Gesund im Job: "Betriebliches Gesundheitsmanagement ist eine Win-win-Situation"

Interview mit Dr. Elke Ahlers, Referat „Qualität der Arbeit“ des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts (WSI) in der Hans-Böckler-Stiftung

22.03.2017

Sport treiben, sich fit halten, gesund alt werden – Ziele einer modernen Lebensführung, die viele praktizieren. Ein weiteres Schlagwort dieser Lebensführung: Work-Life-Balance. Doch wie kann diese Balance gehalten werden, wenn es im Beruf eben nicht möglich ist, gesund zu bleiben? Wenn Stress und körperliche sowie seelische Belastungen einen Arbeitnehmer kaputtmachen? Einen Ausgleich in der Freizeit zu schaffen ist oft kaum mehr möglich.

Hier kommt das Betriebliche Gesundheitsmanagement ins Spiel. Es soll jeden Arbeitnehmer schützen und letztlich einen Betrieb „gesund“ halten. Schaut man in die Betriebe, wird es jedoch oftmals nicht umgesetzt. Das ist schlecht für beide Seiten. Warum das so ist und wie man es ändern kann, darüber sprach MEDICA mit Dr. Elke Ahlers.

Bild: Lächelnde Frau mit kurzen Haaren und Anzug - Elke Ahlers; Copyright: Foto Schmidt

Dr. Elke Ahlers; © Foto Schmidt

Frau Dr. Ahlers, Betriebliches Gesundheitsmanagement ist ein Schlagwort, das viele Führungskräfte kennen. Doch wird es in den Firmen überhaupt gelebt?

Elke Ahlers: Ja und nein. Immer mehr Unternehmen schreiben es sich auf die Fahne, dass sie Betriebliches Gesundheitsmanagement anbieten. Ob es in den Reihen der Beschäftigten aber ankommt und wie wirkungsvoll es ist, ist schwer zu sagen. Leider bekommen wir aber mit, dass die angebotenen Maßnahmen oft nur Fassade sind. In vielen Unternehmen wird nur ein jährlicher Gesundheitstag angeboten, an dem man Blutdruck messen lassen kann oder über gesunde Ernährung beraten wird. Das ist aber nicht das Ziel eines gut umgesetzten Betrieblichen Gesundheitsmanagements.

Dieses umfasst die Gesundheitsförderung sowie den Arbeits- und Gesundheitsschutz. Alle Betriebe sind vom Gesetzgeber her verpflichtet, die Arbeitnehmer vor gesundheitlichen Gefahren zu schützen. So sieht es das Arbeitsschutzgesetz vor. Die Betriebliche Gesundheitsförderung zielt auf Prävention, hier bietet man den Beschäftigten gezielt Programme an, damit sie gesund bleiben. Im Idealfall wird gemeinsam mit den Beschäftigten darüber diskutiert, wie man die Verhältnisse am Arbeitsplatz verbessern kann. Letzteres findet man aber in den Betrieben selten.

Arbeitgeber wälzen diese Verantwortung gerne auf die Angestellten ab, indem sie zum Beispiel auf die Freizeit als Erholungszeit verweisen. Dass Angestellte leiden, weil zu viel Arbeit von zu wenig Leuten gemacht wird, wird gerne in den Hintergrund gedrängt. Wie kann man Firmen klarmachen, dass sie hier anpacken müssen, damit ihre Angestellten gesund bleiben?

Ahlers: Das wäre ganz einfach, denn es gibt die gesetzliche Verpflichtung nach § 5 des Arbeitsschutzgesetzes. Danach ist jeder Arbeitgeber verpflichtet, ganzheitliche Gefährdungsbeurteilungen für jeden Arbeitsplatz durchzuführen. Das umfasst auch psychische Arbeitsbelastungen, wie dauerhaft hoher Arbeits- und Zeitdruck. Das heißt, der Arbeitgeber oder beauftragte Akteure für den Gesundheitsschutz muss mit den Beschäftigten sprechen, beziehungsweise sie am Arbeitsplatz aufsuchen, und schauen, welche Faktoren den Beschäftigten in seiner Arbeit belasten und wie man die Arbeitsbedingungen verbessern könnte. Faktisch macht das kaum ein Arbeitgeber, gerade einmal 24 Prozent der Arbeitgeber setzen das Gesetz um. Das ist das Dilemma. Es gibt ein gutes Gesetz, das aber in der Praxis oft umgangen wird.

Bild: Eine blonde Frau im Vordergrund. Im Hintergrund sind unscharf zwei Dunkelhaarige zu sehen, die über sie lästern; Copyright: panthermedia.net/Gernot Krautberger

Zugeben, dass die Psyche nicht mehr mitspielt, können nur wenige Arbeitnehmer. Zu viele müssen immer noch ein Stigma fürchten, dass sie nicht stark genug für den Job sind; © panthermedia.net/Gernot Krautberger

Folgen denn Konsequenzen, wenn es umgangen wird?

Ahlers: Ja, wenn es denn festgestellt würde. Doch die Umsetzung des Gesetzes wird kaum kontrolliert. Die dafür verantwortlichen Arbeitsschutzämter leiden oft selbst unter zu wenig Personal. So umgehen die Firmen die Sanktionen, die sie eigentlich erhalten würden.

Was können Angestellte tun, damit ein Betriebliches Gesundheitsmanagement nachträglich in eine Firma integriert wird?

Ahlers: Der Betriebsrat kann zum Beispiel offensiv bemängeln, dass in Bezug auf Arbeit und Gesundheit zu wenig getan wird und die verbindlichen Rechtsgrundlagen des Arbeitsschutzgesetzes und des Sozialgesetzbuchs nicht befolgt werden. Etwa dann, wenn die Beschäftigten dauerhaft unter hohem Zeit- und Leistungsdruck arbeiten. Wenn Arbeitszeiten und Überstunden ausufern, kann man sich hierfür an die Aufsichtsbehörden wenden und um eine Kontrolle bitten. Auch Betriebsvereinbarungen zum ganzheitlichen Arbeits- und Gesundheitsschutz sind geeignet, um eine Initialzündung zur Verbesserung der Arbeitsbedingungen zu geben. Hierfür setzen sich Betriebsräte mit dem Arbeitgeber zusammen, um ein ganzheitliches Betriebliches Gesundheitsmanagement auszuhandeln.

Wo kann eine Firma, die Willens ist ein Betriebliches Gesundheitsmanagement einzuführen, Informationen erhalten?

Ahlers: Zum Beispiel bei der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA), den Unfallversicherungen, den bereits genannten Aufsichtsbehörden, Gewerkschaften oder auch Krankenkassen. Es gibt so einige Institutionen, die zu diesem Thema arbeiten und ihre Hilfe anbieten.

Ist ein Betriebliches Gesundheitsmanagement für alle Firmen ein wichtiges Thema oder schließt es kleinere Unternehmen eher aus?

Ahlers: Man sieht einen deutlichen Größeneffekt. Je größer eine Firma, desto eher hat sie ein Betriebliches Gesundheitsmanagement. Und desto eher werden Gefährdungsbeurteilungen durchgeführt. In kleinen Betrieben steckt das Betriebliche Gesundheitsmanagement oft noch in den Kinderschuhen. Hier fehlen häufig die finanziellen Mittel oder es gibt nicht genug Know-how oder Unterstützung. Trotzdem sollte es für alle ein Thema sein. Aber auch in großen Firmen wird oftmals in Hochglanzbroschüren das eigene Betriebliche Gesundheitsprogramm beworben – wenn man genau hinschaut, wird faktisch wenig zur Reduzierung der psychischen Belastungen der Mitarbeiter getan.

Das liegt vielleicht auch daran, dass kaum jemand gegenüber seinem Arbeitgeber psychische Belastungen zugeben mag.

Ahlers: Man sollte in der Tat die Begrifflichkeiten ändern, denn im Kern geht es ja um belastende Arbeitsbedingungen. Damit ist dieser Begriff der „psychischen Belastung“, der sicherlich für viele eine Hürde darstellt, umschifft. Man denkt dann weniger an psychische Befindlichkeiten, sondern an die belastenden Arbeitsbedingungen. So lässt sich viel angstfreier über eine krankmachende Arbeitsorganisation sprechen. Es sind externe Faktoren, wenn zum Beispiel das Telefon zu häufig klingelt oder das soziale Miteinander unter dem dauerhaften Arbeitsdruck leidet. Beides kann aber zu gesundheitlichen Beeinträchtigungen führen.

Bild: Ein Mann schlägt die Hände über dem Kopf zusammen. Links und rechts von ihm sieht man Hände, die ihm Sachen anreichen oder die Uhr zeigen; Copyright: panthermedia.net/Dima Sidelnikov

Über körperliche Arbeit zu klagen und Änderungen einzufordern fällt oftmals leichter, als vermeintlich psychische "Schwächen" zuzugeben. Doch niemand kann beständig unter Zeitdruck arbeiten oder wenn es immer wieder zu Unterbrechungen kommt; © panthermedia.net/Dima Sidelnikov

Der letzte Punkt, den Sie genannt haben – „Zu viel Arbeit und zu wenig Zeit“ – trifft gerade auf den Gesundheitssektor zu. Sieht es dort besonders schlimm aus?

Ahlers: Ja, das kann man sagen. Wir haben Branchenuntersuchungen zum Thema Arbeitsintensivierung durchgeführt. Im Gesundheitssektor ist diese mit am höchsten. Hier müsste dringend etwas getan werden. Erste Initiativen, zum Beispiel die Tarifverträge zur Personalbemessung bei der Charité in Berlin, sind zu begrüßen.

Ist die Ein- und Fortführung eines Betrieblichen Gesundheitsmanagements für die Betriebe mit hohen Kosten verbunden? Oder warum „zieren“ sich so viele Firmen?

Ahlers: Es ist in der Tat oft das Argument der Arbeitgeber, dass ein Betriebliches Gesundheitsmanagement viel zu teuer wäre. Das ist sicherlich nicht ganz von der Hand zu weisen, es kostet natürlich Geld. Aber es ist selten so kostenaufwendig, wie es auf den ersten Blick scheint. Denn es geht im Prinzip darum, sich viel stärker partizipativ mit den Beschäftigten auseinanderzusetzen und sie nach störenden Arbeitsbelastungen zu fragen. Man sollte in einen Gesprächsprozess kommen, in dem es selbstverständlich wird, über belastende Arbeitsbedingungen und Möglichkeiten zur Verbesserung zu sprechen. Dafür benötigt man keine teuren Experten oder aufwendige Gerätschaften – der Schlüssel ist eine gute Kommunikation und Partizipation. Man darf darüber hinaus nicht vergessen: Ein Betriebliches Gesundheitsmanagement ist eine Win-win-Situation. Zum einen wird die Gesundheit der Beschäftigten verbessert. Zum andern lässt sich die Krankheitsrate im Betrieb deutlich minimieren.

Foto: Simone Ernst; Copyright: B. Frommann

© B. Frommann

Das Interview führte Simone Ernst.
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