Gesundheitswirtschaft: Ein Gegengewicht zur Wirtschaftspolitik?

Interview mit Prof. Jürgen Wasem, Lehrstuhlinhaber für Medizinmanagement, Fakultät für Wirtschaftswissenschaften der Universität Duisburg-Essen

Die Gesundheitswirtschaft ist stetig auf Expansionskurs und somit einer der tragenden Pfeiler der gesamten deutschen Wirtschaft. Damit ergeben sich vielfältige wirtschaftliche, gesellschaftliche und technische Herausforderungen, die gemeistert werden müssen. Oftmals steht dabei aber der Fokus auf Umsatz und Gewinn über dem Nutzen für die Patienten.

02.11.2015

 
Foto: Jürgen Wasem

Jürgen Wasem ;© UDE/Frank Preuß

MEDICA.de sprach mit Prof. Jürgen Wasem, Lehrstuhlinhaber für Medizinmanagement, Fakultät für Wirtschaftswissenschaften der Universität Duisburg-Essen, über die Zukunft der Gesundheitswirtschaft und die Relevanz einer patientenfokussierten Medizintechnikindustrie.

Herr Prof. Wasem, welche Herausforderungen ergeben sich durch gesellschaftliche Entwicklungen innerhalb der Gesundheitswirtschaft?

Prof. Jürgen Wasem: Die zentrale gesellschaftliche Entwicklung, die die Gesundheitswirtschaft prägen wird, ist sicherlich der demografische Wandel. Die jüngst vom Statistischen Bundesamt vorgelegte 13. Bevölkerungsvorausberechnung hat dies noch einmal sehr deutlich gemacht: Der Altenquotient, der heute bei rund einem Drittel liegt, wird innerhalb der nächsten 20 Jahre auf die Hälfte steigen. Dies hat erhebliche Konsequenzen für die Versorgungsnotwendigkeiten. Darauf muss die Gesundheitswirtschaft reagieren.

Wie kann das Gesundheitssystem dieser Herausforderung begegnen und welche technischen Entwicklungen helfen hier?

Wasem: Meines Erachtens ist sich die Gesundheitswirtschaft dieser Herausforderung vielfach schon bewusst, weil darin natürlich auch eine erhebliche Chance liegt. Was oft noch nicht genügend berücksichtigt wird, ist die Multimorbidität vieler Patienten. Wir brauchen Lösungen, insbesondere natürlich in der Therapie, die diese fokussieren.
Foto: Mitarbeiter eines Unternehmens tragen Kittel und Haube

Die Gesundheitswirtschaft muss ihren Fokus verstärkt darauf setzen, dass Innovationen patientenrelevant ausgelegt werden; © panthermedia.net/robert_g

Die Gesundheitswirtschaft ist in den vergangenen Jahren zusehends in den Fokus der Wirtschaftspolitik gerückt. Wo bleibt dann eigentlich noch der Patient?

Wasem: Zunächst einmal sehe ich eine Chance darin, dass die Wirtschaftspolitik die Gesundheitswirtschaft entdeckt hat. Denn der Blick der Politik war bis dahin häufig ausschließlich auf die Kostendämpfung und Ausgabenbegrenzung fokussiert. Insofern ist ein Gegengewicht zur Wirtschaftspolitik wichtig. Aber Sie haben recht: Weder der Kostendämpfer noch der Wirtschaftspolitiker interessieren sich in erster Linie für den Patienten. In gewisser Weise gilt das natürlich auch für die Gesundheitsindustrie, deren primäres Interesse ja auf Umsatz und Gewinn gerichtet ist. Die Gesundheitspolitik muss daher den Rahmen so setzen, dass Innovationen, die den Patienten zugute kommen, für die Gesundheitswirtschaft interessant werden.

Können aktuelle Reformen die Finanzierung des Gesundheitssystems überhaupt sicherstellen?

Wasem: Das "Wirtschaftlichkeitsgebot" in der gesetzlichen Krankenversicherung hat letztes Jahr sein 100-jähriges Jubiläum gefeiert. Insofern ist das Austarieren zwischen dem, was medizinisch wünschenswert wäre und dem, was finanzierbar ist, schon lange eine Daueraufgabe im Gesundheitssystem. Aus meiner Sicht ist dabei klar: Aufgrund der deutlichen Alterung der Bevölkerung steigt der Ressourcenbedarf überproportional. Mit "Beitragssatzstabilität" werden wir die Finanzierung nicht sichern können.

Foto: Stetoskop liegt auf Versichertenkarte und Geldschein

Gesetzliche Krankenversicherung (GKV) in Deutschland werden zukünftig noch stärker als bislang nur für Produkte und Dienstleistungen zahlen, die einen patientenrelevanten Zusatznutzen aufweisen; © panthermedia.net/Birgit Reitz-Hofmann

Die Notwendigkeit, sich mit Fragestellungen an der Schnittstelle von Ökonomie und Medizin auseinanderzusetzen, wächst zunehmend. Für welche Fachkräfte ist es besonders wichtig, sich auf zukünftige Herausforderungen vorzubereiten?

Wasem: Ein guter Punkt. Mein Eindruck ist, dass den größten Nachholbedarf die Naturwissenschaftler in den Pharmaunternehmen und die Ingenieure bei den Medizinprodukteherstellern haben. Bei beiden wird immer noch zu stark darauf gesetzt, dass sich das, was technisch überzeugend ist, auch im sozialstaatlich regulierten Gesundheitswesen durchsetzen wird. Das ist aber nicht der Fall: Die Gesundheitssysteme, also zum Beispiel die Gesetzliche Krankenversicherung (GKV) in Deutschland, werden noch stärker als bislang nur bereit sein, für Produkte und Dienstleistungen zu zahlen, die einen patientenrelevanten Zusatznutzen zu einem vernünftigen Mehrpreis gegenüber bisherigen Lösungen aufweisen. Das gilt auch für die Gesundheitssysteme in anderen Ländern.

Wo steht die deutsche Gesundheitswirtschaft im Vergleich zu anderen europäischen Ländern?

Wasem: Die deutsche Medizinprodukteindustrie steht nach wie vor im internationalen Vergleich hervorragend dar. Wir haben eine breite Palette von Anbietern und Produkten. Hier besteht die große Herausforderung, die künftig stärkeren Anforderungen an den Nachweis von patientenrelevantem Zusatznutzen auch bedienen zu können.
Foto: Melanie Günther; Copyright: B. Frommann

© B. Frommann

Das Interview führte Melanie Günther
MEDICA.de