Fortbildungen für Ärzte: "Man muss sich aus verschiedenen Quellen bedienen"

Interview mit Prof. Reinhard Griebenow, Ärztekammer Nordrhein

Was macht eine gute Fortbildung aus und wie können diese stets aktuell gehalten werden? MEDICA.de hat nachgefragt bei Prof. Reinhard Griebenow, unter anderem Vorsitzender des ÄkNo-Auschusses "Fortbildungsausschuss der Nordrheinischen Akademie für Fort- und Weiterbildung".

01.04.2016

Foto: Prof. Reinhard Griebenow

Prof. Reinhard Griebenow; © Ärztekammer Nordrhein

Herr Prof. Griebenow, wie schaffen Sie es als Arzt immer auf dem medizinisch aktuellsten Stand zu sein?

Reinhard Griebenow: Um als Arzt auf einem aktuellen Stand zu sein, muss man sich aus verschiedenen Quellen bedienen. Sicherlich aus digitalen Medien, Fachzeitschriften und bei Fachgesellschaften, aber natürlich muss man auch verschiedene Veranstaltungen besuchen. Die digitalen Medien werden dabei sicherlich noch mehr an Bedeutung gewinnen, bedingt dadurch, dass die Arbeitsverdichtung in den Kliniken und Praxen immer weiter zunimmt. Die zeitlichen Möglichkeiten, um mehrere Tage auf einen Kongress zu fahren, werden immer weiter eingeschränkt.

Sie sind Fortbildungsbeauftragter der Ärztekammer Nordrhein sowie der Nordrheinischen Akademie für ärztliche Fort- und Weiterbildung. Wie gehen Sie vor, um immer die aktuellsten Fortbildungsprogramme anbieten zu können?

Griebenow: Es gibt vier Hauptpunkte: Zunächst überprüft man die einzelnen medizinischen Bereiche, um abschätzen zu können, was es Neues gibt. Dann bieten wir Kurse an, die auf verschiedenen Curricula basieren und in denen die Teilnehmer führbare Titel oder Zusatzqualifikationen erwerben können. Natürlich gibt es auch fortlaufende Kurse, deren Inhalte sich nur marginal ändern, aber die immer wieder auf Aktualität überprüft werden. Und zuletzt bietet die Ärztekammer Kurse an, die ansonsten nur selten angeboten werden, wie zum Beispiel die Durchführung einer Leichenschau. Insgesamt können wir sehr schnell reagieren. Bei zwei Kongressen im Jahr ist es in der Regel so gestaltbar, dass alle aktuellen Entwicklungen berücksichtigt werden können. Darüber hinaus können wir auch recht kurzfristig neue Programmpunkte mit aufnehmen, sodass wir wichtige Entwicklungen integrieren können.

Grafik: Seminar

Fortbildungen müssen stets auf dem aktuellen Stand sein und sich Neuerungen anpassen; © panthermedia.net/scusi0-9

Sind die Referenten der Fortbildungen zertifiziert beziehungsweise wurden sie für Fortbildungen entsprechend geschult?

Griebenow: In der Region NRW hat man den Vorteil, dass sich hier medizinischer Sachverstand förmlich ballt. Allein im Kammergebiet Nordrhein gibt es fünf medizinische Fakultäten. Das sucht seinesgleichen. Geeignete Referenten lassen sich somit leicht finden. Es gibt zwar einen Master of Medical Education, aber diesen besitzt derzeit nur eine kleine Minderheit. Aber natürlich wird auch in der Lehre, also zum Beispiel während der Habilitation, didaktische Kompetenz aufgebaut. Wir setzen allerdings in erster Linie auf das Fachliche. Denn es gibt durchaus Themen, die von klinischen Ärzten nicht abgedeckt werden können. Deshalb sprechen wir auch Kollegen an, die als niedergelassene Ärzte tätig sind und sich in ihrem Leben zuvor noch nie mit medizinischer Didaktik befasst haben. In Nordrhein ist es aber Pflicht, dass jede zertifizierte Fortbildungsmaßnahme evaluiert werden muss. Wir haben das ausgewertet und können sagen, dass wir auf einem ganz guten Niveau liegen.

Was macht denn eine gute Fortbildung aus?

Griebenow: Man muss in der Planung bereits berücksichtigen, wie viel Zeit man braucht, um die Inhalte adäquat darstellen zu können. Außerdem muss man das Problem und die Inhalte angemessen vermitteln können. Des Weiteren ist es wichtig, das gesamte Umfeld darzustellen, um für ein bestimmtes Problem Lösungen vermitteln zu können. Wenn es darum geht besondere Diagnose- oder Therapieformen zu beleuchten, dann sollte man auch alle Alternativen kennen. Es geht immer um eine ausgewogene Darstellung innerhalb eines Kurses.

Denken Sie die deutschen Ärzte sind ausreichend fortgebildet?

Griebenow: Eine schwierige Frage, da es kaum vergleichbare Daten aus anderen Ländern gibt. Nehmen Sie die USA: ein wesentlich größeres Land als Deutschland, doch werden dort im Vergleich zu Deutschland weniger als die Hälfte an Fortbildungen angeboten. Darüber hinaus sind in Deutschland nur weniger als 20 Prozent der Fortbildungen gesponsert. Das lässt sich nur damit erklären, dass wir eine sehr hohe lokale Fortbildungsintensität haben. Es gibt zum Beispiel sehr viele Fortbildungen in Kliniken, mit eigenem Personal, die aber auch für externe Ärzte offen sein müssen. In Frankreich sieht es wiederum ganz anders aus. Dort gibt es nahezu keine systematisierten Ansätze für Fortbildungen, wenn man von den Kongressen der Fachgesellschaften absieht. Insofern stehen wir in Deutschland sicher nicht schlecht da.

Foto: Simone Ernst; © B. Frommann

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Das Interview führte Simone Ernst.
MEDICA.de