Gefäßgesundheit bei Sportlern

Interview mit Prof. Martin Halle, Leiter des Zentrums für Prävention und Sportmedizin, TU München

"Sport ist gesund", sagt man. Regelmäßige Bewegung fördert die Gesundheit unserer Gefäße und beugt Herz-Kreislauf-Erkrankungen vor. Langjähriger Leistungssport kann jedoch auch negative Auswirkungen auf die Gefäßgesundheit haben und das Herzinfarkt-Risiko erhöhen.

02.06.2014

Foto: Lächelnder Mann mit Brille und braunem Anzug - Prof. Martin Halle; Copyright: TU München

Prof. Martin Halle; ©TU München

Prof. Martin Halle von der TU München erklärt auf MEDICA.de, worauf Sportler achten müssen.

Herr Prof. Halle, wie wirkt sich regelmäßiger Freizeit- und Leistungssport auf die Gefäßgesundheit aus?

Martin Halle
: Gefäßgesundheit ist abhängig von Herz-Kreislauf-Risikofaktoren. So ist bekannt, dass bei ausgeprägtem Risikoprofil bereits Kinder erste Veränderungen wie Gefäßfehlfunktionen und Verdickungen von Gefäßwänden aufweisen können. Dies ist besonders dann der Fall, wenn sie übergewichtig und körperlich wenig aktiv sind sowie bereits Vorstufen eines Diabetes mellitus aufzeigen. Auch bei Erwachsenen ist zu beobachten, dass Risikofaktoren wie Rauchen, erhöhter Blutdruck und erhöhte Cholesterinwerte die Gefäßalterung deutlich beschleunigen. So kann ein 30-jähriger bereits Gefäße eines 60-jährigen aufweisen.

Im Gegenzug ist aber auch bekannt, dass eine gesunde Lebensweise, die vor allen Dingen auch körperliche Aktivität beinhaltet, vor Gefäßkrankheiten schützt. 60-jährige können eine entsprechende Gefäßelastizität wie 30-jährige besitzen. Insgesamt kann somit das Gefäßsystem 30 Jahre in seiner Funktion gehalten werden.

Trotzdem ist es so, dass durchaus auch bei Sportlern Herzinfarkt und vorzeitige Gefäßalterung auftreten können.

Halle
: Sportliche Bewegung kann Risikofaktoren zwar günstig beeinflussen – durch Senkung des Blutdrucks, Anhebung des HDL-Cholesterins oder Verbesserung der Blutzuckerwerte. Doch diese Effekte sind nicht so ausgeprägt, dass das Herzinfarkt-Risiko bei einer familiären Disposition zu erhöhten Cholesterinwerten wieder ganz zu beheben ist. Zudem muss auch berücksichtigt werden, dass viele Menschen häufig erst mit 40 – nach einer 20-jährigen Pause – wieder anfangen, Sport zu treiben. In dieser zurückliegenden Zeit hat die Arteriosklerose, die Verkalkung der Arterien, begonnen. Nachfolgend kann sie nicht mehr vollständig umgekehrt werden.
Foto: Rugby-Spieler; Copyright: panthermedia.net/Alison Bowden

Auch Leistungssportler sind vor einem Herzinfarkt nicht geschützt. Dennoch haben sie ein geringeres Risiko, ihn zu erleiden, als Menschen, die keinen Sport treiben; ©panthermedia.net/ Alison Bowden

Wie häufig treten bei Sportlern Gefäßkrankheiten auf?

Halle
: Auch bei Sportlern ab dem 50. Lebensjahr dominieren Herz-Kreislauf-Erkrankungen als Ursache beispielsweise für den plötzlichen Herztod. Im Vergleich dazu treten bei ihnen angeborene Erkrankungen wie genetisch bedingte Herz-Muskel-Verdickung, Fehlabgang der Herzkranzarterien oder fehlfunktionelle Erregung am Herzen seltener auf.

Welchen Risiken sind Sportler noch ausgesetzt?

Halle
: Auch Sportler sind nicht vor einem Herzinfarkt gefeit. Insgesamt haben sie jedoch ein deutlich geringeres Risiko, ihn zu erleiden, als Menschen, die keinen Sport treiben. Dennoch zeigen einige Studien, dass zu viel körperliches Training möglicherweise schadet. Wenn es über viele Jahre durchgeführt wird, kann es die Arteriosklerose sogar fördern.

Was ist der sogenannte oxidative Stress und welche Wirkung hat er auf die arteriellen Gefäße bei Sportlern?

Halle
: Oxidativer Stress entsteht, wenn es im Blut ein Übermaß an Sauerstoffradikalen gibt, welche die Gefäßinnenschicht beschädigen. Das ist auch bei körperlicher Belastung zu beobachten. Sportler bauen aber ein Abwehrsystem gegen diesen Stress auf, der den Gefäßschaden verhindert. Bei Menschen, die jedoch keinen regelmäßigen Sport treiben – zum Beispiel einmal im Monat mit Freunden Fußball spielen – und über diese Pufferung nicht verfügen, kann der oxidative Stress Gefäße beschädigen. Eine solch unregelmäßige Belastung geht mit einem Herz-Kreislauf-Risiko einher, weil dadurch ein zu hoher Stress auf die Gefäße ausgeübt wird.
Grafik: Darstellung des Blutkreislaufes beim Joggen; Copyright: panthermedia.net/Sebastian Kaulitzki

Zu viel körperliches Training kann die Gefäßgesundheit schädigen; ©panthermedia.net/ Sebastian Kaulitzki

Wie hoch ist das Thromboserisiko bei Freizeit- und Leistungssportlern?

Halle
: Es ist eher gering, weil durch die Muskelpumpe in den Unter- und Oberschenkeln die Venen immer wieder komprimiert werden und somit eine erhöhte Blutzirkulation im Körper stattfindet. Trotzdem sollten auch Sportler bei langen Flügen oder bei Verletzung und Bettlägerigkeit darauf achten, dass die Muskelpumpe beansprucht wird. Für eine Flugreise können auch gerinnungshemmende Medikamente gespritzt werden.

Mit welchen Methoden lassen sich Probleme mit der Gefäß- und Herzgesundheit bei Sportlern diagnostizieren?

Halle
: Dazu gehören zunächst eine klinische Untersuchung durch den Arzt mit einem Stethoskop, das Ruhe-EKG, welches die elektrischen Herzströme anzeigt, und ein Ultraschall des Herzens, mit dem die Funktion des Herzmuskels und der Herzklappen direkt erfasst werden kann. Bei hiermit nicht zu klärenden Problemen kann auch eine weiterführende Diagnostik mit einem Kernspin oder einer Computertomografie des Herzens durchgeführt werden. Damit können die Herzkranzarterien und der Herzmuskel noch genauer dargestellt werden. Ergänzt werden die Untersuchungen durch ein Belastungs-EKG, bei dem das Herz-Kreislauf-System gestresst wird. So können Puls-, Blutdruck- und EKG-Veränderungen unter Belastung registriert werden. Auch dieses kann durch eine Ultraschalluntersuchung während körperlicher Belastung ergänzt werden.
Foto: Michalina Chrzanowska; Copyright: B. Frommann

©B. Frommann

Das Interview führte Michalina Chrzanowska.
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