Geringe Lebensqualität im Traumberuf

Chirurgen hierzulande sind hoch motiviert: „In unserer Umfrage geben überzeugende 96 Prozent der Teilnehmer an, dass Operieren ihre am meisten geschätzte Tätigkeit sei“, sagt Professor Hartwig Bauer, Generalsekretär der DGCH aus Berlin. Der gleiche Prozentsatz betrachtet den Beruf Chirurg als wichtigstes Lebensziel. Mehr als 77 Prozent würden ihn wieder wählen. Doch die Begeisterung steht im Gegensatz zu weiteren Ergebnissen: Chirurgen liegen mit ihrer Arbeitsbelastung im Durchschnitt immer noch deutlich oberhalb der Normen des Arbeitszeitgesetzes. Neben der zeitlichen Überlastung zerrt vor allem hohe Arbeitsverdichtung an den Nerven. Mehr als zwei Drittel empfinden zudem den Anteil an Verwaltungsaufgaben als zu hoch.

Die DGCH hatte in der Umfrage in den Jahren 2008 und 2009 erstmals für Deutschland die Lebensqualität von Chirurgen analysiert. Laut Bauer handelt es sich um die weltweit größte Befragung dieser Art. Insgesamt 2991 Chirurgen aller Fachrichtungen hatten den Fragebogen zur Lebensqualität ausgefüllt. Als Vergleichsgruppe dienten 561 nicht-operativ tätige Ärzte und 100 Medizinstudenten. Den verwendeten Fragebogen entwickelten Forscher ursprünglich für Umfragen unter chronisch Kranken. Eine Vorstudie hatte seinen Nutzen und seine Akzeptanz in der Chirurgie belegt. Die Umfrage stützt sich auf erprobte Parameter der Lebensqualität unter Berücksichtigung der beruflichen Situation, der Karriereperspektive und der familiären Einbindung.

Den Ergebnissen zufolge wirkt sich die dokumentierte Unzufriedenheit negativ auf die Lebensqualität aus: Leistungsvermögen, Genuss- und Entspannungsfähigkeit, Stimmung, Kontaktvermögen und Zugehörigkeitsgefühl sind dadurch nicht nur schlechter als bei nicht-chirurgisch tätigen Ärzten. „Die chirurgischen Kollegen schneiden sogar schlechter ab als verschiedene Patientengruppen“, sagt Bauer. Eine wichtige Erkenntnis sei, dass Chirurgen ihr Familien- und Privatleben zwar ebensoviel bedeutet, wie Ärzten anderer Fächer: „Chirurgen sind jedoch berufsbedingt weniger dazu in der Lage, sich diesem ausreichend zu widmen“, benennt Bauer ein Problem, das die Freude am Beruf heutzutage erheblich trübt.

Denn insgesamt 95 Prozent der Chirurgen gaben an, dass für sie das Privatleben von großer Bedeutung sei. „Die hohe Arbeitsbelastung in der Chirurgie führt nicht nur zu einer Imbalance des Wertegefüges.“, sagt Bauer. Der Berufsstress gefährde darüber hinaus die Qualität der Patientenversorgung. „Ein Chirurg mit einem Burn-out-Syndrom schreckt nicht nur den ärztlichen Nachwuchs vom Beruf ab, er kann auch zum Risiko für den Patienten werden“, so der Experte weiter. Er zitiert in diesem Zusammenhang neben sich häufenden Berichten aus dem Ausland auch eine im letzten Jahr im Deutschen Ärzteblatt veröffentlichte Umfrage: Dort hatte fast jeder zweite Krankenhauschirurg angegeben, dass die Qualität der Patientenversorgung durch Überarbeitung beeinträchtigt sei.

„Obwohl hinsichtlich Arbeitsklima und Organisationsstruktur sicherlich noch großes Verbesserungspotenzial in der Eigenverantwortung der Chirurgen liegt, können sie das Problem alleine nicht lösen. Wir brauchen einen Konsens aller am Gesundheitssystem Beteiligten“, fordert Bauer. Ärzte, Verwaltungen, Krankenkassen und Krankenhausträger müssten gemeinsam nach Wegen suchen, um die Arbeitsbedingungen für Chirurgen zu verbessern. „Dazu gehören die Bewahrung der ärztlichen Haltung vor den übermächtigen Zwängen der Ökonomie, Entlastung von nichtärztlichen Tätigkeiten, Bereitstellung familienfreundlicher Arbeitsplätze und vor allem die erforderlichen Freiräume für eine gute Weiterbildung des Nachwuchses“, mahnt der DGCH-Generalsekretär

MEDICA.de; Quelle: Deutsche Gesellschaft für Chirurgie e. V.