Intensivstation der Zukunft - Schnellere Genesung durch Wohlfühlarchitektur

Interview mit Prof. Claudia Spies, Direktorin der Charité-Klinik für Anästhesiologie in Berlin-Wedding

Kühl und trostlos sind die Zimmer deutscher Intensivstationen. Hektische Bewegungen bestimmen neben lauter Überwachungstechnik den Alltag der Patienten. Oft begünstigt künstliches Licht zusätzlich einen gestörten Tag-Nacht-Rhythmus. Schlafmittel sollen dieses Problem lösen, erhöhen aber auch gleichzeitig das Risiko für Delirien.

01.09.2014

Foto: Frau mit Brille und langen roten Haaren - Prof. Claudia Spies; Copyright: Charité Berlin

Prof. Claudia Spies; ©Charité Berlin

Prof. Claudia Spies von der Berliner Charité-Klinik für Anästhesiologie hat aus diesem Grund ein Pilotprojekt ins Leben gerufen, das die Architektur der Intensivzimmer den Bedürfnissen der Patienten anpasst. Warum die Atmosphäre förderlich auf den Heilungsprozess und die Gabe von Schmerzmitteln wirkt, berichtet sie im Interview mit MEDICA.de.

Frau Prof. Spies, was war der ausschlaggebende Punkt, der Sie zu diesem Pilotprojekt angeregt hat?

Prof. Claudia Spies: Wir haben in den letzten Jahren festgestellt, dass Patienten auf Intensivstationen durchaus davon profitieren, dass sie wach und kooperativ an ihrem Heilungsprozess teilnehmen können. Sofern sie dies tun, verändert sich zwangsläufig die Wahrnehmung der Intensivstation im Vergleich zu Patienten, die im künstlichen Koma gehalten werden. Das prägnanteste Beispiel bot uns ein Patient, der vor lauter Langeweile die Löcher an der Zimmerdecke zählte. Das waren einige Tausende.

Aus diesem Grund haben wir entschieden, dass wir etwas tun müssen. Insbesondere die Pflege hat sich in den letzten Jahren viele Gedanken gemacht und beispielsweise Mobiles mit Bildern und Fotos für Patienten gebastelt, damit sie Sozialkontakt haben konnten. Es gab viel Bewegung in dieser Hinsicht, aber wir hatten nie die Möglichkeit, etwas explizit architektonisch zu verändern.

Daraufhin haben wir vom Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie eine Förderung erhalten. Zusammen mit einem Architekturbüro, einem Designer und weiteren Unternehmen haben wir ein bisher einmaliges Projekt auf die Beine gestellt. Unsere Leitfrage lautete, inwieweit man aus Sicht des Patienten die Umgebung verbessern kann, ohne die sicherheitsrelevanten Bedürfnisse einzuschränken. Herausgekommen ist eine Fusion aus Krankenhaus- und Wohlfühl-Architektur.

Welche Veränderungen wurden innerhalb der Krankenzimmer vorgenommen?

Spies: Wir haben das Zimmer so eingerichtet, dass es aussieht wie ein komfortables Wohnzimmer. Das Mobiliar ist primär in Holzoptik gehalten. Die Oberflächen sind trotzdem hygienisch aufbereitbar. Die Monitore wurden versteckt, sodass die Lautstärke automatisch minimiert wird. Außerdem wurden einige Geräte in einen zentralen Überwachungsbereich vor dem Patientenzimmer gebracht. Dadurch ist die Geräuschkulisse wesentlich geringer. Die Materialien zur Behandlung der Patienten können ab sofort von außen aufgefüllt und einfach in das Zimmer durchgeschoben werden.

Vor allem haben wir aber die Deckenkonstruktion verändert, indem wir die Möglichkeit gefunden haben, verschiedene Kulissen auf die Decke zu projizieren. Sechs LED-Layer bieten mittels Lichtregulierung die Möglichkeit, die Tageszeiten darzustellen, um das Zeitgefühl der Patienten zu erhalten. Tagsüber sind Sonne und Wolken, abends die Sterne zu sehen. Das natürliche Licht, was man normalerweise braucht, um die Melatoninproduktion zu hemmen, wird imitiert. Somit kann der Körper tagsüber das Melatonin supprimieren und die Patienten nachts besser schlafen. Ebenso können verschiedene Farben auf der Lichtdecke abgebildet werden. Die Patienten liegen dann unter einer Art Blätterdach wie in einem geschützten Schmetterlingskokon. Das wirkt beruhigend – vor allem, wenn sie Angst oder Schmerzen haben. Frühere Studien haben gezeigt, dass wenn man auf eine grüne Fläche oder auf Bäume schaut, weniger Schmerzmittel benötigt werden.

Zudem haben wir eine Interaktionsmöglichkeit induziert, indem der Patient die Zimmerdecke als eine Art Bildschirm nutzen kann. Es ist als Interaktionsmaßnahme zu verstehen. Die kognitive Fähigkeit des Patienten soll gesteigert werden. Mithilfe von verschiedenen Elementen trainieren sie diese spielerisch. Beispielsweise können die Elemente auf der Decke über ein Tablet-PC beliebig bewegt werden. Ziel dieser Interaktion ist es dann, dass die Patienten wieder am Leben teilnehmen.
Foto: Neuartiges Zimmer auf Intensivstation; Copyright: Tobias Hain/graftlab

Das grüne Deckenscreening trägt nicht nur zum Wohlbefinden der Patientin bei. Es reguliert gleichzeitig den Schlaf-Wach-Rhythmus. Im Hintergrund befindet sich der ausgelagerte Überwachungsraum; ©Tobias Hain/ graftlab

Wie wirken sich diese architektonischen Veränderungen auf den Organismus und die Heilungsphase der Patienten aus?

Spies: Wir stellen fest, dass sowohl Pfleger als auch Patienten sehr das Gefühl schätzen, in einem separaten Raum zu liegen, obwohl man sich zu zweit auf dem Zimmer befindet. Die Privatsphäre wird gewahrt. Die Patienten fühlen sich weniger beobachtet und ausgeliefert. Außerdem nehmen sie an ihrem Selbstheilungsprozess aktiver teil. Sie sind früher mobilisierbar, sitzen häufiger im oder vor dem Bett. Wir haben auch den Eindruck, dass Verwirrtheitszustände oder Delirien deutlich geringer beziehungsweise weniger ausgeprägt sind. Ein anderer Faktor ist, dass die Patienten weniger Schmerzmittelbedarf haben. Sie benötigen und wollen weniger. Ob sich das wirklich bestätigt, bleibt abzuwarten.

Ergibt sich ein Mehraufwand für medizinisches Fach- und Pflegepersonal durch veränderte Arbeitsabläufe?

Spies: Die Arbeitsabläufe sind teilweise anders, aber sie haben im Umfang nicht ab- oder zugenommen. Die Interaktion mit den Patienten und mit den Angehörigen hat sich aber dadurch verändert. Es ergeben sich andere Kommunikationsmöglichkeiten aus den gegebenen Mitteln. Persönlicher Kontakt begünstigt den Selbstheilungsprozess und mindert Stresssituationen. Im Hinblick auf die Arbeitsabläufe ist das eine komplette Veränderung. Mehr Zuwendung zwischenmenschlicher Art ist gefordert, die auch die Pflege sehr positiv sieht.

Stichwort Kostenfaktor: Wie serientauglich schätzen Sie die Intensivzimmer ein?

Spies: Unser Ziel ist, die Zimmer serientauglich zu machen. Für einen Neubau ergeben sich keine höheren Kosten, ein Umbau ist etwas teurer. Es wäre wünschenswert, dass viele Krankenhäuser das Konzept übernehmen. Es gab bereits Tagungen mit verschiedenen Vorstandsmitgliedern anderer Häuser hier an der Charité, die sich das Zimmer angesehen haben. Auch Architekten waren bereits vor Ort. Wir hoffen sehr, dass die allgemeine Krankenhausarchitektur letztendlich Anregungen aus diesem Projekt entnimmt, die zu einer Verbesserung, nicht nur in der Intensivstation, sondern auch in vielen anderen Krankenhausbereichen führt. Da gibt es noch viel Anpassungsbedarf.
Foto: Melanie Günther; Copyright: B. Frommann

© B. Frommann

Das Interview führte Melanie Günther
MEDICA.de