Künstliches Schultergelenk: Physiotherapie zur optimalen Patientenversorgung

Interview mit Christiane Adamczewski, Physiotherapeutin

17.11.2016

Unsere Gelenke sind ständig im Einsatz – egal ob wir sitzen, stehen oder gehen. Die Schultern haben da nicht nur sinnbildlich einige Lasten zu tragen. Wird die Belastung zu groß, hilft die Medizin – zum Beispiel mit einer Schultergelenksendoprothese. Wie Patienten prä- und postoperativ durch Physiotherapie optimal darauf eingestellt werden können, erfahren Sie auf der MEDICA PHYSIO CONFERENCE.

Bild: Christiane Adamczewski; Copyright: beta-web/Dindas

Christiane Adamczewski; © beta-web/Dindas

Christiane Adamczewski ist Physiotherapeutin, MSc, und fachliche Leitung des ambulanten Rehazentrums Virchow. Mit MEDICA.de sprach sie über die Rehabilitation mit einem künstlichen Schultergelenk.

Frau Adamczewski, was sind typische Probleme, die Patienten vor und nach dem Einsetzen einer Schultergelenksendoprothese haben?

Christiane Adamczewski: Die typischen Probleme der Patienten vor dem Einsetzen der Endoprothese sind in erster Linie der permanente Schmerz und die Bewegungseinschränkungen. Die Aktivitäten des täglichen Lebens sind deutlich eingeschränkt. Nach dem Einsetzen der Prothese gibt es den postoperativen Schmerz, der durch die Gabe von schmerz- und entzündungshemmenden Medikamenten gut zu beeinflussen ist. Zusätzlich klagen die Patienten über Schulter-Nacken-Verspannungen, die sich durch die Schonhaltung während der Immobilisierung in den ersten Wochen ergeben.

Inwiefern kann man die Patienten schon vor der Operation physiotherapeutisch unterstützen?

Adamczewski: Vor der OP kann durch Physiotherapie eine Haltungskorrektur und Anbahnung von muskulärer Kontrolle erreicht werden. Die Schulter- und Scapula-Stabilisierung wird mittels sensomotorischem Training geschult. Die Patienten werden somit schon auf das Programm nach der OP vorbereitet.

Was gilt es nach Einsetzen der Schultergelenksendoprothese bei der Physiotherapie zu beachten?

Adamczewski: Nach dem Einsetzen der Prothese gilt es, das von dem Operateur vorgegebene Nachbehandlungsschema zu beachten – in der Hoffnung, dass es eines gibt. In der frühen Phase der passiven Mobilisation ist die Schmerzfreiheit und die Beweglichkeit das vorrangige Ziel, in der späteren Phase die muskuläre Kontrolle und Stabilität.

Bild: Christiane Adamczewski hält einen Vortrag; Copyright: beta-web/Dindas

Auf der MEDICA PHYSIO CONFERENCE spricht Christiane Adamczewski über Möglichkeiten, Patienten optimal zu versorgen; © beta-web/Dindas

Was zeichnet eine zielführende Rehabilitation für Patienten mit künstlichem Schultergelenk aus?

Adamczewski: Eine zielführende Rehabilitation zeichnet sich durch Berücksichtigung der ICF (International Classification of Function) aus. Das bedeutet, dass bei Behandlung nicht nur die Struktur, sondern auch die Aktivität und Partizipation des Patienten integriert werden. Außerdem sollte neben der Zeitschiene des vorgegebenen Nachbehandlungsplans das Meilensteinprinzip verwendet werden: das heißt, erst wenn der Patient eine Vorgabe – zum Beispiel Entzündungsfreiheit – erreicht hat, kann er eine neue Behandlungsphase beginnen – zum Beispiel Kräftigung.

Warum ist es so wichtig, dass das Thema Physiotherapie auf der Medizintechnikmesse MEDICA vertreten ist?

Adamczewski: Ich denke es ist wichtig auf dieser Messe vertreten zu sein, da es die interdisziplinäre Zusammenarbeit fördert. Ziel ist es, eine optimale Patientenversorgung zu erreichen. Das gelingt aber nur durch eine solche Zusammenarbeit. Dazu müssen die verschiedenen Vertreter dieser Fachdisziplinen – Ärzte, Medizintechnik, Physiotherapeuten – voneinander wissen, um voneinander zu lernen. Daher ist es wichtig, dass es solche Begegnungen gibt, die im normalen Arbeitsalltag häufig fehlen.

Foto: Nadine Lormis; Copyright: B. Frommann

© B. Frommann

Das Interview führte Nadine Lormis.
MEDICA.de