Ist Diabetes "ansteckend"?

Foto: Fettes Essen

Überernährung, und damit das Risiko, an
Adipositas und Diabetes zu erkranken, kann
aus dem sozialen Umfeld übernommen werden;
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Überraschendes Ergebnis: Adipositas, die mit dem Typ 2-Diabetes in engem Zusammenhang steht, kann im Hinblick auf das soziale Umfeld ebenfalls als „ansteckend“ bezeichnet werden.

Patienten mit Diabetes stellen für den behandelnden Arzt meist eine besondere Herausforderung dar: Wenn sie an Infektionen erkranken, muss der Diabetes immer mit behandelt werden. Infektionen können dann auch gravierende Stoffwechselentgleisungen auslösen. Umso schwerer wiegt, dass Diabetes-Patienten im Vergleich zur Allgemeinbevölkerung anfälliger für Infektionserkrankungen sind. Einige Infektionen verlaufen bei Diabetikern schwerer. Manche Erreger wie die Enteroviren stehen darüber hinaus im Verdacht, im Zusammenspiel mit anderen Faktoren Diabetes mellitus auszulösen. So tritt die Autoimmunerkrankung Typ 1-Diabetes gehäuft im Zusammenhang mit vorausgehenden akuten Infektionen auf.

Patienten, die an einer Parodontitis leiden, haben ein doppelt so hohes Risiko, an Diabetes mellitus zu erkranken wie Personen mit gesundem Zahnfleisch. Umgekehrt fördert diese chronische Stoffwechselerkrankung die Entstehung von Parodontitis: So ist das Risiko bei Diabetes-Patienten um das Dreifache erhöht.

Ähnliche Entzündungsprozesse wie bei einer Infektion laufen beim Metabolischen Syndrom ab: Jahrelange Überernährung kann zu einer „metabolischen Inflammation“ führen. Das Metabolische Syndrom inklusive viszeraler Adipositas begünstigt die Entstehung von Typ 2-Diabetes. Bei Mäusen konnten nach einer fetthaltigen Diät Entzündungsherde in Hirn, Leber sowie in den für die Insulinproduktion zuständigen Betazellen der Bauchspeicheldrüse nachgewiesen werden. Dies kann weitreichende Auswirkungen haben: Es kommt unter anderem zu einer Fehlfaltung körpereigener Proteine, was zum späteren Zelluntergang führen kann.

Jeder vierte Deutsche ist krankhaft übergewichtig – Tendenz steigend. Dabei fällt auf, dass das Metabolische Syndrom gehäuft unter Menschen, die gut befreundet sind, grassiert. Einen Erklärungsansatz liefert Doktor Andreas Beyerlein vom Institut für Diabetesforschung, Helmholtz Zentrum München: „Je enger jemand mit einem Adipösen in Kontakt ist, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, selbst krankhaft übergewichtig zu werden“, so Beyerlein. Es handele sich dabei um einen sozialen, keinen geografischen Effekt. „Im näheren sozialen Umfeld nimmt die Akzeptanz von Übergewicht zu, und Ernährungsmuster von Freunden werden eher übernommen.“

Ungesunde Ernährungsmuster beeinflussen langfristig die Darmflora. Sie besteht aus Mikroorganismen, die je nach genetischer Veranlagung in unterschiedlicher Zusammensetzung den Darm besiedeln. Eine dauerhafte kalorienhaltige Ernährung geht jedoch mit einer Veränderung der Darmflora einher, was wiederum Effekte auf den Stoffwechsel, das Immunsystem und die Insulinresistenz hat. Bei der Insulinresistenz reagieren die Körperzellen zunehmend weniger empfindlich auf Insulin, das die Aufnahme des Blutzuckers in den Zellen reguliert. In der Folge entwickelt sich ein Typ 2-Diabetes.

Möglich ist aber eine „Schulung“ des Immunsystems: Das Institut für Diabetesforschung untersucht in zwei Studien die Option einer Art „Impfung“ gegen Typ 1 Diabetes. In der Pre-POINT-Studie erhalten Kinder aus Risikofamilien ein Insulinpulver, während in der INIT II-Studie Kinder und Erwachsene, die bereits Anzeichen einer Autoimmunreaktion zeigen, Insulin als Nasenspray aufnehmen. Das Insulin wirkt in beiden Verabreichungsformen nicht auf den Blutzuckerspiegel ein, sondern trainiert das Immunsystem. Dadurch soll der Ausbruch von Typ 1-Diabetes verzögert oder sogar verhindert werden.

MEDICA.de; Quelle: Forschergruppe Diabetes der Technischen Universität München