Gesetzliches Hautkrebsscreening: "Es geht nicht nur um die Mortalität"

Interview mit Dr. Ralph von Kiedrowski, Mitglied des Vorstands Berufsverband Deutscher Dermatologen

04.05.2015

 
Grafik: Männchen entrollt einen Bericht mit Diagrammen

Die Evaluation des Hautkrebsscreening durch den G-BA liegt nun vor (Symbolbild); © panthermedia.net /brijit vijayan

Der lang ersehnte Evaluationsbericht zum Hautkrebsscreening-Angebot der Krankenkasse liegt seit Ende April 2015 endlich vor. Wir sprachen mit Dr. Ralph von Kiedrowski, Mitglied des Vorstands Berufsverband Deutscher Dermatologen, was das Screening leisten kann und wie er den Bericht des G-BA versteht.

Herr Dr. von Kiedrowski, seit dem 01.07.2008 ist das Hautkrebs-Screening, also die in Augenscheinnahme der Patienten ohne Geräte, eine Leistung der gesetzlichen Krankenkassen. Dennoch ist das Screening erst jetzt evaluiert worden, obwohl dies eigentlich bereits 2013 geschehen sollte. Wie konnte es dazu kommen?

Ralph von Kiedrowski: Der Gesetzliche Bundesausschuss hat zur Einführung des Screenings bestimmt, dass es nach einer Laufzeit von 5 Jahren evaluiert werden soll, schließlich handelte es sich um ein sogenanntes Erprobungsmodell. Ein Institut hätte dann rechtzeitig diese enorme Datenmenge überprüfen und zusammenfassen müssen. Nach meinem Kenntnisstand ist diese Beauftragung jedoch erst relativ spät initiiert worden.

Das Hautkrebsscreening wie es Deutschland betreibt, ist weltweit einmalig. Gibt es einen Vergleich mit anderen Ländern bezüglich der Mortalität durch Hautkrebs?

von Kiedrowski: Ich möchte klarstellen, was in den meisten Diskussionen durcheinander geworfen wird: Wenn wir vom gesetzlichen Hautkrebsscreening reden, dann sprechen wir von einem Früherkennungsprogramm, das drei ganz unterschiedlichen Tumoren der Haut untersucht. Es geht nicht nur um die Mortalität. Es war von Anfang an klar, dass eine messbare Mortalität nur bei einem der drei Zieltumoren auswertbar und das dazu ein Zeitraum von 5 Jahren nicht ausreichend sein würde.

Aber es gibt internationale Vergleiche zur Eindringtiefe eines Melanoms, die direkt mit der Überlebensrate korreliert. In Deutschland haben wir insgesamt günstige Werte, weil Hautkrebsscreenings hierzulande schon lange vor der gesetzlichen Regelung, also vor 2008, durchgeführt werden. Wenn man vergleicht: In Deutschland lag beim Einführen des gesetzlichen Hautkrebsscreening die durchschnittliche Eindringtiefe eines Melanoms bei 0,5 bis 0,6 Millimeter. Kritisch, mit einer erhöhten Gefahr einer Verteilung bösartiger Melanomzellen im Körper, werden Melanome ab einem Millimeter Dicke. Wenn man ins europäische Ausland schaut, dann liegt die durchschnittliche Eindringtiefe zum Beispiel in Polen bei 3,5 Millimeter. Das ist siebenfach dicker, weshalb dort eine erheblich erhöhte Mortalität vorliegt. Auch in den Niederlanden ist die durchschnittliche Eindringtiefe höher, weshalb Folgeprobleme für die Patienten dort um 30 Prozent wahrscheinlicher sind und die Mortalität höher ist.

Beim gesetzlichen Hautkrebsscreening geht es aber auch um Prävention und um die Vorverlegung des Diagnosezeitraums der sogenannten hellen Hautkrebsarten. Das heißt, es geht nicht nur darum, einen Tumor zu erkennen. Gerade bezüglich des Hellen Hautkrebs, also Basalzellkarzinomen und Plattenepithelkarzinomen, geht es um Vorsorge. Junge Menschen müssen den richtigen Umgang mit der Sonne lernen. Das wird bei den Diskussionen um den Sinn und Unsinn eines gesetzlichen Hautkrebsscreenings leider komplett außer Acht gelassen. Man sieht nur den einen, seltener auftretenden schwarzen Hautkrebs, und beschwert sich, dass die Mortalität nicht stark genug gesenkt werden kann. Das ist unsinnig. 

Foto: Auflichtmikroskop vor einem Rechner

In den Leitlinien zur Hautkrebsfrüherkennung wird das Dermatoskop zur Untersuchung der Haut empfohlen; © panthermedia.net/ Manuel Grosche

Ein Streitpunkt unter Dermatologen ist die Durchführung des Screenings. Aus diesem Grund bieten nicht alle Hautärzte das gesetzliche Screening an, sondern bestehen auf der Verwendung eines Dermatokops – was allerdings bei gesetzlich Versicherten zu privaten Kosten führt. Wie beurteilen Sie diese Haltung?

von Kiedrowski: Das ist sicherlich eine Diskussion, der man sich stellen muss. Eine Screeninguntersuchung ist immer nur ein grobes Sieb. Wenn man als Patient jedoch zu einem Facharzt geht, dann erwartet man mehr, als nur einen Blick auf die nackte Haut. Und wenn man die Leitlinie zur Hautkrebsfrüherkennung liest, weiß man, dass mit der gezielten Nutzung eines Auflichtmikroskops eher eine Diagnose nach Facharztstandard gestellt werden kann. Aus dieser fachärztlichen Sicht heraus sagen einige Dermatologen, dass sie sich nur ungern auf die Ebene eines Screenings begeben. Das darf natürlich nicht zu einer Verunglimpfung des gesetzlichen Hautkrebsscreenings führen. Man muss den Patienten aber den Unterschied klar machen. Und das ist ein Fehler der Politik und der Kostenträger, die diesen Unterschied nicht klar machen.

Nun liegen die Ergebnisse der Evaluation vor. Wie bewerten Sie diese?

von Kiedrowski:Die Datenauswertung des BQS-Instituts bestätigt die Erwartungen und widerlegt insbesondere die Aussagen des ARD-Kontraste-Magazins. Es werden die große Menge der entdeckten Hauttumore aufgeführt und im Resümee bekräftigen die Autoren die Wichtigkeit des Screenings. Sie beschreiben letztlich aber auch Verbesserungsansätze in den Prozessabläufen, also hinsichtlich der Datendokumentation und im Hinblick auf die Ergebniserfassung gerade im Zusammenwirkung von hausärztlichen Weiterüberweisungen bei auffälligen Screenings, denn nur Dermatologen dürfen letztlich Hautkrebsdiagnosen stellen und die Behandlung einleiten. Und genau dies war die Aufgabe der Begutachtung, eine Prozess- und keine Ergebnis-Evaluation. So kommt das Institut abschließend zu dem Urteil, dass der Beurteilungszeitraum hinsichtlich einer Senkung der Melanom-Sterblichkeit viel zu kurz ist und deshalb dazu keine Aussage gemacht werden kann. Es besteht aber kein Zweifel an der Effektivität des Screenings als "Massenuntersuchung" und deshalb auch kein Zweifel an dessen Fortsetzung. Die Falschaussagen, die im Magazin Kontraste1 der ARD reihenweise getätigt wurden, stellen einen "journalistischen Kunstfehler" dar, der nun leider auf rechtlicher Ebene nachbereitet und angegangen werden wird.

Was erwarten Sie nach der Evaluation des Screenings?

von Kiedrowski: Der G-BA wird sich nun positionieren müssen und es wird wohl darum gehen, Verbesserungen bei der Dokumentation und in den Untersuchungsabläufen zu erarbeiten und einzuführen. Das gesetzliche Hautkrebsscreening wird aber weiter bestand haben. Ich würde mir wünschen, dass das ewige Querschießen nun aufhört, da dies nur die Bevölkerung irritiert und so den Effekt der Früherkennung gefährdet. Die Nachfrage bei den Patienten ist im Übrigen ungebrochen.


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1: Video: "Spiel mit der Angst" des Magazins Kontraste (16.04.2015)
Foto: Simone Ernst; Copyright: B. Frommann

©B. Frommann

Das Interview führte Simone Ernst.
MEDICA.de