Intraoperative Bildgebung – Mehrwert oder Hightech-Spielzeug?

Interview mit Prof. Clemens Bulitta, Leiter Institut für Medizintechnik, Ostbayerische Technische Hochschule, Amberg-Weiden

01.09.2016

Während der Operation einzelne Ergebnisse mit einem Angiografiesystem beobachten? Dies ist bereits in etwa 200 Krankenhäusern in Deutschland möglich.  Mit der intraoperativen Bildgebung lassen sich große Eingriffe durch minimal-invasive Operationen ersetzen, denn die Ärzte können die Ergebnisse sofort kontrollieren. So werden Patienten geschont und die Anzahl spätere Revisionsoperationen vermindert.

Bild: Prof. Clemens Bulitta; Copyright: OTH Amberg-Weiden

Prof. Clemens Bulitta; © OTH Amberg-Weiden

Welche Möglichkeiten die intraoperative Bildgebung bietet und ob die Ergebnisse die hohen Kosten eines Umbaus von Operationssälen rechtfertigen sind, erklärt Prof. Clemens Bulitta von der Ostbayerischen Technischen Hochschule (OTH) im Interview mit MEDICA.de.

Herr Prof. Bulitta, welche Möglichkeiten gibt es aktuell im Bereich der intraoperativen Bildgebung?

Prof. Clemens Bulitta: Es gibt die klassische Röntgenbildgebung mit dem mobilen C-Bogen, den intraoperativen Ultraschall und die neueren Themen wie die intraoperative Computertomographie, die intraoperative MRT und insbesondere die intraoperative Angiographie. Auch Kombinationen dieser Systeme sind möglich. Zusammengefasst werden sie gerne unter dem Begriff "Hybrid-OP". Wobei darunter meist ein OP mit Angiographiesystem verstanden wird. Diese Kombinationen eröffnen neue Therapie- und Behandlungsmöglichkeiten.

Inwiefern verbessert intraoperative Bildgebung den Behandlungserfolg?

Bulitta: Es gibt insgesamt drei Vorteile einer intraoperativen Bildgebung. Bei einer Aortenklappen-Stenose zum Beispiel, kommen zahlreiche Patienten, von der Grunderkrankung her, für das konventionelle Operationsverfahren nicht in Frage. Für diese Gruppe ist nun eine Therapieoption gegeben, die es vorher nicht gab. Außerdem kann nun präzisier behandelt werden. Je weniger ich bei minimalinvasiven Verfahren direkt sehe und taste, desto dringender brauche ich andere Möglichkeiten, um die anatomische Situation richtig zu verstehen und zum Beispiel Implantate korrekt zu platzieren. Abschließend verbessert sich noch die Qualität des Behandlungsergebnisses, da während des Eingriffs bereits Kontrollbilder entstehen und Komplikationen vermieden werden. Chirurgen können somit direkt vor Ort ihre Ergebnisse überprüfen, wie zum Beispiel nach dem Einsatz einer Aortenklappe oder einer Frakturversorgung. So können Revisionsoperationen vermieden werden, zum Nutzen für die Patienten und zur Vermeidung unnötiger Kosten für das Krankenhaus.

Inwieweit nimmt es Einfluss auf die OP selbst?

Bulitta: Der Operationsablauf ändert sich damit grundsätzlich. Das neue Werkzeug erfordert eine Umstrukturierung der Arbeitsabläufe und damit auch Veränderungen der Ausbildung und das Training des gesamten Personals. Zudem sind keine großen Schnitte mehr nötig, wodurch das Gewebe und andere Strukturen geschont werden. So zum Beispiel auch bei der Aorten-Chirurgie, bei der Behandlung eines Aorten-Aneurysmas. In der Vergangenheit wurde eine Gefäßendoprothese über einen Bauchschnitt eingesetzt. Bei einem minimal-invasiven Eingriff mit einer Prothese über die Leisten-Gefäße kann dieser große Schnitt vermieden werden. Dies ist ein Beispiel für die Möglichkeiten der Behandlung im Hybrid-OP.

Sehen Sie irgendwo Grenzen für die intraoperative Bildgebung?

Bulitta: Ich sehe bisher höchstens technische Grenzen. Je nach Art der Bildgebung schlägt sich dies im Bereich des Strahlenschutzes oder bei baulichen Maßnahmen, hinsichtlich Kosten und Platz nieder.  Aus Kostengründen sollte die intraoperative Bildgebung vor allem nur da eingesetzt werden, wo ihr Einsatz klinisch Sinn macht und sich der Aufwand rechtfertigen lässt. Natürlich bringt jede neue Technologie auch neue Risiken mit sich. Das Zusammenspiel des gesamten Teams und der Technik ist deshalb enorm wichtig. Der gesamte Raum ist das System.

Bild: Operationssaal; Copyright: Klinikum Weiden/privat

Während einer Operation liefert das Angiografiesystem sofortige Ergebnisse. So lassen sich spätere Revisionsoperationen vermindern; © Klinikum Weiden/privat

Welche Maßnahmen, hinsichtlich des Umbaus eines Operationssaals, müssen getroffen werden?

Bulitta: Das hängt stark davon ab, welche Bildgebung installiert wird und wie die Arbeitsabläufe in diesem Raum sein sollen. Bei der mobilen C-Bildgebung zum Beispiel gibt es wenige bis keine Aspekte, die beachtet werden müssen. High-End-Bildgebungen wie DT, MRT und Angiographie-Systeme dagegen haben erhebliche Auswirkungen auf die bauliche Konzeption. Es werden natürlich eine gewisse Fläche und zusätzlich installierte Komponenten benötigt. Auch müssen zum Beispiel das Thema Strahlenschutz, oder das Magnetfeld vom MRT besonders berücksichtigt werden.

Dies ist natürlich mit hohen Kosten verbunden. Wiegt der Mehrwert dieser Verfahren die Kostenfaktoren auf?

Bulitta: Aus meiner Sicht ja. Die intraoperative Bildgebung ermöglicht komplikationsärmere Operationen, wodurch weniger Nachbehandlungen nötig sind. Die Gesamtbehandlung kann somit schonender, kürzer und insgesamt auch kostengünstiger ausfallen. Zudem schafft sie neue Therapieoptionen, die vorher nicht möglich waren. Aus meiner Sicht ist die intraoperative Bildgebung aus der modernen Chirurgie nicht mehr wegzudenken. Nicht jedes Kreiskrankenhaus braucht ein intraoperatives MRT, die positiven Ergebnisse vor allem im Bereich der kardiovaskulären Chirurgie sprechen jedoch für sich.

Denken Sie, dass in zehn bis 20 Jahren die intraoperative Bildgebung zum Standard in OPs wird?

Bulitta: In Deutschland gibt es laut meiner Erkenntnis bereits über 200 OPs mit intraoperativer Bildgebung. Innerhalb der modernen Gefäßchirurgie wird sich der Hybrid-OP sicherlich schon in kürzerer Zeit als Standard etablieren, falls es dies nicht schon hat. Aber auch für einige minimal-invasive Verfahren im Bereich der strukturellen Herzerkrankungen wird es in diese Richtung gehen. Wie stark, wird auch abhängig von Bewertungen klinischer Studien und Langzeituntersuchungen sein.

Die intraoperative Bildgebung wird auch außerhalb des kardiovaskulären Bereichs immer mehr Anwendung finden, zum Beispiel im Bereich der onkologischen Chirurgie oder der chirurgischen Eingriffe am Bewegungsapparat. Durch die verbesserten Möglichkeiten kommen neue Ideen zustande, die zur Realisation wiederum neue Technologien benötigen. So entsteht ein sich selbst verstärkender Effekt.

Interessant werden auch die Aspekte der Informationszusammenführung sein - wenn man beispielsweise präoperative diagnostische Informationen intraoperativ anhand von Bildern im Sinne Virtual oder Augmented Reality einblenden kann.

Das Interview führten Lorraine Dindas und Nicole Kaufmann.
MEDICA.de