Heidi Dohse: Aus dem Krankenbett zurück aufs Rennrad mit Wearables

Interview mit Heidi Dohse, Gründerin von Tour de Heart, Athletin, Managerin Google Cloud Platform

18.11.2015
Foto: Heidi Dohse

Heidi Dohse; © beta-web/Stöter

Manchmal steht man vor einer hoffnungslosen Situation und muss schlicht damit auskommen. So scheint es zumindest. Aber was können Menschen tun, die schwimmen statt untergehen wollen? Einer von ihnen ist Google-Managerin Heidi Dohse, die trotz Herzrhythmusstörungen und Schrittmachern ein aktives Leben mit Wearables führt. Auf der MEDICA MEDICINE+SPORTS CONFERENCE 2015 berichtet sie darüber.

"Empowering Patients to Live Amazing Lives" ist der Titel ihrer Keynote. Erfahren Sie mehr über die Wearables, die Dohse unterstützt haben, im Interview mit MEDICA.de und am Mittwoch auf der Konferenz.


Frau Dohse, Sie haben Herzrhythmusstörungen, sind aber trotzdem Profisportlerin. Wie haben Ihnen Wearables geholfen, wieder in den Sport zurückzukehren?

Heidi Dohse: Als bei mir eine seltene Herzrhythmusstörung diagnostiziert wurde, haben die Ärzte mir gesagt, dass mein Herz teilweise mit Elektroschocks behandelt werden müsste, wodurch ich in Zukunft auf einen Herzschrittmacher angewiesen sein würde. Das hat mir wirklich Angst gemacht. Ich war mir nicht sicher, ob ich je wieder so aktiv leben können würde wie zuvor. Aber mit einem Wearable konnte ich meine Herzfrequenz selbst überprüfen und mich sicher fühlen. Und wenn ich mich sicher fühle, habe ich auch mehr Selbstvertrauen und kann mehr tun. So habe ich es von einem ersten 4-Minuten-Workout auf einem Spinning-Bike zurück auf das Rennrad geschafft!

Sie haben auch mit den Medizingeräte-Ingenieuren von Boston Scientific zusammengearbeitet. Was konnten diese von Ihnen für die Entwicklung ihrer Geräte lernen?

Dohse: Boston Scientific war ein wirklich toller Partner und hat es mir ermöglicht, die bestmögliche Leistung aus meinem Schrittmacher herauszuholen. Mein erster Herzschrittmacher wurde im Jahr 1983 implantiert, mein aktueller im Jahr 2013 – das ist jetzt mein siebter. Ich konnte den Ingenieuren bei Boston Scientific viele Informationen darüber liefern, wie sich ihre Geräte in den letzten 30 Jahren verbessert haben. Die Herzschläge fühlen sich inzwischen sanfter und natürlicher an. Ich habe gemeinsam mit dem Entwicklerteam des Unternehmens darüber nachgedacht, welche Features bei meinem Schrittmacher aktiviert werden müssen, damit er so gut wie möglich arbeitet. Schließlich brauche ich die bestmögliche Leistung, wenn ich Radrennen fahre. Ich gebe auch die Daten aus meinem Gerät an die Entwickler weiter, damit sie neue Erkenntnisse darüber gewinnen können, wie ein Herzschrittmacher im Herzen eines Leistungssportlers funktioniert.

 
 
Foto: Heidi Dohse auf dem Rennrad

Heidi Dohse beim Dirty Kanza-Race in Kansas, USA. Die Strecke führt 200 Meilen (circa 330 km) über Schotter, Dohse bewältigte sie in circa 15 Stunden; ©Kim Morris

Mit der Aktion "Tour de Heart" wollen Sie unter anderem eine klinische Studie über den Einsatz von Wearables bei Herzpatienten starten. Können Sie uns etwas mehr darüber erzählen: Welches Ziel hat die Studie genau und welche Fragen sollen beantwortet werden?

Dohse: Tour de Heart ist ein Teil der Health eHeart Alliance und der Health eheart Studie. Wir haben vor Kurzem zusammen mit dem Mood Network einen Vorschlag für eine solche Studie eingereicht, die zeigen soll, ob internetbasierte kognitive Verhaltenstherapie (cognitive behavior therapy oder auch CBT genannt) oder achtsamkeitsbasierte kognitive Therapie (mindfulness-based cognitive therapy oder MBCT) wirklich die physische Aktivität anregen kann. Depressionen und Angststörungen sind für Menschen, bei denen eine Herzkrankheit diagnostiziert wird, ein wichtiges Thema. Viele sehnen sich gerade nach Behandlungen oder Operationen ihr "altes" aktives Leben wieder herbei.

Wearables werden ein wichtiger Teil der Studie sein, denn sie ermöglichen die Überwachung der Aktivität durch den Patienten selbst und geben ihm ein direktes Feedback. Wenn Menschen aktiv sind, fühlen sie sich körperlich und seelisch besser, das ist der Hintergedanke. Ein positives Grundgefühl senkt außerdem das Risiko von Herzproblemen. Die Daten ihrer Wearables werden im Rahmen der Studie genutzt, um die Erhöhung der Aktivität nachzuweisen. Ich hoffe, dass das der richtige Weg ist, damit diese Patienten ihr Leben zurückerhalten.

 
 
Grafik: Logo von Tour de Heart

Logo von Tour de Heart; ©Tour de heart

Gibt es einen besonderen Rat, den Sie anderen Herzpatienten geben möchten?

Dohse: Werden Sie nicht zum Opfer Ihrer Herzprobleme. Setzen Sie sich zu Anfang kleine, erreichbare Ziele und nutzen Sie einen tragbaren Herzfrequenzmesser, mit dem Sie überprüfen können, ob Ihr Herz genauso funktioniert wie es soll. Wiederholen Sie das so lange, bis sie alles tun können, was Sie schon immer tun wollten!!!

Was erwartet uns bei Ihrem Vortrag auf der MEDICA MEDICINE + SPORTS CONFERENCE?

Dohse: Ich werde in meinem Vortrag auf meine persönliche Geschichte als Herzpatient eingehen und erzählen, wie die Krankheit meinen Job bei Google und mein freiwilliges Engagement bei "Tour de Heart" beeinflusst hat.

 
 

Nicht vergessen

Sie können Heidi Dohse persönlich auf der MEDICA MEDICINE+SPORTS CONFERENCE treffen. Sie wird ihre Keynote "Empowering Patients to Live Amazing Lives" wird im CCD Süd, 1. Obergeschoss, Raum 2 geben, und zwar am Mittwoch, 18. November, 14.00 Uhr.

Mehr Informationen zur Veranstaltung "Digital Systems in Recreational and Elite Sports"
 
 
Foto: Timo Roth

© B. Frommann





Das Interview wurde geführt von Timo Roth und aus dem Englischen übersetzt von Daniel Stöter.
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