Diabetes: Geschlechtsspezifischer Therapieansatz von großer Bedeutung

26.03.2014
Foto: Paar mit Lutscher

Das Geschlecht der Patienten bleibt bei der Diabetes-Therapie derzeit außen vor - Männer und Frauen reagieren aber unterschiedlich auf Medikamente;
© panthermedia.net/vadymvdrobot

Die internationalen Richtlinien für die medikamentöse Therapie von Diabetes mellitus geben vor, welche Faktoren bei der Behandlung zu beachten sind. Faktoren wie das Alter, die Dauer der Erkrankung, die Lebenserwartung, das soziale Umfeld oder begleitende Erkrankungen.

„Was in dieser Check-Liste aber fehlt, ist das Geschlecht“, kritisiert Alexandra Kautzky-Willer, Expertin für Gender Medicine an der MedUni Wien. Diabetes lässt sich medikamentös bereits seit vielen Jahren gut behandeln, immer wieder kommen Medikamentenklassen mit einem neuen Wirkmechanismus hinzu. Bei der Behandlung fehle aber die geschlechtsspezifische Überlegung, so Kautzky-Willer: „Die verschiedenen Medikamente und Therapien haben für Frauen und Männer unterschiedliche Nebenwirkungen und Effekte. Das wird in den meisten Fällen nicht bedacht – oder ist noch unbekannt.“

Eine der neuesten Diabetes-Therapien setzt auf so genannte SGLT2-Hemmer, die dafür sorgen, dass Zucker über den Urin ausgeschieden wird und nur in geringem Ausmaß über die Niere wieder in den Kreislauf aufgenommen wird. Studien haben aber ergeben, dass diese Therapie bei Frauen vermehrt zu Genitalinfektionen (Genitalmykosen) führen kann. „Andererseits ist gerade diese Form der Behandlung bei Frauen wegen des damit verbundenen Gewichtsverlusts besonders beliebt“, sagt die Diabetes-Expertin der MedUni Wien. „Außerdem ist diese neue Medikamentenklasse nicht mit einem Anstieg des Hypoglykämie-Risikos behaftet, was bei Frauen unter Insulintherapie hingegen ein häufigeres Problem als bei Männern darstellt.“

In Entwicklung befindet sich derzeit eine weitere Therapie, die auf dem Enzym der 11β-Hydroxysteroid-Dehydrogenase basiert. Diese Medikamente blockieren die Umwandlung von inaktivem Cortison in aktives Cortisol und beeinflussen somit den Energiehaushalt und Stoffwechsel, darunter auch die Bildung von Leberfett. In einer aktuellen, internationalen Studie, an der die MedUni Wien beteiligt war, konnte nachgewiesen werden, dass bei 20 Prozent der Probandinnen mit Fettleber bei dieser Therapie nach drei Monaten eine Normalisierung des Leberfettgehalts und eine Verminderung des Bauchfetts erreicht werden konnte. Die unerwünschte Nebenwirkung: Bei weiblichen StudienteilnehmerInnen stieg das Testosteron deutlich an.

Kautzky-Willer: „Diese Beispiele allein zeigen, wie wichtig unter dem Schlagwort personalisierte Medizin auch eine geschlechtsspezifische Betrachtung und Auswahl der Therapie ist.“

In einer weiteren aktuellen Studie untersuchten die Wiener Forscher von der Universitätsklinik für Innere Medizin III, ob sich eine Fettablagerung am Herzen bei Diabetes mellitus bereits im Frühstadium der Erkrankung bei jungen Frauen mit erhöhtem Risiko manifestiert – wie das in der Leber der Fall ist. Das könnte dann nämlich zum höheren Risikoanstieg für kardiale Komplikationen der Diabetikerinnnen im Vergleich zu Diabetikern beitragen. Das Ergebnis: Eine Verfettung des Herzens mit den damit verbundenen erhöhten Risiken für die Entwicklung einer diabetische Kardiomyopathie ist eine Spätfolge von Diabetes und könnte durch eine Lebensstiländerung und Gewichtsverlust verhindert bzw. verzögert werden.

MEDICA.de; Quelle: Medical University of Vienna