Arzt als Vertrauter des Patienten
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Hausärzte stehen unmittelbar an der Seite ihrer Patienten und deren Familien, daher sind sie in besonderem Maß Anwälte einkommensschwacher und anderweitig bedürftiger Menschen. Individuelle Gesundheitsleistungen (IGeL) müssen gesondert bezahlt werden und sind somit nicht für alle verfügbar. Sie suggerieren, das System der Gesetzlichen Krankenversicherung garantiere nur eine Art Billig- Medizin - für das Gute müsse man jedoch extra zahlen. Wer arm ist und das Geld dafür nicht aufbringen kann, muss den Eindruck bekommen, von einer vollwertigen Versorgung ausgeschlossen zu werden.

Die DEGAM positioniert sich gegen eine Medikalisierung der Gesellschaft. Die Vermeidung von chronischen Krankheiten als wichtiges Ziel hausärztlicher Betreuung zieht sich wie ein roter Faden durch die evidenzbasierten Leitlinien der DEGAM zu häufigen Beratungen zu Müdigkeit oder Kreuzschmerzen. Wissenschaftlich nicht begründete IGeL-Angebote zementieren hingegen eine Fixierung der Patienten auf körperliche Leiden und führen zu oder verstärken eine Chronifizierung.

IGeL-Angebote erzeugen eine eigene Nachfrage und können eine vertrauensvolle Arzt-Patient-Beziehung gefährden - vor allem dann, wenn der Patient sich nicht mehr sicher sein kann, ob es seinem Arzt um die Lösung der gesundheitlichen Probleme oder um eine zusätzliche Einkommens-Quelle geht. Durch das Auftreten des Arztes als Kaufmann wird dem professionellen Arztbild, zu dem auch finanzielle Unabhängigkeit in der Entscheidungsfindung für den Patienten gehört, grundlegender Schaden zugefügt.

Die DEGAM fördert mit ihren Leitlinien die Verbreitung einer Medizin, deren Nutzen wissenschaftlich belegt ist. Werden IGeL angeboten, für die kein Nutzen belegt ist oder die sogar schaden können, kommt ein besonderes ethisches Problem hinzu: Hier müsste der ratsuchende Patient obligate Informationen über mögliche Schäden oder fehlenden Nutzennachweis erhalten. Aufgrund der kommerziell bedingten Konfliktlage ist kaum zu erwarten, dass ärztliche Anbieter eine solche Auskunft tatsächlich erteilen.

MEDICA.de; Quelle: Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften