Herzinsuffizienz: Früherkennung mit dem Ultraschall

Interview mit Dr. Johannes Krämer, Kinderkardiologie, Universitätsklinikum Ulm

02.05.2016

Herzinsuffizienz ist eine starke Belastung für die Patienten, denn sie schränkt die alltägliche Leistungsfähigkeit stark ein und raubt ihnen die Energie. Kinder sind, aufgrund ihres großen Bewegungsdranges, davon besonders schwer betroffen. Häufig fällt die Erkrankung aber erst auf, wenn die körperliche Leistung schon abnimmt. Eine Früherkennung könnte das verhindern.

Foto: Drei Männer posieren während einer Urkundenverleihung

(v.l.) Prof. Dr. Christian Apitz, Dr. Johannes Krämer, Prof. Dr. Klaus-Michael Debatin; ©Universitätsklinikum Ulm

Im Interview mit MEDICA.de erläutert Dr. Johannes Krämer, wie die Speckle Tracking-Echokardiografie einen Fingerabdruck der Herzmuskelbewegung erstellt und welche Bedeutung das sowohl für Kinder unter Chemotherapie als auch für erwachsene Patienten hat.

Herr Dr. Krämer, Sie erforschen derzeit die Herzmuskelschwäche bei Kindern und ihre Diagnostik. Woran arbeiten Sie genau?

Dr. Johannes Krämer: Wir wollen die Frühstadien von verschiedenen Arten der Herzinsuffizienz bei Kindern erfassen, die derzeit noch der klinischen Diagnostik entgehen. Dazu wollen wir mit funktioneller Ultraschall-Bildgebung während einer Belastungsuntersuchung kleine Unregelmäßigkeiten in der Bewegung der Herzwand erfassen. Derzeit führen wir dazu mit Kindern hier in Ulm eine klinische Studie durch. Später könnten wir diese auf weitere Patientengruppen erweitern.

Was für ein Krankheitsbild versteht man eigentlich unter der Herzmuskelschwäche?

Krämer: Das Krankheitsbild ist sehr breitgefächert. In erster Linie bedeutet es, dass das Herz nicht mehr genügend Blut pumpen kann, um die Organe ausreichend zu versorgen. Wenn die Herzinsuffizienz fortgeschritten ist, wirkt sie im Alltag einschränkend auf die Patienten. Dann reicht ihre Energie nicht mehr zum Laufen oder Fahrradfahren oder auch nicht mehr zum einfachen Spielen.

Davon sindzum Beispiel Kinder betroffen, die im Rahmen einer Chemotherapie Anthrazykline bekommen, die eine angeborene oder erworbene Herzerkrankung haben oder die am Herzen operiert werden mussten.

Was für Symptome können Sie denn durch die Kombination von Ultraschall und Belastungsuntersuchung feststellen?

Krämer: Wir wenden eine Software zur sogenannten Speckle Tracking-Echokardiografie an. Damit können wir feinste Auffälligkeiten, die während der Ultraschalluntersuchung normal sind, über den Verlauf des Herzzyklus‘ verfolgen. So sehen wir in verschiedenen Wandsegmenten, wie gut sich einzelne Punkte des Herzmuskels bewegen. Wenn diese Untersuchung unter Belastungdurchgeführt wird - die Kinder treten dazu auf einem Ergometer - können wir noch viel mehr feine Unregelmäßigkeiten feststellen, die ein Hinweis auf Herzinsuffizienz sein können.

Foto: EKG-Untersuchung bei einem jungen Mädchen

Derzeit entgehen die Frühstadien der Herzinsuffizienz noch der klinischen Diagnostik. Die neue Ultraschallmethode soll das ändern; ©panthermedia.net/ HOMONSTOCK

Inwiefern unterscheidet sich dieses Verfahren von aktuellen diagnostischen Methoden?

Krämer: Üblich ist derzeit ein Herzultraschall ohne Belastung und ohne die spezielle Software. Im Erwachsenenalter sind Untersuchungen häufiger, bei denen der Herzmuskel unter medikamentöse Belastung gesetzt wird. Bei Kindern mit einer Vorerkrankung ist das natürlich nicht so einfach möglich. Physiologisch ist es auch viel aussagekräftiger, wenn wir das Ergometer nutzen. Das ist dann die Art von Belastung, der das Herz auch im Alltag ausgesetzt ist.

Benutzen Sie auch ein spezifisches Ultraschallsystem?

Krämer: Das ist ein herkömmliches System. Das Besondere an der Untersuchung ist die Software. Sie kann aus den Bildsegmenten sozusagen einen Fingerabdruck des Herzmuskels erstellen und diese Segmente dann während der Bewegung verfolgen. Diese Software ist noch nicht im klinischen Alltag angekommen, aber bereits von verschiedenen Herstellern verfügbar.

Sie arbeiten mit dieser Diagnostik an einer Früherkennung. Wie ließe sich künftigdie Herzmuskelschwäche bei den betroffenen Kindern behandeln oder verhindern?

Krämer: Gerade bei den Kindern unter Chemotherapie könnte man frühzeitig entweder die Dosis des Medikaments verändern oder gleich ein anderes verwenden. Langfristig ist unser Plan, mit der Methode Kinder zu identifizieren, die ein erhöhtes Risiko für die Herzmuskelschwäche haben, bevor sie die Therapie anfangen.

Könnte diese Methode auch zur Diagnostik der Herzmuskelschwäche bei Erwachsenen eingesetzt werden?

Krämer: Bei Erwachsenen wird die Untersuchung unter medikamentöser Belastung ohnehin schon häufiger durchgeführt als bei Kindern. Bei Erwachsenen kann die medikamentöse Belastung einfacher induziert werden. Dort wird aber die funktionelle Bildgebung auch noch nicht so häufig eingesetzt. Insofern könnte unsere Methode auch einen Mehrwert für die Untersuchung im höheren Alter darstellen.

Foto: Timo Roth; Copyright: B. Frommann

© B. Frommann

Das Interview wurde geführt von Timo Roth.
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