Euro zur Verfügung, was der Höhe der bisherigen Ausgaben entspricht. „Wir können mit dem Geld den Patienten die Behandlung anbieten, die medizinisch sinnvoll ist und die sie sich selber wünschen. Diese Freiheit haben wir jetzt, weil wir nicht mehr darauf achten müssen, dass wir vorgegebene Fallzahlen, Verweildauern oder Behandlungstage erreichen. Unsere Verpflichtung besteht darin, dass wir die gleiche Anzahl von krankenhausbehandlungsbedürftigen Menschen gemäß dem gegenwärtigen wissenschaftlichen Erkenntnisstand behandeln müssen, wie in den Vorjahren. Diese Behandlung kann in unserer Klinik erfolgen oder zu Hause. Mit anderen Worten also: ‚Wir behandeln nicht andere Patienten, sondern unsere Patienten anders’ “, fasst Beine das Modell zusammen.

MEDICA.de; Quelle: Universität Witten/Herdecke