Fett als beste Medizin: "Fettgewebe enthält sehr viele multipotente Stammzellen, etwa 500-mal mehr als Knochenmark"

Interview mit Dr. Inge Matthiesen, human med AG

Das von den meisten Menschen wenig geliebte "Hüftgold" könnte demnächst die Medizin revolutionieren. In Zusammenarbeit mit der Universität Rostock (Prof. Hermann Seitz) forscht die Firma human med AG derzeit daran, ein Gerät zu entwickeln, das intraoperativ Fettgewebe schonend entfernt und im Anschluss Stammzellen isolieren kann.

01/07/2014

Foto: Ältere Frau mit kurzen grauen Haaren und Brille - Dr. Inge Matthiesen; Copyright: privat

Dr. Inge Matthiesen; © privat

Das gewonnene Lipoaspirat soll zum Beispiel bei der Behandlung von Verbrennungen oder chronischen Wunden angewendet werden. Zum Thema sprach MEDICA.de mit Dr. Inge Matthiesen.

Frau Dr. Matthiesen, wofür kann im OP abgesaugtes Fett genutzt werden?

Dr. Inge Matthiesen
: In der Medizin verwendet man körpereigenes Fett bereits seit circa zehn Jahren, anfangs nur im Bereich der plastischen Chirurgie, um ästhetische Veränderungen zu erreichen. Mittlerweile wird es zum Beispiel aber auch zur Rekonstruktion der Brust nach einer Brustamputation infolge einer Krebserkrankung verwendet. Denn es ist möglich, die komplette Brust mit dem eigenen Fettgewebe wieder aufzubauen, wobei ästhetisch sehr ansprechende Ergebnisse erzielt werden. Dabei fiel besonders auf, dass das transplantierte Gewebe zu fast 80 Prozent im Empfängergewebe überlebte und kaum Komplikationen nach solchen Eigenfetttransplantationen auftraten. Darüber hinaus erzielte man ein besseres Bild bei Narben nach Bestrahlung — ohne recht zu wissen warum. Deshalb ist man der Frage nachgegangen, was die Besonderheiten des Eigenfetts sind und wie man es medizinisch nutzen kann.

Dabei hat man herausgefunden, dass das Fettgewebe sehr viele multipotente Stammzellen enthält, etwa 500-mal mehr als Knochenmark. Fortan zog man in Betracht, es für verschiedene Anwendungen zu nutzen, weil es so vielseitig ist. So kann es zum Beispiel helfen chronische, nicht heilende Wunden und Ulcera zu verschließen, etwa bei Patienten, denen mit herkömmlichen Methoden bislang nicht geholfen werden konnte. Besonders Patienten mit einem diabetischen Fuß-Syndrom müssen häufig immer noch mit einer Amputation des betroffenen Fußes rechnen. Wenn man aber Fettgewebe, sogenanntes Lipoaspirat, um und unter die Wunde injiziert, dann kann sich die Wunde wieder schließen. Ein weiteres Anwendungsfeld ist die Behandlung von Narben nach Unfällen, Verbrennungen oder Operationen sowie die Verwendung bei Gelenkserkrankungen.
Foto: Fettabsaugung; Copyright: panthermedia.net/lienkie

Fettabsaugung im OP; ©panthermedia.net/ lienkie

Gibt es Studien, die diesen Erfolg für die verschiedenen Krankheitsbilder belegen?

Matthiesen
: Wir selbst führen Studien durch und es gibt bereits einige Publikationen zu diesem Thema. Die europäische ADIPOA Studie, an der die Uniklinik Würzburg beteiligt war, und neuere Daten aus Tschechien und Polen zeigen die positive Verwendung von Stammzellen für Knie- und Hüftgelenkserkrankungen. Dr. Christian Herold berichtet in einer Behandlungsstudie der Plastischen Chirurgie des Sana Klinikums Hameln-Pyrmont, dass Patienten Fettgewebe in das Daumensattelgelenk der Hand injiziert wurde — mit sehr gutem Erfolg. Vor einigen Jahren konnte man sich das noch nicht vorstellen.

Das neu entwickelte Gerät, an dem Sie gerade zusammen mit Prof. Hermann Seitz von der Universität Rostock arbeiten, soll mit Wasserstrahltechnologie arbeiten. Wie funktioniert sie und was kann das Gerät noch?

Matthiesen
: Wir entwickeln Geräte zur intraoperativen Gewinnung von vitalen Fettzellen und Stammzellen. Dabei werden multipotente Stammzellen des Fettgewebes isoliert und konzentriert. Als Grundlage für diese Geräteentwicklungen dienen bereits zugelassene Systeme, mit denen wasserstrahlassisitierte Liposuktionen durchgeführt werden können. Die bei dieser Methode verwendete Kanüle aus medizinischem Edelstahl leitet einen fächerförmigen Sprühstrahl in das Gewebe, um es schonend aufzulockern. Im Anschluss können die unbeschädigten Fettzellen abgesaugt werden. Die so gewonnenen Zellcluster dürfen allerdings nicht größer als einen Millimeter sein, sonst können sie nach der Transplantation nekrotisieren. Das Gerät stellt deshalb auch sicher, dass die Größe nicht überschritten wird.
Grafik: Kanüle im Fettgewebe; Copyright: human med AG

Mit einem fächerförmigen Strahl wird das Fettgewebe gelockert und im Anschluss schonend abgesaugt; ©human med AG

Wie werden die Zellen im Gerät aufbereitet?

Matthiesen
: Das Fettgewebe wird in einem geschlossenen System abgesaugt, gewaschen, gefiltert und konzentriert, sodass es zur sofortigen Reinjektion zur Verfügung steht. Im Unterschied zu herkömmlichen Geräten, die schon ähnliches können, wird das neu entwickelte Gerät jedoch wesentlich kleiner sein. Hier sollen Absaugmengen von 10 bis 100 Milliliter erzielt werden. Herkömmliche Geräte zur wasserstrahlassistierten Liposuktion können bis zu zehn Liter entfernen, sie wären also stark überdimensioniert. Im nächsten Schritt werden die Stammzellen in einem neuartigen Verfahren intraoperativ isoliert. Der Arzt kann die Stammzellen dann nach circa dreißig Minuten steril entnehmen.

Wie bereits erwähnt gibt es verschiedene Geräte, die Fett absaugen können. Aus welchem Grund gibt es Bedarf für diese technische Überarbeitung?

Matthiesen
: Es geht darum beim Absaugen die Fett- und Stammzellen nicht zu beschädigen. Fettzellen sind sehr empfindlich und können leicht zerstört werden. Wir müssen also ein Gerät entwickeln, das zum einen besonders schonend Fettgewebe entfernt und zum anderen auch weiter aufbereitet, sodass es mit geeigneten Applikationsgeräten wieder reinjiziert werden kann. Des Weiteren möchten wir die Stammzellen intraoperativ isolieren können, damit sie für andere Behandlungsmethoden verwendet werden könne, zum Beispiel zur Behandlung der Osteoarthritis. Das ist heute noch Zukunftsmusik, aber es zeichnen sich bereits einige weitere interessante Behandlungen ab.
Foto: Simone Ernst; Copyright: B. Frommann

© B. Frommann

Das Interview führte Simone Ernst.
MEDICA.de