Hoffnung für Patienten mit Magersucht

04.12.2014
Foto: Frau sitzt vor Teller, auf dem eine Tomate liegt

Ein Forscherteam untersucht die Auswirkungen von Anorexia nervosa auf das Gehirn; © panthermedia.net/ Wavebreakmedia ltd

Ein Forscherteam um Stefan Ehrlich, Professor für Angewandte Entwicklungsneurowissenschaften an der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie des Universitätsklinikums Carl Gustav Carus Dresden, untersuchte die Auswirkungen der schweren Essstörung Anorexia nervosa auf bestimmte Hirnstrukturen.

In der veröffentlichten Studie präsentieren die Wissenschaftler ihre Ergebnisse, die sie mittels einer in diesem Zusammenhang weltweit erstmals eingesetzten Methode mit mehr als 100.000 über die gesamte Hirnoberfläche verteilten Messpunkten ermittelten.

In der Publikation berichten die Dresdner Forscher, dass sich die im akuten Stadium einer Magersucht auftretende starke Verringerung der Dicke der Hirnrinde, genauer der grauen Substanz, bei vollständiger Therapie der Essstörung meist komplett wiederherstellt.
Bisherige Studien betrachteten die Veränderungen des Volumens oder der Dichte der grauen Substanz des Hirns betroffener Patienten, ohne den genauen Bereich eingrenzen zu können. Die jetzt durch die Dresdner Wissenschaftler an einer großen Stichprobe von Patientinnen mit Anorexia nervosa weltweit erstmals eingesetzte Messung der Dicke der Hirnrinde an über 100.000 verschiedenen Punkten unter Einsatz eines hochauflösenden Magnetresonanztomografen (MRT) kann die Schrumpfung der grauen Substanz in der Hirnrinde sub-millimeter-genau erfassen.

Gefunden wurde eine drastisch verringerte Dicke der Hirnrinde in fast allen Bereichen des Großhirns. Auch in der Tiefe des Gehirns sind die Volumen der grauen Substanz verringert. „Das Ausmaß der Veränderungen am Hirn, also die Verringerung der Dicke der grauen Substanz infolge einer akuten Magersucht, ist den bei einer Alzheimer-Erkrankung beobachtbaren Abbauprozessen sehr ähnlich“, beschreibt Ehrlich die Folgen der Essstörung.

Die Messungen bei den Studienteilnehmern erfolgten zum Zeitpunkt der Aufnahme am Dresdner Universitätsklinikum und im Schnitt 12 Monate nach einer erfolgreich abgeschlossenen Therapie mit vollständiger Herstellung des Normalgewichts, normalem Essverhalten und mit einer normalen Menstruation. Etwa 50 Prozent der behandelten Patienten können langfristig diese Kriterien erreichen – es ist für die Betroffenen ein extrem harter Weg bis zu einer völligen und dauerhaften Wiederherstellung.

„In unserer Stichprobe konnten wir bei den erfolgreich therapierten Patienten eine vollständige Wiederherstellung der Schichtdicke der grauen Substanz beobachten“, erläutert Ehrlich das für die Betroffenen hoffnungsvolle Ergebnis. Doch die Magersucht verändert neben den Hirnstrukturen noch etliche weitere Bereiche und Prozesse mit oft schwierigen langfristigen Folgen, die nicht umkehrbar sind. Dazu gehört beispielsweise die verstärkte Osteoporose, also der Abbau an Knochensubstanz.

Die Behandlung von Essstörungen bildet einen Schwerpunkt der Klinik und Poliklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie des Universitätsklinikums Dresden. Patienten aus ganz Deutschland kommen wegen dieser Expertise an die Dresdner Klinik. Zu den Angeboten gehören am „Zentrum für Essstörungen“ eine Spezialambulanz und eine Spezialstation für Essstörungen sowie eine Familientagesklinik, an der eine Multifamilientherapie angeboten wird.

MEDICA.de; Quelle: Universitätsklinikums Carl Gustav Carus Dresden