Innerklinisches Notfallmanagement: Es gibt Handlungsbedarf

Interview mit Prof. Thea Koch, Direktorin der Klinik und Poliklinik für Anästhesiologie und Intensivtherapie, Universitätsklinikum Carl Gustav Carus Dresden

08.11.2016

Notfälle gibt es nicht nur außerhalb der Klinik - auch im Patientenzimmer kann es zu lebensbedrohlichen Situationen kommen. Neben den Intensivstationen betrifft dies auch die Normalstationen, auf denen die Patienten nicht eng überwacht werden. Auch hier muss das Personal besonders aufmerksam sein, denn Notfälle kündigen sich mitunter durch bestimmte Symptome an.

Bild: Lächelnde Frau mit langen dunklen Haaren und Arztkittel; Copyright: Universitätsklinikum Dresden

Prof. Thea Koch; © Universitätsklinikum Dresden

Im Interview mit MEDICA.de spricht Prof. Thea Koch darüber, wie das Stationspersonal bevorstehende Notfälle möglicherweise erkennen kann, wie innerklinische Notfallteams zum Einsatz kommen und wie Kliniken ein Notfallmanagement umsetzen können.

Frau Prof. Koch, jährlich kommt es in deutschen Kliniken zu rund 93.000 Herz-Kreislauf-Stillständen. Ist man als Schwerkranker dort sicher?

Prof. Thea Koch: Man kann nicht sagen, dass man in Kliniken nicht sicher ist, aber es gibt Handlungsbedarf, was das Notfallmanagement angeht. Eine europäische Studie hat ergeben, dass die Patientensterblichkeit nach chirurgischen Eingriffen in Europa durchschnittlich bei vier Prozent und in Deutschland immerhin bei 2,5 Prozent liegt. Die Patienten, die versterben, liegen aber häufig nicht auf den Intensivstationen, sondern auf den Normalstationen. Dort werden Symptome, die auf eine Verschlechterung ihres Zustandes hindeuten nicht immer rechtzeitig erkannt. Deshalb brauchen wir sogenannte innerklinische Notfallteams oder MET, vom englischen "Medical Emergency Teams", die dann unverzüglich hinzugezogen werden und frühzeitig eingreifen können, wenn sich der Zustand eines Patienten verschlechtert.

Was genau können solche Symptome sein?

Koch: Die können sich auf vielfältige Arten zeigen, zum Beispiel, wenn der Patient nicht mehr adäquat antwortet oder orientiert ist, wenn er Probleme bei der Atmung hat, etwa durch die Verlegung der Atemwege oder eine zu schnelle oder zu langsame Atmung, wenn Blutdruck oder Herzfrequenz schwanken oder wenn er Fieber bekommt. Das Personal ist dabei nicht bloß auf seine eigene Erfahrung angewiesen, um diese Zustände zu erkennen, auch innovative Medizintechnik kann helfen. Wir führen zurzeit eine Pilotstudie durch, die sich mit der nicht-invasiven Überwachung der Atmung und verschiedener Kreislaufparameter beschäftigt. Dabei beziehen wir auch die automatische Alarmierung des Personals mit ein.

Bild: Verschwommenes Bild von Mitarbeitern im Krankenhaus, die einen Flur entlang laufen; Copyright: Panthermedia.net/SimpleFoto

Auch auf den Normalstationen von Krankenhäusern kann es zu Notfällen kommen. Diese lassen sich vermeiden, wenn das Personal in der Früherkennung geschult wird; © Panthermedia.net/SimpleFoto

Auf welche lebensbedrohlichen Komplikationen beziehungsweise Notfälle müssen die Teams vorbereitet sein?

Koch: Am häufigsten sind kardiale und respiratorische Vorfälle, in deren Folge es zu einem Herzkreislauf-Stillstand kommt. Insgesamt ist das Spektrum an möglichen Notfällen im Krankenhaus aber sehr breit: Dazu gehören etwa eine Verschlimmerung bestehender Vorerkrankungen, Nachblutungen nach Operationen, Thrombosen oder Embolien, Austrocknung durch Flüssigkeitsverlust, Lungen- oder Stoffwechselprobleme oder allergische Reaktionen auf Medikamente.

Worin genau bestehen dann die Aufgaben der MET und des innerklinischen Notfallmanagements?

Koch: Entscheidend ist die frühzeitige Alarmierung des MET durch das Stationspersonal anhand definierter Frühwarnkriterien. Die Aufgabe der Teams besteht dann in der unverzüglichen Behandlung der Symptome und gegebenenfalls Verlegung auf eine Intensivstation. Das muss schon geschehen, bevor es zu einem Herzkreislauf-Stillstand kommt und das Reanimationsteam gerufen wird.

Zu den Aufgaben des innerklinischen Notfallmanagements wiederum gehört es, das Stations- und Pflegepersonal so zu schulen, dass es diese Frühwarnkriterien erkennt und gegebenenfalls auch selbst Reanimationsmaßnahmen bis zum Eintreffen des MET durchführen kann.

In welchem Ausmaß kommen die MET heute schon in Kliniken zum Einsatz?

Koch: Wir haben in einer Umfrage den Status des klinischen Notfallmanagements in den deutschen Kliniken erhoben. Von den Kliniken, die geantwortet haben, halten 90 Prozent zwar ein Reanimationsteam vor, jedoch verfügen nur 22 Prozent der Kliniken über ein MET, das schon bei definierten Frühwarnkriterien alarmiert wird, die meist Stunden vor dem akut lebensbedrohlichen Ereignis auftreten.

Zehn Prozent der Kliniken müssen bei Notfällen einen externen Rettungsdienst alarmieren oder überlassen Notfallmaßnahmen ihrem Stationsteam.

Wir haben von der Deutschen Gesellschaft für Anästhesiologie und Intensivmedizin (DGAI) daraufhin eine Task Force gegründet, um den Einsatz der MET flächendeckend zu etablieren, da wir erkannt haben, dass hier ein großer Handlungsbedarf besteht.

Bild: Erste-Hilfe-Training an einem Dummy; Copyright: panthermedia.net/Mihajlo Maricic

Durch regelmäßiges Training für alle Stationsmitarbeiter kann sich ein Krankenhaus gegen Notfälle wappnen; © Mihajlo Maricic

Wie kann eine Klinik ein gutes Notfallmanagement umsetzen?

Koch: Bei der Etablierung von METs nehmen die Universitätsklinika in Bonn und Dresden eine Vorreiterrolle in Deutschland ein. Sie dienen daher als gute Praxisbeispiele.

Insbesondere beim Pflegepersonal muss die Aufmerksamkeit dafür geschaffen werden, die definierten Frühwarnkriterien zu erkennen und sich im Notfall richtig zu verhalten. Bei uns werden pro Jahr rund 2.000 Mitarbeiter geschult. Das heißt, dass jede Station in unserem Simulationszentrum einmal pro Jahr ein Notfalltraining absolviert. Das Personal trainiert dabei die Notfallversorgung und die Reanimation im Team. Hier gibt es klare, in Leitlinien festgelegte Algorithmen, die trainiert werden müssen, damit sie im Notfall auch adäquat und korrekt angewendet werden. Diese Algorithmen und auch die Symptome, die auf eine Verschlechterung des Patienten hinweisen, sollten etwas als Poster für das Personal gut sichtbar auf den Stationen präsentiert werden.

Dazu kommt, dass ein Krankenhaus auf den Stationen möglichst einheitliches Material für den Einsatz im Notfall bereitstellen muss, damit das Personal sich schnell zurechtfinden kann. Automatische Defibrillatoren und Notfallkoffer oder -rucksäcke müssen vor Ort unverzüglich auffindbar sein, um Zeitverluste zu vermeiden. Ein gutes Tool, das eigene Notfallmanagement zu überprüfen und mit anderen Kliniken zu vergleichen, ist übrigens das deutsche Reanimationsregister der DGAI (www.reanimationsregister.de).

Entscheidend ist, dass die Leitungsebene der Klinik mit einbezogen wird, da für die Schulungen des Personals und die Notfallausrüstung natürlich auch Ressourcen benötigt werden. Aber der Einsatz dieser Ressourcen lohnt sich, denn mit einem guten Notfallmanagement werden die Patientensicherheit und Behandlungsqualität erhöht und damit letztlich Kostensenkungen für das Krankenhaus erzielt.

Bild: Lächelnder Mann mit Brille und Bart - Timo Roth; Copyright: B. Frommann
Das Interview wurde geführt von Timo Roth.
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