Individualisierte Sportmedizin: Training nach Plan

Interview mit Prof. Martin Halle, Ärztlicher Direktor am Lehrstuhl und Poliklinik für Präventive und Rehabilitative Sportmedizin an der Medizinischen Fakultät der Technischen Universität München (TUM)

22/06/2016

Sport ist gesund – oft auch dann, wenn man krank ist. Zur Schonung raten die meisten Ärzte deshalb nur noch in wenigen Fällen. Sogar Patienten, die kurz vor einer Herztransplantation stehen, können von Sport profitieren. Es ist wie so oft die Dosis, die das Gift macht. Wir haben beim Sportmediziner Prof. Martin Halle nachgefragt, worauf genau zu achten ist.

Foto: Martin Halle

Prof. Martin Halle; © TU München

Herr Prof. Halle, vor wenigen Jahren rieten Ärzte ihren Patienten noch, sich bei Krankheiten zu schonen. Heute wird Sport ausdrücklich empfohlen. Bei welchen Krankheiten kann Sport hilfreich sein?

 Martin Halle: Die Sporttherapie ist bei vielen Erkrankungen von Bedeutung. In den letzten zehn Jahren wurden viele Studien durchgeführt, die nun auch praktische Anwendung finden. Es gibt verschiedene Krankenkassen, zum Beispiel die Techniker Krankenkasse, die Sport als Therapie bereits fest etabliert haben. Sie versuchen den Patienten zu vermitteln, dass es Möglichkeiten gibt – neben Medikamenten – etwas gegen ihre Erkrankung zu tun. Dazu zählen zuvorderst Herz-Kreislauf-Erkrankungen aber auch Krebserkrankungen, Osteoporose oder Demenz. Es handelt sich meist um chronisch-entzündliche Erkrankungen und körperliches Training ist in diesem Zusammenhang sehr hilfreich und wichtig.

Nur die Aufforderung Sport zu treiben, wird den Patienten nicht helfen. Was müssen Ärzte beachten, um Empfehlungen aussprechen zu können?

Halle: Es geht in der Tat nicht darum, den Patienten pauschale Ratschläge zu geben, im Sinne von: Nehmen sie die Treppe statt des Aufzugs. Ganz im Gegensatz geht es um eine klare Empfehlung für den einzelnen Patienten. Ein Patient mit zu hohem Blutdruck profitiert eben nicht immer davon, dreimal die Woche eine halbe Stunde zu joggen. Denn bei einigen erreicht der Blutdruck dabei exorbitante Höhen, mit denen sie sich nichts Gutes tun. Sinnvoller wäre vielleicht ein Medikament und gezieltes Training mit niedriger Belastungsintensität. Dadurch kann die Belastung des Gefäßsystems kontrolliert werden und dies führt zu einem positiven Effekt. Ähnlich ist es bei Diabetespatienten. Wenn Diabetiker zu intensiv Sport treiben, kann dies zu einer Erhöhung des Blutzuckers führen. Bei der richtigen Dosis würde er jedoch abfallen. Man kann also durch Training sowohl einen positiven als auch negativen Effekt erzielen. Wenn man als Arzt eine individuelle Sporttherapie verordnet, müssen zuvor bestimmte Parameter getestet werden, zum Beispiel durch ein Belastungs-EKG. So kann etwa der optimale Pulsbereich bestimmt werden. Darüber hinaus muss der Sport mit den verschriebenen Medikamenten abgestimmt sein. Für einen Diabetiker, der viel Sport macht, kann es zum Beispiel sinnvoll sein die Insulindosis zu senken, damit Unterzuckerungen vermieden werden. Man schaut also: Kann der Patient trainieren? Welches Training passt zu ihm? Welche Intensität passt zu seinem Gesamtzustand? Die Antworten auf diese Fragen bestimmen das individuelle Training. Dieses wird dem Patient dann verordnet, indem er genaue Angaben zu Art und Umfang des Trainings erhält. Zum Teil erfolgt das Training auch in zertifizierten Zentren, etwa wenn die Erkrankung des Patienten einen besonderen Schweregrad hat wie bei Krebs oder Herzerkrankungen.

Foto: Sportler beim Joggen

Es gibt Sportkurse, die von den Krankenkassen bezuschusst werden. Man sollte als Patient immer bei seiner Krankenkasse nachfragen, ob es diese Möglichkeit gibt; © TU München

Um eine solche Therapie zuschneiden zu können, bedarf es sicherlich einiger Erfahrung. Können Hausärzte das heute schon leisten?

Halle: Es gibt tatsächlich noch viele Defizite in diesem Bereich, weil die Sporttherapie lange Zeit nicht im Blickfeld der Mediziner stand. Es ist weder Teil der Ausbildung gewesen, noch verbringen viele Hausärzte ihren Praxisalltag damit, Sporttherapien zu verordnen. Es ist für viele keine ärztliche Routine. Allerdings ist die Wahrnehmung für dieses Gebiet in den letzten fünf Jahren deutlich gestiegen. Das Handwerkszeug ist für einen Arzt gut zu erlernen, es gibt entsprechende Kurse und man kann bei Sportmedizinern hospitieren.

Foto: Simone Ernst

© B.Frommann

Das Interview führte Simone Ernst.
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