Health-Apps: "Mobile Smartphone-Applikationen haben Stärken und Schwächen"

Interview mit Dr. Stefan Becker, Transplantationsbeauftragter, Klinik für Nephrologie, Universitätsklinikum Essen

Medizinische Apps wie Diabetes- oder Bluthochdrucktagebücher werden bei Smartphonenutzern immer beliebter. Doch das Angebot ist groß und nicht immer übersichtlich. Hinzu kommt die Frage wie die mit den Apps gewonnen Daten sinnvoll mit in die Therapie einfließen können.

22.03.2016

Foto: Lächelnder Mann mit Brille und blauem Pullover - Stefan Becker; Copyright: privat

Dr. Stefan Becker; ©privat

Herr Dr. Becker, Telemedizin oder Medical App? Was ist Ihnen als Arzt lieber?

Stefan Becker: Diese Frage stellt sich mir nicht, denn man kann eine medizinische App für telemedizinische Zwecke oder beispielsweise nur zur Dokumentation nutzen. Wichtig ist eigentlich eher, in welchem Kontext und für welche Zweckbestimmung ein Gerät eingesetzt und das geltende Datenschutzbestimmungen beachtet werden. Außerdem muss der Anwender – Arzt oder Patienten – einen Vorteil von der Anwendung haben. Die Plattform ist dann zweitrangig.

Apps nutzen die Patienten in der Regel alleine zu Hause. Nicht alle kommen damit zurecht, besonders ältere Patienten haben ihre Schwierigkeiten. Sehen Sie hier noch Verbesserungsbedarf?

Becker: Mobile Smartphone-Applikationen haben bisher sowohl Stärken und Schwächen, da es noch keinen ganzheitlichen Ansatz gibt, der alle Bedürfnisse des einzelnen Menschen im Auge hat. Die eine App für chronisch kranke oder andere Patienten gibt es aber noch nicht. Entscheidend für den Erfolg – insbesondere bei älteren Patienten – ist, dass die Technologie in die Behandlung integriert wird und die Patienten entsprechend eingewiesen werden.

Gibt es Patienten, die sich aufgrund ihres Krankheitsbildes besonders für Health-Apps eignen?

Becker: Mit unserer „iNephro-App“ haben wir eine umfassende Untersuchung durchgeführt. Die Ergebnisse wurden erst kürzlich publiziert.* Hier untersuchten wir eine Applikation, die Patienten bei der Medikamenteneinnahme unterstützt. Die Software konnte über den Apple App-Store kostenlos heruntergeladen werden. Gleichzeitig haben wir die Nutzer eingeladen, an der Studie teilzunehmen. Neben den demografischen und anamnestischen Daten haben wir dann die Nutzungsaktivität untersucht. Wir konnten feststellen, dass besonders Patienten über fünfzig Jahren mit bestimmten Vorerkrankungen (etwa kardiovaskuläre Erkrankungen), die also regelmäßig viele Medikamente nehmen müssen, eine besonders hohe Akzeptanz aufwiesen. Natürlich wird sich niemand, der kein Smartphone hat, eines kaufen, nur um diese App zu benutzen. Aber Patienten, die im Alltag bereits eine solche Technologie einsetzen, profitieren von einer solchen App – und nutzen sie auch. Das belegen unsere Studien.

Wie konsequent wurde die App von den Patienten genutzt?

Becker: Es gibt immer eine gewisse Ermüdung im Hinblick auf die Nutzung bei allen Online-Angeboten. Das heißt, dass die App zunächst hochinteressant ist und viel genutzt wird. In der zweiten Phase lässt das Interesse nach. Man kann sagen, dass nach vier Wochen nur noch ca. 25 bis 30 Prozent der Nutzer aktiv sind. Die Gründe hierfür mögen vielschichtig sein. Wenn ein neues Angebot auf den Markt kommt, dann laden viele Patienten sich dies herunter, weil sie es interessant finden. Erst nach und nach erkennen sie aber, ob es das richtige für sie ist. Bei Medikations-Apps scheinen zum Beispiel jüngere Patienten, die möglicherweise nur vorübergehend Medikamente einnehmen oder nur wenige regelmäßig einnehmen müssen, eine solche Hilfe auch nur vorübergehend zu brauchen. Im Gegensatz dazu haben wir in unserer Studie festgestellt, dass ältere Smartphonenutzer und solche mit chronischen Erkrankungen gerne längerfristig solche technischen Hilfen nutzen. Bei Kindern sieht dies wieder ganz anders aus: Hier geht es eher darum, spielerisch zu informieren und motovieren und dadurch Wissen und Verhaltensweisen zu vertiefen.

Foto: Alte Frau mit Smartphone; Copyright: panthermedia.net/ocskaymark

Ältere Patienten profitieren von Health-Apps, wenn sie ihren speziellen Bedürfnissen angepasst sind; ©panthermedia.net/ ocskaymark

Mitunter sind Apps jedoch fehlerbehaftet. So gab eine Diabetes-App vor kurzem einen falschen Boluswert an die Nutzer aus. Mahnen Sie Ihre Patienten dahingehend zur Vorsicht?

Becker: Wichtig ist, zu prüfen, ob es sich bei der App um ein Medizinprodukt handelt oder nicht. Wer mit dem Handy seinen Blutdruck misst, indem er die Fingerkuppe auf den Kamerasensor legt, der sollte sich bewusst sein, dass diese Messung nicht sehr genau sein kann. Wer seinen Blutdruck aus therapeutischen Gründen messen muss, der sollte dies daher nur mit einem Medizinprodukt tun. Eine App kann darüber hinaus nicht die Funktion eines Arztes übernehmen. Wer zum Beispiel darauf vertraut, dass eine Hautscreening-App zuverlässig schwarzen Hautkrebs erkennt, der ist schlecht beraten. In den USA ist es zum Beispiel öfter so, dass Patienten auf Apps vertrauen, wenn sie keine Gesundheitsversicherung haben beziehungsweise sich einen Arztbesuch nicht leisten können. Das ist verständlich, aber eben auch nicht ganz ungefährlich. In Deutschland werden Apps noch nicht besonders häufig benutzt, da der Arztbesuch weiter im Vordergrund steht. Eine App wird hier, auch aufgrund der gesetzlichen Krankenversicherung, also keinen Arztbesuch ersetzen müssen, sondern kann die Interaktion zwischen Arzt und Patient unterstützen. So würde ich mir zum Beispiel auch für Diabetes-Apps wünschen, dass diese komplementär zur bisherigen Arzt-Patient Interaktion, diese unterstützen, effektiver und effizienter machen, diese aber nicht ersetzen.

Wenn man über medizinische Apps spricht, kommt früher oder später immer die Frage nach dem Datenschutz. Hier ist sie also: Sind Sie besorgt, dass wichtige Daten Ihrer Patienten abgegriffen werden könnten?

Becker: Es hat in den letzten Monaten gezielt Hackerangriffe auf Einrichtungen des Gesundheitswesens gegeben. Das macht uns natürlich Sorgen. Hier sind interdisziplinäre Konzepte und IT-Strategien notwendig um mögliche Schäden für unsere Patienten zu vermeiden. Ich wünsche mir hier eine verstärkte Kooperation zwischen Gesundheitsdienstleistern und IT-Sicherheitsfirmen, um die Angebote so sicher wie möglich zu machen und damit eine Vorreiterstellung in der Welt einzunehmen.

Nicht nur Kriminelle möchten auf Patientendaten zugreifen, so manche Krankenkasse hätte ebenfalls gerne Zugriff darauf. Was halten Sie davon?

 Becker: Es gibt in der Tat gesetzliche Krankenkassen, die gerne als Datentreuhänder ihrer Patienten auftreten möchten. Im nächsten Schritt bieten private Krankenkassen Tarife an, bei denen versicherte über ein App Ihre „gesunde Lebensweise“ dokumentieren können und entsprechend an Bonusprogrammen teilnehmen können. Ich halte das vor dem Hintergrund unseres solidarischen Systems der gesetzlichen Krankenversicherung für bedenklich: Wenn ich einem Patienten einen Bonus zuspreche, weil er zum Beispiel regelmäßig eine Health-App nutzt, mit der er seinen gesunden Lebensstil dokumentiert, mache ich ihn gläsern. Und oft wird den Patienten nicht klar, was es für Nachteile mit sich bringen kann, wenn sie die App nach der ersten Begeisterung nicht mehr regelmäßig nutzen. Ein aktuelles Beispiel aus Russland: Hier gibt es eine Privatversicherung, die Diabetikern, die regelmäßig Blutzucker messen, einen besonderen Tarif anbietet. Wird der Blutzucker nicht mehr regelmäßig gemessen, erlischt der Versicherungsschutz. Das ist ein interessanter, wenn auch bedenklicher Ansatz – in Deutschland wäre er aber wohl so oder so nicht denkbar.

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http://journals.plos.org/plosone/article?id=10.1371/journal.pone.0078547

http://journals.plos.org/plosone/article?id=10.1371/journal.pone.0116980

Foto: Simone Ernst; Copyright: B. Frommann

© B. Frommann

Das Interview wurde geführt von Simone Ernst.
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