Gramnegative Erreger stellen Krankenhäuser vor große Herausforderungen

01.06.2016

Jeden Tag werden Menschen ins Krankenhaus eingeliefert, verlassen es oder besuchen dort Patienten. Durch die vielen Menschen besteht ein erhöhtes Risiko der Weitergabe von Erregern. Präventive Maßnahmen wie kurzärmlige Arbeitskittel und Kupferoberflächen können zur Verbesserung der Krankenhaushygiene beitragen, aber nicht die gesetzlich vorgeschriebenen Hygienemaßnahmen ersetzen.

Foto: Ärzte auf Station

In Krankenhäusern müssen besondere Hygienevorschriften beachtet werden, zum Beispiel das Tragen von Schutzkleidung; © panthermedia.net/vilevi

Der Erreger MRSA (Methicillin-resistenter Staphylococcusaureus) kann über viele Wege übertragen werden: von Mensch zu Mensch, Tier zu Mensch und über verunreinigte Gegenstände. Gelangen die Bakterienüber Wunden in den Körper, kann es zu einer Sepsis, Lungenentzündung oder Harnwegsinfektion kommen. Das Tückische: MRSA ist gegen etwa 20 Prozent aller Antibiotika resistent.

Vor allem in Krankenhäusern müssen präventive Maßnahmen ergriffen werden, umimmungeschwächte Patienten zu schützen. Geregelt werden diese Maßnahmen in den Empfehlungen der Kommission für Krankenhaushygiene und Infektionsprävention (KRINKO). "In Deutschland wurde ein sehr umfangreiches Empfehlungssystem dafür ausgearbeitet, welches bereits im Medizinstudium thematisiert wird", berichtet Prof. Martin Exner, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Krankenhaushygiene e.V. und Direktor des Instituts für Hygiene und Öffentliche Gesundheit des Universitätsklinikums Bonn. Das A und O der Krankenhaushygiene ist, wie auch in Arztpraxen und in der Pflege, die Handhygiene.

Allerdings gibt es eine Vielzahl von Erregern, die nicht über die Hände übertragen werden. "Für jede Art von Eingriffen, wie der Harnwegsinfektion oder die Prävention von Wundinfektionen, gibt es verschiedene vorgeschriebene hygienische Maßnahmen", so Exner. Aktuell werden weitere Maßnahmen diskutiert, wie kurzärmlige Arbeitskittel, wie sie bereits in der Bremer Roland Klinik getragen werden, und der Einsatz von Kupferoberflächen, die Erreger durch Kontakt zerstören. Sie können zur Verbesserung der Krankenhaushygiene beitragen, ersetzten aber nicht die Desinfektion von Gegenständen und Händen. "Es liegt im Ermessen eines jeden Krankenhauses, diverse zusätzliche Maßnahmen durchzuführen, die nicht gesetzlich vorgegeben sind."

Foto: Papier mit dem Wort MRSA, daneben Stethoskop

Das antiobiotikaresistente Bakterium MRSA lässt sich mithilfe einer Sanierung vom menschlichen Körper entfernen; © panthermedia.net/designer491

Medizintechnikunternehmen können mit Produkten helfen

Besonders wichtig sei die Sicherung der Wasserhygiene in Krankenhäusern. Zur Vermeidung des Austretens von wassergebundenen Feinstpartikeln und Pathogenen wie LegionellaundPseudomonas können auch Medizintechnikunternehmen beitragen. Der endständige Wassersterilfilter zum Beispiel wird in vielen Krankenhäusern verwendet. "Der Filter wird am Auslass eines Wasserhahnes oder anstelle des Duschkopfes installiert und unterbindet durch Filtration den Austritt von Krankheitserregern wie Pseudomonaden und Legionellen aus dem Leitungswassersystem", erklärt Joachim Rösel, Leiter Vertrieb und Marketing der PALL Medical GmbH und Sprecher des BVMed-Fachbereichs "Nosokomiale Infektionen".

Für Rösel ist die Wissensvermittlung an Ärzte und Personal sehr wichtig. Denn Medizintechnikprodukte können nur zur Prävention von nosokomialen Infektionen beitragen, wenn sie richtig angewendet werden. Dafür ist die Kommunikation von Medizintechnikunternehmen und Krankenhäusern essentiell. Entsprechende Schulungen zur Anwendung der Produkte seitens der Medizinproduktentwickler sind im Medizinproduktgesetz festgelegt. Sie werden regelmäßig in stationären Einrichtungen, insbesondere für das Hygienefachpersonal, angeboten.  "Wichtig ist außerdem, dass Krankenhäuser mit Medizintechnikunternehmen enger zusammenarbeiten und mehr Studien zu verschiedenen Technologien durchführen. Dieser Aspekt muss weiterhin verbessert werden, um die bestmöglichen Erkenntnisse zum Einsatz von Medizinprodukten im Rahmen der Infektionsprävention gewinnen zu können."

Ein erhebliches Präventionspotenzial gibt es laut Exner vor allem bei Duschabläufen, Waschbecken und Toiletten. Gramnegative Erreger, wie E. coli und Klebsiellapneumoniae, sind gegen Antibiotika resistent und im Abwassersystem auffindbar. Besonders gefährlich sind diese Keime für immungeschwächte Patienten. "Wir müssen zukünftig mit der Zunahme von gramnegativen Erregern rechnen, da wir keine Möglichkeit der Sanierung,wie zum Beispiel bei MRSA,haben", so Exner.Eine Sanierung, bestehend aus der Kombinationsbehandlung mit einer antibiotischen Nasensalbe und eines desinfizierenden Shampoos, kann als Erfolg in der Bekämpfung von MRSA verzeichnet werden. Die Anzahl von MRSA-Keimen in Krankenhäusern hat sich in den letzten Jahren deutlich verringert.

Als Risikopatienten gelten unter anderem Menschen, die sich vor kurzem im Ausland aufgehalten haben, chronisch Pflegebedürftige, Dialysepflichtige und Patienten mit Wunden und Brandverletzungen. Ein Screening, wobei ein Abstrich von Nase, Rachen oder eventuell vorhandener Wunden genommen wird, soll den antibiotikaresistenten Erreger nachweisen. Außerdem müssen die Infizierten in isolierten Räumen behandelt werden, um eine Ausbreitung zu vermeiden.

Im Ausland werden intensivere Maßnahmen ergriffen

In den Niederlanden ist die Zahl der MRSA-Patienten deutlich geringer als in Deutschland. Dort hat man bereits in den 80er Jahren mit der Bekämpfung der Erreger begonnen. In der Bundesrepublik wurde MRSA erst später als Ursache von nosokomialen Infektionen erkannt. Außerdem entwickeln die Erreger in den Niederlanden nicht so häufig Resistenzen wie in Deutschland, da Antibiotika dort weniger eingesetzt werden.

Auch in Israel standen Ärzte im Jahre 2006 vor großen Herausforderungen. Der DarmkeimKlebsiellapneumoniae sorgte für eine regelrechte Epidemie. Die Infizierten isoliert und gesondertes Pflegepersonal kümmerte sich um die Erkrankten. Dort gibt es mittlerweile, dank der Zusammenarbeit von Politik und Krankenhäusern, ein aktives Screening für Risikopatienten. So ein Screening ist in Deutschland aus Kosten- und Zeitgründen sowie Personalmangel nicht realisierbar.

"Wir stehen weltweit vor der Herausforderung, antibiotikaresistente Keime an ihrer Ausbreitung zu hindern. Es muss deshalb verschärft auf Reiserückkehrer geachtet werden", führt Exner an. In bestimmten Regionen wie Südindien und Südostasien tragen Reisende die Erreger meist unbemerkt auf der Haut. Dies ist bei Aufnahme der Patienten besonders zu berücksichtigen.

Exner sieht weitere notwendige Handlungsmaßnahmen für die Bekämpfung von antibiotikaresistenten Erregern: "Es sollen vermehrt Einzelzimmer oder Zweibettzimmer mit integrierten Nasszellen entstehen." Durch die baulichen Maßnahmen soll den Patienten mehr Platz geboten und so die Weitergabe von Keimen unterbunden werden. Außerdem sollen Patienten auch in den persönlichen Hygienemaßnahmen geschult werden.

Foto: Lorraine Dindas

© B. Frommann

Der Artikel wurde verfasst von Lorraine Dindas.
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