Interoperabilität: mit Sicherheit vernetzt

Interview mit Andreas Grode, Abteilungsleiter Innovation, gematik - Gesellschaft für Telematikanwendungen der Gesundheitskarte mbH

08.07.2016

Computer benötigen nicht nur eine gemeinsame Sprache, um miteinander reden zu können. Ihre Unterhaltung muss auch besonders sicher sein, wenn sie beispielsweise über medizinische Daten sprechen. Im Gesundheitssystem existieren trotzdem noch immer viele verschiedene Systeme von verschiedenen Anbietern, die nicht richtig miteinander reden können. Interoperabilität heißt hier die Lösung.
Bild: Lächelnder Mann mit kurzen dunklen Haaren, Anzug und Krawatte - Andreas Grode; Copyright: gematik

Andreas Grode; ©gematik

Im Interview mit MEDICA.de spricht Andreas Grode darüber, was Interoperabilität ausmacht, wie sie dem Gesundheitswesen und der Patientenversorgung nutzen kann und wie sie in Deutschland und der EU erreicht werden soll.

Herr Grode, der Begriff 'Interoperabilität' ist derzeit immer öfter in den Medien zu lesen und zu hören. Was verstehen Sie darunter?

Andreas Grode: Interoperabilität ist die Fähigkeit zur Zusammenarbeit unterschiedlicher Systeme, Geräte und Programme, um Informationen auf effiziente Art und Weise auszutauschen. Beim elektronischen Datenaustausch in der Gesundheitsversorgung sind viele Ebenen zu beachten, damit Interoperabilität überhaupt funktioniert. Alle Akteure brauchen zum Beispiel eine Identifizierung für den berechtigten Datenzugriff. Identifikationsmechanismen und Rollenzuordnungen müssen zusammenpassen. Die Übertragung der Daten hat nach gleichen Maßstäben vertraulich und unverfälscht zu sein. Zudem müssen alle Inhalte so strukturiert und gegebenenfalls interoperabel kodiert sein, dass Fehlinterpretationen unmöglich sind, dazukommen rechtliche und vertragliche Grundlagen.

Welche Bedeutung hat in diesem Zusammenhang die Vernetzung der Geräte und Systeme für das Gesundheitswesen?

Grode: Die Medizin bedient sich schon länger vernetzter Systeme wie zum Beispiel bei bildgebenden Verfahren oder beim Erstellen von Befunden. Denken wir zum Beispiel an die Patientenakten in Gemeinschaftspraxen, an die Fallakten in Krankenhäusern oder die Labordatenübermittlung. Der neue Weg ist aber die Vernetzung untereinander, also über Sektorengrenzen hinaus. Dazu hat der Gesetzgeber eine Erweiterung im SGB V erlassen, um dies sicher und übergreifend zu realisieren. Diese Vernetzung bedeutet auch einen anderen Umgang mit den medizinischen Daten der Versicherten, weil die vielen, an unterschiedlichen Stellen abgelegten Informationen künftig bei Bedarf zu einem Bild zusammengesetzt werden können.

Bild: Stecker auf der Rückseite eines Computers; Copyright: panthermedia.net/Paylessimages

So einfach funktioniert Interoperabilität in der Medizin nicht: Netzwerkstecker und USB-Anschlüsse machen heute die Verständigung zwischen Computern und anderen Geräten zuhause eher einfach. Im Gesundheitswesen gehört mehr dazu, denn es fehlt an Standards; ©panthermedia.net/Paylessimages

Wo sehen Sie im Rahmen dieser Patientenversorgung die Vorteile?

Grode: Der tägliche Umgang mit den vernetzten Systemen versetzt Patienten in die Lage, sich in ihrer Gesundheit oder in der Therapie durch technische Hilfsmittel effektiv unterstützen zu lassen. Das ist auch eine Frage der Integration mobiler Systeme in den Versorgungsprozess. Die Studie "Chancen und Risiken von Gesundheits-Apps – CHARISMHA" des Bundesgesundheitsministeriums zeigt hier auf, was derzeit alles möglich ist. Doch alle Informationen zur Gesundheitsversorgung, ob im Versorgungssystem oder in der Hand der Patienten, setzen ein vertrauenswürdiges, überprüfbares Netz voraus, das sicher und interoperabel agiert. Und das dafür sorgt, dass nur die"richtigen" Akteure die Infrastruktur und Daten nutzen können, Missbrauch also ausgeschlossen wird.

Spricht in Ihren Augen etwas gegen die Umsetzung einer allgemeinen und weitreichenden Interoperabilität, zum Beispiel in Richtung Datenschutz und Sicherheit?

Grode: Will man Interoperabilität ermöglichen und sicherstellen, muss man sich vorher darüber klar sein, was das bedeutet, und ob es eine "pauschale" oder "allgemeine" Interoperabilität überhaupt geben kann. Ein Beispiel ist die menschliche Kommunikation mit Sprache. In diesem Fall wäre eine "weitreichende" Interoperabilität, wenn alle Menschen auf der Erde miteinander reden können, weil sie entweder dieselbe Sprache sprechen oder die verschiedenen Sprachen von allen gesprochen werden. Beides ist unrealistisch. In der Übertragung auf das Gesundheitswesen in Deutschland ist auch ein ähnlich ungünstiges Szenario vorstellbar: Die Einführung elektronischer Patientenakten, die von verschiedenen Herstellern angeboten werden und untereinander nicht interoperabel sind. Wollen die Nutzer (Ärzte, Apotheker, Patienten) für jeden Anbieter eine separate Lösung – abhängig vom Ort der Behandlung oder der Wahl des Patienten? Oder ist eine einheitliche Lösung sinnvoller, bei der alle Hersteller den Datenaustausch, die Inhalte, die Verschlüsselung usw. gemeinsam, also interoperabel umsetzen? Und genau das ist die Herausforderung in einem sich rasend schnell entwickelnden Umfeld technologischer und technischer Veränderungen, besonders im Gesundheitswesen. Datenschutz und Informationssicherheit sind dabei kein Hinderungsgrund, sondern Voraussetzungen für die sinnvolle Speicherung und den sicheren Transport vertraulicher, medizinischer Informationen.

Wie können Entscheider in der Gesundheitspolitik, Industrie sowie Vertreter des Gesundheitswesens auftretenden Hindernissen begegnen?

Grode: Ein Allheilmittel für jedes sich auftürmende Hindernis wird es nicht geben. Wir Kinder des Informationszeitalters können aber aus der Vergangenheit lernen. Unser komplexes Gesundheitssystem braucht nicht nur immer neue Standards und Normen. Damit erreichen wir keine überregional hinausgehende Interoperabilität. Aber die Einigung auf gemeinsam verwendete Standards und dem Anpassen der unterschiedlichen Systeme, Rollen und Organisationen bis hin zu einheitlichen technischen Lösungen können wir möglichen Hindernissen gewappnet begegnen. Der Gesetzgeber hat dafür mit dem E-Health-Gesetz ja bereits die Richtung vorgegeben.

Bild: Monitore mit Röntgenaufnahmen im OP; Copyright: panthermedia.net/sudok1

In der Medizin ist der Datenaustausch aber auch komplexer als zuhause. Bildgebungsdaten in verschiedenen Formaten und Praxis- oder Krankenhausinformationssysteme von verschiedenen Herstellern sind nur ein Beispiel; ©panthermedia.net/sudok1

Welchen Stellenwert hat Interoperabilität in Deutschland?

Grode: Im Land der Ingenieure ist Interoperabilität, also das Funktionieren der aus einzelnen Bausteinen bestehenden Produkte, immer noch ein Qualitätsmerkmal. Der Nutzen der Interoperabilität ist mit der Industrialisierung und Standardisierung Ende des 19. Jahrhunderts entstanden, in Deutschland mit der Gründung des DIN und der Nutzung von DIN-Normen, inzwischen alltäglich verwendet, meist unbewusst. Ziel der Standardisierung und damit der Interoperabilität war und ist es, gleiche Funktionalität bei niedrigeren Kosten in einem Markt mehrerer Hersteller zu ermöglichen. Allerdings ist Interoperabilität kein Selbstzweck. Ihr Stellenwert kann jedoch nicht hoch genug eingeschätzt werden. Gerade im E-Health-Bereich, wo sensible und teilweise lebenswichtige medizinische Informationen übertragen werden, darf es dabei nicht zu folgenschweren Fehlern kommen. Interoperabilität stellt hier sicher, dass die Informationen unverfälscht, unverändert und unmissverständlich übertragen werden.

Welche Projekte zur Realisierung der Interoperabilität finden derzeit in Deutschland statt?

Grode: Der Aufbau der Telematikinfrastruktur, also das nationale Netz zum Übertragen medizinischer Daten, ist zurzeit von grundlegender Natur. Aufbau und Betrieb dieses Netzes sind hierzulande gesetzlich geregelt und werden von der gematik verantwortet. Das umfasst auch die Sicherung der Interoperabilität. Derzeit geschieht das in mehreren Stufen und wird künftig den Weg öffnen für weitere Anwendungen, die dann die Telematikinfrastruktur als sicheres Netz nutzen. Damit steht eine herstellerunabhängige und einheitliche Plattform zur Verfügung, die zum sicheren Datenaustausch im Gesundheitswesen und darüber hinaus genutzt werden kann. Erste interoperable Anwendungen sind von Beginn an dabei, die nach und nach durch weitere ergänzt werden. Ferner sieht das E-Health-Gesetz die Erstellung eines elektronischen Interoperabilitätsverzeichnisses vor. Es wird ebenfalls von der gematik bereitgestellt und soll wichtige Informationen zu in Deutschland verwendeten Normen, Standards und Spezifikationen enthalten, um zum Beispiel zusätzliche Entwicklungen für bereits vorhandene Lösungen zu vermeiden.

Gibt es ähnliche Projekte auf EU-Ebene?

Grode: Bisher wurden auf EU-Ebene verschiedene kleine und große Projekte zum grenzüberschreitenden Datenaustausch personenbezogener Gesundheitsdaten erprobt. Mit dem EU-Programm "Connecting Europe Facility" soll nun eine europaweite Vernetzung der nationalen Infrastrukturen im Gesundheitswesen gestartet werden. Auch Deutschland ist dabei. Ab 2017 sollen die Arbeiten voraussichtlich beginnen. Wir dürfen also gespannt sein.

Bild: Lächelnder Mann mit Brille und Bart - Timo Roth; Copyright: B. Frommann

© B. Frommann

Das Interview wurde geführt von Timo Roth.
MEDICA.de