Immunsystem wird zum bösartigen Helfer

Wenn aus Freunden bösartige Helfer
werden - Fresszellen helfen bei
Tumorwachstum; © NCI Visuals Online

Glioblastome entstehen durch unkontrolliertes Wachstum von Gliazellen im Gehirn und sind die häufigste und aggressivste Form eines Gehirntumors. Neueste Forschungen haben gezeigt, dass Glioblastome nicht nur entgleiste Gehirnzellen sind, sondern bis zu 50 Prozent aus Fresszellen (Makrophagen) des Immunsystems bestehen können.

Lange Zeit nahmen Forscher an, dass das Nervensystem völlig vom Immunsystem, das zum Beispiel die Entstehung von Krebszellen erkennen kann, getrennt sei. In den vergangenen Jahren konnten sie aber vermehrt Immunzellen und Immunreaktionen im Gehirn nachweisen. Allerdings zeigten Prof. Dr. Karl-Heinz Plate, Leiter des Neurologischen Instituts der Johann Wolfgang Goethe- Universität Frankfurt am Main und seine Mitarbeiter, dass der Nachweis von Immunzellen im Gehirn kein Indiz dafür ist, dass die Abwehrzellen den Tumor auch attackieren.

Ganz im Gegenteil: Makrophagen im Gehirn scheinen von Signalen, die der Tumor aussendet, "umgedreht" zu werden. Statt ihn zu zerstören, schütten die Fresszellen den Wachstumsfaktor VEGF (Vascular Endothelial Growth Factor) aus. Dieser bekommt so eine doppelte Funktion: Einerseits regt er die Bildung neuer Blutgefässe (Angiogenese) an, über die sich der Tumor mit Nährstoffen versorgt und wachsen kann, andererseits werden die Immunzellen von den Tumorzellen angestiftet, selbst auch VEGF auszuschütten.

Dadurch werden die Immunzellen zu "Komplizen" des Tumors. Die Tatsache, dass fast die Hälfte eines Glioblastoms aus Makrophagen bestehen kann und diese Zellen ebenso wie die Tumorzellen den Faktor VEGF ausschütten, ist möglicherweise eine Erklärung dafür, dass Glioblastome so extrem rasch wachsen.

Der VEGF-Rezeptor spielt eine zentrale Rolle für die Wanderung der Makrophagen durch den Körper hin zu einem Entzündungsherd oder Tumor. Prof. Plate und seine Mitarbeiter zeigten an Hand von Mäusen, bei denen das Gen für den VEGF-Rezeptor ausgeschaltet wurde, dass Glioblastome in ihrem Wachstum erheblich reduziert waren.

MEDICA.de; Quelle: Max-Delbrück-Centrum für Molekulare Medizin