Hybrid-OP: Der OP der Zukunft, schon heute?

01.09.2016

Bei einer Operation steht der Patient im Mittelpunkt. Er soll möglichst schonend und wirkungsvoll therapiert werden, weshalb der Trend zur minimal-invasiven Chirurgie (MIC) geht. Doch je kleiner die Eingriffe werden sollen, desto besser muss auch die unterstützende Technologie sein. Der Hybrid-OP verbindet Chirurgie und Bildgebung miteinander und ersetzt immer mehr klassische offen-chirurgische Techniken mit MIC.

Bild: Hybrid-OP; Copyright: Philips GmbH

Der Hybrid-OP am Universitätsklinikum Schleswig-Holstein, Campus Kiel ist mit einem decken-montierten Angiographiesystem ausgestattet; ©Philips GmbH

Die Weiterentwicklung der minimal-invasiven Techniken sowie der bildgebenden Technologien führte zur Entwicklung des hybriden Operationssaals – einer Kombination aus konventionellem OP mit einer Anlage zur Bildgebung – MRT, CT oder Angiographie. Dieser Hybrid-OP ermöglicht es, während eines Eingriffs simultan zu diagnostizieren und zu therapieren. "Dieses Zusammenführen eröffnet neue therapeutische Optionen und Behandlungsmöglichkeiten. Letztlich ergibt sich daraus auch ein entsprechender Nutzen für die Patienten", erklärt Prof. Bulitta, Leiter des Instituts für Medizintechnik der Ostbayerischen Technischen Hochschule Amberg-Weiden. Außerdem besteht die Möglichkeit, bei Bedarf von einem minimal-invasiven sofort zu einem offenen Eingriff zu wechseln. "Beides zusammen – interventionelle Technik und offene Chirurgie – ermöglicht nicht nur höchste Sicherheit, sondern auch Flexibilität in der Art des Eingriffs", meint Prof. Butter, Chefarzt der Kardiologie am Herzzentrum Brandenburg. Insbesondere in der Gefäßchirurgie, die den Hybrid-OP momentan am meisten nutzt, wird dieser bereits in wenigen Jahren den Standard darstellen. Daher spielt der Hybrid-OP, auch in Anbetracht von Patientensicherheit und Wettbewerbsfähigkeit, eine wichtige Rolle.

Die Qual der Wahl – Mobil oder fest? Decken- oder bodenmontiert?

Das bildgebende System – bisher handelt sich dabei zumeist um ein Angiographiesystem – bildet das Herzstück des Hybrid-OP. "Der Vorteil eines Hybrid-OPs ist, dass er in einem Operationssaal eine optimale Bildgebung ermöglicht. Es gibt eine höchstmoderne Röntgenanlage, mit der Angiogaphien gemacht werden können. Diese können mit anderen, präoperativen Bildern, zum Beispiel aus dem CT oder MRT, fusioniert werden", beschreibt Prof. Butter. Das Angebot ist vielfältig; gewählt werden sollte je nach räumlicher und finanzieller Möglichkeit sowie nach klinischer Anforderung.

Grundsätzlich gibt es mobile und fest installierte Angiographiesysteme. Der große Vorteil bei mobilen Systemen liegt darin, dass sie nicht an einen Operationssaal gebunden sind, sondern flexibel und je nach Notwendigkeit eingesetzt werden können. Insbesondere für kleinere Krankenhäuser stellt dies, auch aus Kostengründen, eine Alternative zu den teuren fest installierten Anlagen dar. Allerdings ist der Nachteil dieser mobilen Systeme zum einen, dass durch eine geringe Röhrenleistung und eine niedrige Bildwiederholfrequenz die Bildqualität begrenzt ist. Insbesondere bei endovaskulären Eingriffen, wo selbst dünnste Gefäße dargestellt werden müssen, stellt dies eine erhebliche Einschränkung dar. Zum anderen kommt es bei den mobilen C-Bögen bei längeren Prozeduren zu Überhitzung. So kommen diese bei komplizierten Eingriffen und insbesondere bei adipösen Patienten schnell an ihre Leistungsgrenze.

Bei den fest installierten Anlagen für Hybrid-OPs finden sich verschiedenen Varianten: bodenmontierte Anlagen, deckenmontierte Anlagen an einem extrabreiten oder auch Standard-Schienensystem, auf einer mobilen Plattform installierte Angiographieanlagen, Biplan-Systeme, die es ermöglichen, auf zwei Ebenen zeitgleich Bilder anzufertigen sowie der bodenmontierte Angioroboter. Alle Anlagen unterscheiden sich in Installationsaufwand, Platzbedarf, Hygieneanforderungen und Preis.

Die Wahl für eine Angiographieanlage entscheidet auch über die weitere Raumplanung sowie die baulichen Maßnahmen. Die Deutsche Gesellschaft für Kardiologie – Herz- und Kreislaufforschung e.V. empfiehlt in ihrem Leitfaden eine Raumgröße ab 60qm – je nach Ausstattung kann allerdings auch mehr Platz benötigt werden –, damit der Raum optimal ausgelastet und das OP-Personal sich nicht gegenseitig behindert oder von der Technik gestört wird. Am wenigsten Platz benötigt die bodenmontierte Anlage, mehr Platz brauchen dagegen das an die Decke montierte Aniographiesystem und am meisten der bodenmontierte Angioroboter.
 Bild: Vier Ärzte führen eine Operation in einem OP durch; Copyright: panthermedia.net/ Cancerus

Es ist möglich, dass sich im Hybrid-OP mehr als 20 Personen gleichzeitig befinden. Aus diesem Grunde ist für eine optimale Nutzung des OPs ein großer Raum sinnvoll und wichtig; © panthermedia.net/ Cancerus

Hybrid-OP – eine Herausforderung

Ein Hybrid-OP stellt eine enorme Investition dar; die Anschaffung allein kostet ein bis zwei Millionen Euro, dazu kommen noch hohe Umbau- und Wartungskosten. Der ökonomische Vorteil macht sich zum einen in der steigenden Nachfrage nach komplexen Eingriffen bemerkbar. Zum anderen werden die Eingriffszeiten sowie, durch schonendere Eingriffe, der Patientenaufenthalt kürzer. Außerdem ermöglicht die intraoperative Bildgebung eine sofortige Qualitätskontrolle, was zu einer Fehlerreduktion führt.

Beim Bau und bei der Nutzung des Hybrid-OPs sind zwei Aspekte besonders wichtig. Erstens ist eine vorausschauende Planung unabdingbar; genügend Zeit und Ressourcen sollten in die Planungsphase investiert werden. Des Weiteren müssen, um später eine bestmögliche Nutzung zu garantieren, alle beteiligten Parteien im Vorfeld involviert werden. Das sind neben der Anästhesie, OP-Pflege, Technik und Bauleitung auch alle medizinischen Fachdisziplinen, welche den Hybrid-OP später nutzen werden. Mittlerweile stellen viele Hersteller eine spezielle Planungssoftware bereit, sodass der Bau mit Hilfe von 3D-Bildern adäquat geplant werden kann.

Zweitens muss der Hybrid-OP optimal ausgelastet sein, denn ein Krankenhaus kann damit Umsatz generieren, der natürlich ausbleibt, wenn der OP leer steht. Dafür ist neben einem reibungslosen Workflowmanagement auch die Schulung des Personals notwendig. "Häufig kommen die Disziplinen, die einen Hybrid-OP nutzen, aus der Chirurgie, die kaum Erfahrung mit festinstallierten Angiographiesystemen hat. Diese müssen – möglichst schnell – geschult werden, damit die Installation sich rentiert und die Anlage optimal genutzt wird", erklärt Dr. Peter Belei, Advanced Clinical Applications iXR, Philips GmbH Market DACH. Ein weiteres Stichwort lautet Strahlenschutz. Eine feste Angiographieanlage hat eine höhere Bildqualität als ein mobiler C-Bogen, aber dementsprechend auch potentiell mehr Röntgenbelastung. Das ist insbesondere für das Personal, das dieser Belastung täglich ausgesetzt ist, problematisch: "Das Haus muss alle Schutzmaßnahmen treffen, damit der Hybrid-OP effizient betrieben werden kann, aber das Personal keinen Schaden nimmt", so Belei.

Auch die Hersteller der Hybrid-OPs stehen vor Herausforderungen: "Für den Hersteller ist es schwierig, all die Technologien, die im Hybrid-OP benötigt werden, in der Weise in den Operationssaal zu integrieren, dass die knappe Raumfläche möglichst effizient genutzt wird", erklärt Belei. "Außerdem sollte die Anlage in die bereits bestehenden Arbeitsabläufe integriert werden, damit das OP-Personal den gewohnten Betrieb nicht komplett ändern muss."  

Bild: Hybrid-OP; Copyright: Philips GmbH

Noch wird der Hybrid-OP vor allem von den kardiovaskulären Disziplinen genutzt. In Zukunft werden jedoch immer mehr Teildisziplinen den Hybrid-OP nutzen, weshalb sich der hybride Operationssaal an die sich verändernden Anforderungen anpassen wird; © Philips GmbH

Die Zukunft des Hybrid-OP

Die Zukunft gehört der minimal-invasiven Chirurgie und damit auch der intraoperativen Bildgebung sowie dem Hybrid-OP. Auch aus Kostengründen sind es nicht mehr nur die kardiovaskulären Disziplinen, die den Hybrid-OP nutzen. Verstärkt sind es auch weitere Teildisziplinen wie Neurochirurgie, Traumatologie oder Orthopädie, die von der 3D-Bildgebung und der höheren Bildqualität einer Angiographieanlage profitieren können. "Die Anlage muss sich an die unterschiedlichen Arbeitsabläufe der verschiedenen Disziplinen im OP, vom Knochen- bis zum Gefäßchirurgen nahtlos einbinden lassen. Sie muss über alle notwendigen Funktionalitäten verfügen, damit diese differenten Disziplinen optimal arbeiten können", erläutert Belei. Auch Butter sieht den Trend in der interdisziplinären Nutzung des Hybrid-OP: "In den unterschiedlichen Disziplinen werden immer komplexeren Eingriffe durchgeführt. Da bieten sich solche modernen bildgebenden Anlagen an. Die Zukunft des Hybrid-OP wird vermutlich so aussehen, dass man optimale Bedingungen schafft, sodass mehrere Disziplinen den Raum nutzen können."

Technologisch geht die Entwicklung immer mehr in den Bereich der Bildfusion. Die Informationen aus unterschiedlichen Modalitäten wie Ultraschall, Röntgen und MRT werden fusioniert und ergänzen einander, sodass Röntgenzeit gespart wird und möglichst wenig Kontrastmittel verwendet werden. Auch die Integration von OP-Systemen mit den unterschiedlichen Geräten wird in Zukunft eine immer größere Rolle spielen und eine Herausforderung für Hersteller und Anwender sein. Momentan ist es noch so, dass jeder Hersteller seine eigene Bedienphilosophie hat, die das OP-Personal verstehen muss. In Zukunft soll es jedoch anders aussehen, sodass die verschiedenen Technologien miteinander kommunizieren und die Geräte effektiv genutzt werden können. "Das sind alles Ideen, mit denen zwar bereits begonnen wurde, aber uns noch die nächsten Jahre, vielleicht sogar das nächste Jahrzehnt, begleiten werden", erklärt Belei mit Blick in die bereits beginnende Zukunft.
Der Artikel wurde geschrieben von Olga Wart.
MEDICA.de