Flexibilität statt Perfektion hilft bei der Erregerabwehr

Wenn ein Fremdstoff in den Körper eindringt, werden Antikörper gebildet, die den Eindringling anhand eines bestimmten Stoffes, dem Antigen, erkennen und bekämpfen. Während der Abwehrreaktion, werden Gedächtniszellen gebildet. Diese sorgen dafür, dass bei einem erneuten Auftreten des Erregers schneller und stärker reagiert werden kann.

22.02.2016

 
Foto: Lymphknoten einer infizierten Maus

Lymphknoten einer infizierten Maus. Die verschiedenfarbigen Cluster sind Keimzentren mit unterschiedlichen Dominanz-Leveln; © Gabriel D. Victora

Einer in "Science" veröffentlichten Studie von Wissenschaftler des Whitehead Institutes for Biomedical Research, Cambridge, USA und des Helmholtz-Zentrums für Infektionsforschung (HZI) in Braunschweig, zufolge, ist es entgegen bisheriger Annahmen jedoch nicht so, dass ausschließlich nur Antikörper mit einem extrem passgenauen Schlüssel-Schloss-Prinzip für ein spezifisches Antigen gebildet werden.

Antikörper werden von einer bestimmten Art weißer Blutkörperchen, den B-Zellen oder B-Leukozyten, gebildet, die täglich durch unsere Lymphknoten patrouillieren und nach Pathogenen suchen. Wenn eine B-Zelle mit ihrem Rezeptor an ein Antigen bindet, wird diese Zelle entweder den halbwegs passenden Antikörper direkt produzieren oder sich an der Gründung eines Keimzentrums beteiligen. Keimzentren sind eine Ausbildungsstätte für Antikörper: Die B-Zellen vermehren sich dort, diversifizieren ihre Antikörper durch Mutation und optimieren ihn durch Selektion. "Dadurch steigert sich über die Zeit die Affinität der Antikörper zu den Antigenen. Es bleiben quasi nur noch die effektivsten über. Diesen evolutionären Vorgang bezeichnet man als Affinitätsreifung", sagt Michael Meyer-Hermann, Leiter der Abteilung "System-Immunologie" am HZI.

Im Rahmen eines vom Human Frontiers Science Program geförderten Projekts wollten Meyer-Hermann und sein Kollege Gabriel Victora vom Whitehead Institute for Biomedical Research diese Theorie überprüfen und herausfinden, wie genau es zur Affinitätsreifung kommt. Dazu kombinierten die Forscher Einzelzellsequenzierung mit Brainbow-Experimenten, einer in der Gehirn- und Entwicklungsforschung oft verwendete Methode. Darin werden die Mutterzellen mit zufälligen fluoreszierenden Proteinen gefärbt, diese geben sie dann an ihre Tochterzellen weiter. "So lässt sich genau erkennen, welche Abstimmungslinie die Zellen haben und welche Gründerzellen ein Keimzentrum dominieren", sagt Meyer-Hermann. "Nach dem bisherigen Erkenntnisstand gingen wir davon aus, dass nur wenige Zellen das Keimzentrum gründen und dass der starke Selektionsdruck zu einfarbigen Keimzentren führen sollte."

Die Resultate der Sequenzierung waren verblüffend: "Bisher ging man von drei bis fünf Gründerzellen pro Keimzentrum aus. Wir haben jetzt gezeigt, dass es eher 100 sind", sagt Meyer-Hermann. Die Brainbow-Experimente zeigten, dass die Keimzentren nicht so einfarbig werden wie gedacht. Neben einigen Zentren, die im Laufe des Antikörperselektionsprozesses einfarbig wurden, bestanden andere wiederum auch nach langer Zeit immer noch aus verschiedenen Farben. In diesen Zentren gab es also keine Dominanz eines bestimmten, sondern eine Koexistenz von vielen verschiedenen Antikörpern.
Ein Grund dafür könnte sein, dass es nicht immer von Vorteil ist, sich perfekt auf einen Erreger einzustellen. Schließlich entwickeln sich die Erreger selbst auch ständig weiter. "Je spezifischer die Antikörper wirken, desto schlechter können sie auf Mutationen in den Pathogenen reagieren", sagt Meyer-Hermann. "Eine gewisse Variabilität und Flexibilität könnte so entscheidend sein, um mit den sich ständig verändernden Pathogenen mitzuhalten".

Langfristig könnten die Erkenntnisse bei der Entwicklung neuer Impfstoffe helfen, schließlich sind Antikörper eine entscheidende Grundlage für diese. "Wenn wir wüssten, was das Verhältnis von klonal dominanten und diversen Keimzentren beeinflusst, könnten wir in Impfprotokollen die Diversität der induzierten Antikörper an die Mutationsgeschwindigkeit des Erregers anpassen", sagt Meyer-Hermann.

MEDICA.de; Quelle: Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung
Mehr über das HZI unter: www.helmholtz-hzi.de