Hörverlust beginnt im Gehirn

„Wahrscheinlich liegt diesem Problem ein Defizit in der zeitlichen Verarbeitung der Information im Gehirn zugrunde“, sagt Grothe. Die Ursache ist vermutlich ein Missverhältnis bestimmter Botenstoffe, die Informationen zwischen Nervenzellen übertragen. Medikamente, die die Botenstoffe wieder ins Gleichgewicht bringen, könnten daher altersbedingte Hörverluste effektiver therapieren als dies bisher möglich ist.

Für das Sprachverständnis ist es essenziell, den zeitlichen Verlauf der Sprache, etwa verschiedene Tonhöhen und winzige Pausen im Sprachfluss, zu hören und voneinander abzugrenzen. Ein Team von Wissenschaftlern um Grothe konnte nun für Wüstenrennmäuse zeigen, dass die Nervenzellen älterer Tiere weniger selektiv auf Geräusche reagieren. Die geringere Selektivität führt dazu, dass die sogenannten rezeptiven Felder weniger heterogen sind. Die rezeptiven Felder der Nervenzellen sind Grundlage für die Verarbeitung und Interpretation von Sinneseindrücken.

Je heterogener die rezeptiven Felder verschiedener Nervenzellen sind, desto höher ist der Informationsgehalt der Signale, die von den Nervenzellen übertragen werden. Die Folge: Ältere Menschen hören in echoreichen Umgebungen wie etwa Restaurants einen verwirrenden Geräuschbrei, aus dem sich nur schwer einzelne Stimmen isolieren lassen.

Die Wissenschaftler vermuten, dass der veränderten zentralnervösen Signalverarbeitung im Alter ein Ungleichgewicht sogenannter Neurotransmitter zugrunde liegt: Dies sind biochemische Botenstoffe, die Informationen von einer Nervenzelle zur nächsten übertragen. Stimmt das Verhältnis hemmender und aktivierender Botenstoffe nicht mehr, kommt die Signalübertragung aus dem Takt. Sollte sich das bestätigen, wird man bei der Therapie altersbedingter Hörverluste umdenken müssen.

„Sind die zentralnervösen Veränderungen, die wir und andere beobachten in der Tat auf ein gestörtes Neurotransmittergleichgewicht zurückzuführen, würden entsprechende Medikamente die derzeit üblichen Therapien erweitern“, sagt Grothe.


MEDICA.de; Quelle: Ludwig-Maximilians-Universität München