Geriatrie: Besser Gehen mit dem Smartphone

Interview mit Prof. Clemens Becker, Chefarzt, Klinik für Geriatrische Rehabilitation, Robert-Bosch-Krankenhaus Stuttgart

Das Smartphone als Schrittzähler und Apps als kleine Helfer zur Prävention sind für viele Endverbraucher schon ein alter Hut. In den professionellen medizinischen Anwendungsbereichen wie Praxis und Krankenhaus sind sie demgegenüber gerade erst im Kommen - oder noch gar nicht da. Und das, obwohl sie Untersuchungen einfacher und präziser machen können. Ein Beispiel dafür ist die Geriatrie.

22.10.2015

Foto: Arzt mit Brille und grauen Haaren - Clemens Becker

Prof. Clemens Becker; ©privat

Im Interview mit MEDICA.de erklärt Prof. Clemens Becker, warum Geriater moderne Hilfsmittel nutzen sollten, warum kommerzielle Apps für ältere Menschen kaum geeignet sind und warum zum Assessment der Gangsicherheit mehr gehört als nur Schritte zählen. Herr Prof. Becker, warum finden heutzutage geriatrische Assessments noch mit Stift, Papier und Stoppuhr statt?

Prof. Clemens Becker: In der Medizin gehen die klinischen oder die sozialen Innovationen leider oft nicht Hand in Hand mit den technischen Innovationen. Die Geriatrie sah und sieht sich als "high touch - low tech"-Disziplin. "High touch" heißt, dass sie die Patienten, die Angehörigen und das soziale Umfeld einbezieht. Das ist nachwievor sinnstiftend und prägend, denn die Geriatrie kann nicht erfolgreich arbeiten, wenn sie nicht die älteren Menschen und ihr Umfeld einschließt.

Unsere Position am Robert-Bosch-Krankenhaus ist, dass die Geriatrie auch "high touch - high tech" sein kann. Viele Kollegen wissen, dass wir mit modernen technischen Hilfsmitteln sehr viel präziser arbeiten und genauere klinische Informationen gewinnen können. Manchmal folgen aber, wie gesagt, die sozialen Innovationen den technischen sehr langsam, bis dann auf einmal, innerhalb kürzester Zeit, ein Wandel stattfindet. Und in der Geriatrie sind wir in meinen Augen kurz davor.

Wie bringen Sie denn Ihren Kollegen die Arbeit mit digitalen Werkzeugen in der Geriatrie nahe?

Becker: Es geht nicht um den "Sex Appeal" einer neuen technischen Methode, sondern um den zusätzlichen Informationsgewinn, der eine Verbesserung der Ergebnisse für die Patienten bedeutet und auch eine bessere Ressourcenallokation. Ich versuche also, sie von diesem Nutzen zu überzeugen.

Wie sehen denn typischerweise Assessments in der Geriatrie aus, was wird untersucht?

Becker: Aus Sicht von älteren Menschen sind zwei Ziele zentral. 80-90 Prozent wollen erstens in der eigenen Wohnung weiterhin gut zurechtkommen, und nicht gezwungen sein, in ein Pflegeheim zu ziehen. Und zweitens wollen sie sich ein Mindestmaß an persönlicher, physischer Mobilität erhalten.

Deshalb sind in der Geriatrie auch die Messung und die Beschreibung der Mobilität zentral. Heute misst man hauptsächlich die Kapazität: Wie schnell und wie sicher kann eine Person gehen? Es werden Drehbewegungen getestet oder bestimmte Bewegungsabläufe, wie beim Timed-up-and-go-Test. Arzt oder Therapeut beobachten, nehmen Messdaten auf und versuchen, Unsicherheiten zu entdecken.
Foto: Ältere Frau geht mit Rollator

Bei geriatrischen Assessments wird auch die Gangsicherheit der Patienten beurteilt. Sensoren in Smartphones können hier Daten liefern, die mit bloßem Auge nicht wahrnehmbar sind; ©panthermedia.net/ Burserstraat38

Und welchen Nutzen bringen die Smartphones und Apps hier?

Becker: Bei den Assessments stößt man auf das Problem, dass Beobachtungen mitunter nicht objektivierbar sind oder dass bestimmte Dinge mit bloßem Auge einfach nicht wahrnehmbar sind. Die Sensoren in den Smartphones können diese Daten aber liefern.

Sie helfen außerdem bei der Messung der Aktivität. Das ist etwas, was in den bisherigen Assessments gar nicht abgebildet wurde, denn dort wollen wir betrachten, was die Menschen am Wochenende, nachts und zu Hause tun - also dann, wenn Arzt, Therapeut und Pflegemitarbeiter nicht dabei sind. Bisher sind wir da auf die eigenen Angaben der Menschen angewiesen.

Aus vielen Untersuchungen wissen wir zum Beispiel, dass die Gehgeschwindigkeit ein guter Indikator dafür ist, wie sturzgefährdet eine Person ist. Jemand, der sehr langsam geht, ist auch stark sturzgefährdet. Mit Smartphones können wir sehr gut aufzeichnen, wie jemand sich im Alltag bewegt. Das geht über das bloße Schritte zählen hinaus. Uns interessiert auch, wie gleichmäßig jemand geht. Das kann man mit dem bloßen Auge unmöglich messen, denn zur Bewertung muss man mindestens 200 Schritte sehen. Wenn die Gangvariabilität dabei 4 Prozent überschreitet, ist das prognostisch ungünstig.

Wie kommen die Geräte dabei zum Einsatz?

Becker: Aktuelle Smartphones haben bereits die Technik an Bord, die man für ausreichend präzise Messungen braucht, wie Beschleunigungssensoren, Gyroskope und Magnetometer. Sie benötigen aber auch speziell geprüfte Apps. Kommerziell erhältliche Apps sind darauf ausgelegt, die Bewegungsmuster von jüngeren Personen zu erkennen. In den nächsten Jahren wird es aber auch wissenschaftlich validierte Apps geben, wie zum Beispiel von der TU Bologna. Für eine Messung sollte das Smartphone dann lediglich für eine bestimmte Zeit am Gürtel getragen werden.

Welche speziellen Anforderungen hat die Geriatrie denn an die Apps?

Becker: Kommerzielle Apps zielen auf den Verbrauchermarkt, nicht den Gesundheitsbereich. Bevor man Apps in der Geriatrie anwenden kann, oder ältere Menschen sie im Sinne von Health Logging auch selbst anwenden können, muss an der Visualisierung und Interpretierbarkeit der Daten gearbeitet werden. Die Darstellung der Daten muss verbessert werden. Das müssen Experten machen. So kann man ältere Menschen eventuell auch selber in die Lage versetzen, damit zu arbeiten und daraus entsprechende Informationen abzuleiten.
Foto: Timo Roth; Copyright: B. Frommann

© B. Frommann




Das Interview wurde geführt von Timo Roth.

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