Fußball: "Wir wollen weltweit erstmalig die Todesfälle erfassen"

Interview mit PD Dr. Jürgen Scharhag, Institut für Sport- und Präventivmedizin, Universität des Saarlandes

Plötzliche Todesfälle von Fußballspielern sorgen immer wieder für Schlagzeilen: Sie treffen internationale Leistungssportler, die die Idole Vieler sind und zum Zeitpunkt ihres Todes auf dem Spielfeld und mitten im Rampenlicht stehen. Häufig sind angeborene Herzfehler die Ursache. Sportmediziner und die FIFA wollen nun Daten erheben, um Vorsorgeuntersuchungen im Leistungsfußball zu verbessern.

02.06.2014

Foto: Arzt mit kurzen schwarzen Haaren und weißem Kittel - Dr. Jürgen Scharhag; Copyright: privat

Dr. Jürgen Scharhag; © privat

MEDICA.de sprach rechtzeitig zur Fußball-WM 2014 in Brasilien mit Dr. Jürgen Scharhag über das FIFA-SDR - Sudden Death in Football. Dabei handelt es sich um ein Register, das weltweit plötzliche Todesfälle im Fußball erfassen soll. Scharhag und seine Mitarbeiter an der Universität des Saarlandes bauen es über die nächsten fünf Jahre in einer Kooperation mit dem FIFA Medical Assessment & Research Center (F-MARC) auf.

Herr Dr. Scharhag, in einer Kooperation bauen die FIFA und die Universität des Saarlandes ein weltweites Register zu plötzlichen Todesfällen im Fußball auf. Was ist eigentlich ein "plötzlicher Todesfall" im Sport?

Jürgen Scharhag: Dabei handelt es sich um einen Todesfall während einer sportlichen Aktivität, sowohl im Wettkampf als auch im Freizeitsport, oder bis zu einer Stunde nach dem Sport.

Die häufigste Ursache ist der plötzliche Herztod. Dabei unterscheidet man zwischen Sportlern im Alter unter 35 Jahren und Sportlern darüber. Die jüngeren Sportler, unter 35 Jahren, haben in der Regel einen angeborenen Herzfehler. Die Älteren haben wiederum eher eine koronare Herzkrankheit, also eine Herzkranzgefäßverengung. In circa 80 Prozent der Todesfälle bei den älteren Sportlern kann man eine meist vorher nicht bekannte koronare Herzkrankheit feststellen. Die Todesursache ist dann in der Regel ein Herzinfarkt.

Weiterhin sind natürlich auch schwerwiegende Verletzungen mögliche Ursachen für plötzliche Todesfälle.

Was ist das Ziel des Registers?

Scharhag: Wir wollen weltweit erstmalig die Todesfälle beim Fußball erfassen, um überhaupt das Risiko für plötzliche Todesfälle abschätzen zu können. "Besteht beim Fußball ein besonders hohes oder überhaupt ein spezifisches Risiko für einen plötzlichen Tod, insbesondere einen plötzlichen Herztod?" Das ist eine Frage, die wir beantworten wollen. Anhand der gewonnenen Daten können wir gegebenenfalls zu einer Verbesserung der Vorsorgeuntersuchungen beitragen. So können wir für Länder, in denen es zum Beispiel noch keine Screening-Untersuchungen für die Sportler gibt, ableiten, ob Ruhe-EKGs, Belastungs-EKGs oder die Echokardiografie in die Vorsorgeprogramme implementiert werden sollen.
Foto: Eingabemaske einer Internetseite; Copyright: Universität des Saarlandes

Dies ist die Eingabemaske des FIFA-SDR - Sudden Death in Football; ©Universität des Saarlandes

Welche Daten wollen Sie zu diesem Zweck erfassen?

Scharhag: Die internetbasierte Datenaufnahme ist relativ einfach gehalten. Wir erfragen unter anderem die Altersgruppe des Sportlers und seine Leistungsklasse – handelt es sich um einen Hobbysportler, einen Wettkampfsportler, einen Elite- oder Profisportler. Sollten wichtige Angaben fehlen, müssen wir nach der Meldung etwas nachforschen, zum Beispiel ob der Sportler eine angeborene Herzerkrankung hatte oder ob die Herzerkrankung eher altersbedingt war. Diese Daten werden anonym gesammelt und wir sind auf die Mitarbeit von Kollegen weltweit angewiesen.

An der Saar-Uni wird bereits seit fast zwei Jahren ein solches Register für Deutschland betrieben. Was für Erkenntnisse haben Sie daraus bis jetzt gewonnen?

Scharhag: Fußball ist in Deutschland führend, was die gemeldeten Todesfälle angeht. Bisher sind es 20 von insgesamt 73 Fällen. Die Mehrzahl der gemeldeten Fälle kommt aus dem breitensportlich betriebenen Freizeit- und Wettkampfsport. Aus dem Hochleistungssport wurden uns nur zwei Fälle gemeldet. Das liegt vermutlich daran, dass im deutschen Leistungs- beziehungsweise Hochleistungssport bereits sehr gute und viele Vorsorgeuntersuchungen stattfinden.

Daten für das weltweite Register sollen nicht nur über eine Onlineplattform gesammelt werden. Bestimmte Länder sollen auch spezifisch und genauer betrachtet werden. Inwiefern sind diese Länder repräsentativ?

Scharhag: Bei den Partnerländern befinden wir uns noch in der Auswahlphase. Das hängt auch von der jeweiligen Infrastruktur des Landes ab und es müssen dort die notwendigen Informationssysteme vorhanden sein. Der Fußball muss entsprechend organisiert sein und auch ausreichend gespielt werden, damit repräsentative Daten gesammelt werden können.

Außerdem wollen wir Partnerländer in verschiedenen Teilen der Welt suchen, damit wir ein repräsentatives Bild über alle Ethnien erhalten. Es existieren zwischen den Ethnien Unterschiede hinsichtlich Herzerkrankungen, die bereits mittels EKG und Echokardiografie belegt werden konnten. Diese Unterschiede können wir aber noch nicht in Bezug auf das Risiko im Sport und insbesondere für den plötzlichen Herztod einschätzen.
Foto: Fußballspieler liegt regungslos auf dem Reisen; Copyright: panthermedia.net/pacoayala

Wenn Fußballer plötzlich auf dem Feld zusammenbrechen und wiederbelebt werden müssen, steckt mitunter ein angeborener Herzfehler dahinter. Dieser kann einen Herzinfarkt ausgelöst haben (Symbolbild); ©panthermedia.net/ pacoayala

Welche Rolle können denn landestypische Lebensgewohnheiten außerhalb des Fußballs spielen, zum Beispiel die Ernährung?

Scharhag: Das ist möglicherweise ein Einflussfaktor. Die sogenannte mediterrane Kost scheint generell gut für das Herz-Kreislauf-System zu sein. Es ist also denkbar, dass im Mittelmeerraum plötzliche Todesfälle im Sport eine andere Häufigkeit oder eine andere Ursachenverteilung haben als in Ländern mit anderer Ernährung – zum Beispiel weniger Todesfälle durch eine Herzkranzgefäßverengung. Ziel unseres Registers ist jedoch, zunächst die Häufigkeit plötzlicher Todesfälle beim Fußball zu erfassen und das Risiko für einen plötzlichen Todesfall beim Fußball zwischen verschiedenen Ländern zu vergleichen.

In welchem Zeitraum rechnen Sie mit dem Aufbau des Registers?

Scharhag: Die angesetzte Laufzeit beträgt zunächst fünf Jahre. Im ersten Jahr müssen wir die nötigen Kontakte herstellen und das Netzwerk für das Register aufbauen. Wir kennen zwar schon viele Kollegen, die im Bereich Fußball und auch bei der FIFA tätig sind. Es existieren auch durch die FIFA zertifizierte medizinische Zentren, in denen Experten auf diesem Gebiet tätig sind. Diese Kontakte müssen wir nutzen und weitere aufbauen, denn nur durch ein gutes Netzwerk können wir Daten auch repräsentativ erheben.
Foto: Timo Roth; Copyright: B. Frommann

© B. Frommann

Das Interview wurde geführt von Timo Roth.
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