Infektionen: Generationenübergreifender Abwehrmechanismus

23.04.2014
Foto: Kirche und Friedhof

Demographie, Geschichte und Medizin: Kinder, die im 18. Jahrhundert wäh-
rend einer Masernwelle gezeugt wur-
den, waren bei einem späteren Pockenausbruch besser geschützt;
© panthermedia.net/albertoloyo

Kinder, die gezeugt wurden, während eine schwere Infektionskrankheit grassierte, sind später widerstandsfähiger auch gegen andere Erreger.

Das belegten Forscher des Max-Planck-Instituts für demografische Forschung (MPIDR) in Rostock nun erstmals am Beispiel von tödlichen Masern- und Pocken-Epidemien in der kanadischen Provinz Québec des 18. Jahrhunderts: Kinder, die dort während der Masernwelle der Jahre 1714/15 gezeugt wurden, starben deutlich seltener am Ausbruch der Pocken 15 Jahre später als Kinder, die vor den Masern gezeugt worden waren. Dieses Forschungsergebnis veröffentlichte der MPIDR-Wissenschaftler Kai Willführ jetzt zusammen mit Mikko Myrskylä von der London School of Economics and Political Science.

„Wir belegen erstmals für den Menschen, dass Eltern ihre Kinder quasi auf kommende Krankheiten vorbereiten können“, sagt Biodemograf Kai Willführ. „Der Mechanismus kann dabei weder rein genetisch sein, noch ist die entwickelte Resistenz auf einzelne Erreger beschränkt.“ Einen solchen Weitergabe-Mechanismus zwischen Eltern und Kind nennen Wissenschaftler „funktionalen trans-generationalen Effekt“: Die Eltern, die zum Zeitpunkt der Empfängnis eine erhöhte Belastung durch Masernerreger erlebten, gaben den Kindern nicht nur mehr Schutz gegen diesen einen Infekt mit. Die Abwehr von Erregern funktionierte in der nächsten Generation offenbar generell besser, auch im Kampf gegen andere Krankheiten wie die gefährlichen Pocken.

Der Zeitpunkt ihrer Empfängnis entschied für viele der Kinder während der Pockenepidemie um das Jahr 1730 über Leben oder Tod: Die Wahrscheinlichkeit, an den Pocken zu sterben, lag für während der Masernwelle 1714/15 gezeugte Kinder nur bei einem Siebtel der Sterbewahrscheinlichkeit ihrer Geschwister, die vor dem Masernausbruch gezeugt und geboren worden waren. Der Preis dafür war allerdings hoch: Die Sterblichkeit der während der Pocken so widerstandsfähigen Kinder war in der Zeit zwischen den Krankheitswellen 1714/15 und 1730 dreimal so hoch wie die der gegen Pocken anfälligeren Geschwister. „Offenbar ist das Abwehrsystem der Kinder auf eine Welt mit hoher Erregerbelastung optimiert, wenn sie bei der Zeugung hoch war“, sagt Willführ. Zu einer Welt mit wenigen Erregern passt es dann aber anscheinend weniger gut und funktioniert schlechter.

„Die Masern können nur während der Zeugungs- und Schwangerschaftsphase einen Anreiz gesetzt haben, den die Eltern dann auf die nächste Generation übertrugen“, sagt Willführ. Denn als die Kinder, die während der Hochphase der Masernepidemie gezeugt wurden, zur Welt kamen, war die Masernwelle schon wieder vorbei – die Erreger also nicht mehr in der Umwelt.

Dass die Kinder schlichtweg immun geworden sind, lässt sich ausschließen. Es ist zwar möglich, dass die Mutter ihre eigene Immunisierung durch Antikörper an den Nachwuchs weitergibt. Das funktioniert während der Schwangerschaft über die Plazenta und nach der Geburt über die Muttermilch. Doch diese Abwehr schützt nur vor derselben Krankheit, gegen die auch die Mutter immun war. Das wären im Untersuchungsfall die Masern gewesen. Die Kinder waren aber besonders widerstandfähig gegen eine ganz andere Krankheit, nämlich die Pocken.

Die Wissenschaftler konnten die Sterblichkeitseffekte der verschiedenen Krankheiten erstmals trennen, da sie die Lebensverläufe der Kinder jeweils einzeln exakt nachvollzogen und dabei gleichzeitig die Verbindung zu den Geschwistern mit einbezogen. Dazu untersuchten sie für die Geburtsjahrgänge von 1705 bis 1724, wie sich deren Sterblichkeit bis zum Jahr 1740 entwickelte. Die Daten über Geburten und Todesfällen stammen aus Abschriften alter Kirchenbücher, die die historische Bevölkerung des St. Lawrence Tals in der kanadischen Provinz Québec geführt hatte.

MEDICA.de; Quelle: Max-Planck-Institut für demografische Forschung