Impfpflicht schränkt Entscheidungsfreiheit ein

26.08.2015
Foto: Kleinkind wird geimpft

Die Wissenschaftler wollen herausfinden, was die Einführung einer teilweisen Impfpflicht für das gesamte Impfprogramm bedeutet; © panthermedia.net/stalnyk

Eine neue Studie von Wissenschaftlern des Center for Empirical Research in Economics and Behavioral Sciences (CEREB) der Universität Erfurt und der RWTH Aachen hat mögliche Auswirkungen der Einführung einer teilweisen Impfplicht auf die Impfbereitschaft der Bevölkerung untersucht.

Sie ist jetzt unter dem Titel "Nachteilige Auswirkungen der Einführung einer teilweisen Impfpflicht: experimentelle Evidenz" im European Journal of Public Health erschienen.

"Wenn in Deutschland von Impfpflicht die Rede ist, geht es in aller Regel um eine teilweise Impfpflicht, sprich: eine Impfpflicht zur Abwehr ganz bestimmter Erkrankungen, bei denen die Impfquote derzeit niedrig ist. Beispielsweise wurde im Frühjahr 2015 diskutiert, die Masern-Mumps-Röteln-Impfung verpflichtend zu machen", erklärt Dr. Cornelia Betsch, Akademische Rätin am Lehrstuhl für Sozial-, Organisations-, und Wirtschaftspsychologie der Universität Erfurt, den Hintergrund der Untersuchungen, die sie zusammen mit Dr. Robert Böhm von der RWTH Aachen angestellt hat.

"Wir wollten herausfinden, was die Einführung einer teilweisen Impfpflicht für das gesamte Impfprogramm bedeuten würde, vor dem Hintergrund dass die restlichen Impfungen freiwillig bleiben." Zwei Versuchsgruppen haben die Wissenschaftler in ihrer Online-Studie untersucht. Die erste Gruppe wurde in einem ersten Schritt zu einer (fiktiven) Impfung verpflichtet und durfte sich im zweiten Schritt freiwillig für oder gegen eine Impfung entscheiden. In der zweiten Testgruppe setzten Betsch und Böhm von vornherein auf Freiwilligkeit.

Es zeigte sich, dass vor allem Personen mit negativer Einstellung gegenüber dem Impfen durch die Impfpflicht beeinflusst wurden: Deren Impfbereitschaft sank um ganze 39 Prozent im Vergleich zur Gruppe, in der beide Entscheidungen freiwillig waren. Die Wissenschaft spricht hier von "psychologischer Reaktanz", die dazu führt, dass sich Personen, deren Entscheidungsfreiheit eingeschränkt wird, diese bei der nächsten Gelegenheit "zurückholen".

Eine Einführung einer teilweisen Impfpflicht kann also paradoxe Effekte haben – gerade die Impfskeptiker, denen durch Impfpflicht begegnet werden soll, könnten so einen weit größeren Effekt auf das gesamte Impfprogramm haben, als es bei freiwilligen Impfung der Fall ist.

Betsch resümiert: "Wir schließen daraus, dass eine sinnvolle und gute Impfaufklärung der Bevölkerung effektiver wäre als die Einführung der Impfpflicht – vor allem einer nur teilweisen."

MEDICA.de; Quelle: Universität Erfurt

Mehr über die aktuelle Diskussion zur Impfpflicht unter: www.uni-erfurt.de