Kardiokapsel: Kleinster Herzschrittmacher der Welt

Bei einer Herzrhythmusstörung gerät die normale Herzfrequenz durch verschiedene Ursachen aus dem Takt. Oft reicht eine medikamentöse Behandlung aus. In anderen Fällen muss ein Herzschrittmacher implantiert werden. Wie jeder andere Eingriff ist auch solch eine Operation mit Risiken verbunden. Wundheilungsstörungen oder Verschlüsse des Gefäßsystems können im schlimmsten Fall die Folge sein.

01.07.2015

 
Foto: Kardiokapsel liegt neben klassischem Herzschrittmacher

Die Größe der Kardiokapsel beträgt gerade einmal ein Zehntel eines klassisches Herzschrittmachers; © Universitätsklinikum Düsseldorf, Unternehmenskommunikation

In der Klinik für Kardiologie, Pneumologie und Angiologie des Universitätsklinikums Düsseldorf wurde nun erstmals eine Kardiokapsel implantiert, die durch eine minimal-invasive Operation als vollständiges in sich geschlossenes System direkt ins Herz eingebracht wird. Sie stellt einen großen Fortschritt in der medizinischen Versorgung von Schrittmacherpatienten dar.

Herzschrittmacher in Miniaturformat


Der elementare Unterschied der Kardiokapsel namens Micra (Medtronic GmbH) zu den klassischen Herzschrittmachern besteht darin, dass der Winzling ohne Elektrode auskommt und über die Leistenvene ins Herz eingeführt wird. Im Vergleich beträgt sie nur noch ein Zehntel der Größe, wiegt gerade einmal 1,75 Gramm und hat eine Länge von 26 Millimetern und einen Durchmesser von 6,7 Millimetern. Damit hat sie ungefähr die Ausmaße einer großen Vitaminkapsel. "Das ist die eigentliche Meisterleistung der Ingenieure", betont PD Dr. Dong-In Shin, Leiter der Abteilung Rhythmologie. "Die Kapsel besitzt alle Funktionen und Möglichkeiten eines Einkammerherzschrittmachers. Die Kapsel ist sogar bis zu 3Tesla MRT-tauglich."

Die Kardiokapsel wird zunächst mithilfe eines Katheters über die Leistenvene – die Vena femoralis –in die Hohlvene eingeführt, die dann direkt im Herzen mündet und in der rechten Herzkammer platziert wird. Im Anschluss wird sie mit einem externen Gerät getestet und programmiert. "Die Kapsel verankert sich passiv", erläutert Shin. "Das bedeutet, dass in dem Moment, in dem die Kapsel aus dem Katheter gelöst wird, Nitinol-Anker aufgehen. Dabei handelt es sich um sehr weiches Metall. Die Innenwand der rechten Hauptkammer ist durchsetzt mit kleinen Trabekeln, kleinen Fasern beziehungsweise Muskelsträngen, und darin verhakt sich die Kapsel." Der Mini-Schrittmacher gibt dann die nötigen elektrischen Impulse an die Herzwand ab.

Foto: Dr. Shin setzt Kardiokapsel im OP ein

PD Dr. Shin während des minimal-invasiven Eingriffes. Der Zugang erfolgt dabei über die Leiste des Patienten; © Universitätsklinikum Düsseldorf, Unternehmenskommunikation

Einfache Handhabung durch minimal-invasiven Eingriff


Besonders eignet sich die Kapsel bei Patienten, bei denen aufgrund von Vorerkrankungen eine Implantation über die Vena subclavia unterhalb des Schlüsselbeins nicht oder nur schwer möglich ist. Zudem können Risiken wie Infektionen eingedämmt werden. "Der Schnitt unterhalb des Schlüsselbeins entfällt. Mögliche Probleme wie Wundheilungsstörungen, Gefäßverschlüsse oder Entzündungen rund um die Elektrode können mit diesem neuartigen Gerät umgangen werden. Um all diese Risiken zu vermeiden, wurde das Konzept einer interventionellen Kardiokapsel aufgestellt", erklärt Shin weiter.

Nach zehn Jahren ist die Leistung der Batterie aufgebraucht. Die Kapsel verbleibt im Herzen, auch wenn sie nicht mehr leistungsfähig ist. "Wenn das Konzept der Kardiokapsel weiterhin verfolgt werden soll, wird eine weitere Kapsel nach dem gleichen Prinzip danebengesetzt. Der Prozess kann allerdings nicht unendlich fortgeführt werden. Daher ist die Kapsel vor allem für ältere Menschen ab 75 Jahren gedacht."

Foto: Röntgenaufnahme vom Herzen mit Kardiokapsel

Röntgenaufnahme des Herzens: Die Kardiokapsel ist eindeutig zu erkennen. Kleine Nitinol-Anker sorgen dafür, dass die Kapsel an ihrem vorbestimmten Platz bleibt; © Universitätsklinikum Düsseldorf, Unternehmenskommunikation

Präklinische Studie bestätigt Tauglichkeit


Das Gerät ist bereits CE zugelassen. Die Zertifizierung basiert auf den Ergebnissen einer präklinischen Studie, bei der sich, laut Shin, bereits 140 Patienten einer Implantation unterzogen haben. Die Datenauswertung und -präsentation erfolgte erst kürzlich beim Jahreskongress der Heart Rhythm Society. Shin berichtet weiter: "Die Datenauswertung war sehr positiv. Es gab keine Todesfälle, keine Dislokationen, das heißt, die Kapsel wurde nicht fortgeschwemmt, und bei der Implantation selbst gab es keine wesentlichen Vorkommnisse. Die elektrischen Messewerte waren exzellent und stabil. Jetzt muss man natürlich den Langzeitverlauf abwarten."

Shin geht weiterhin davon aus, dass die Implantation durch das CE- Zertifizierung zunehmen wird. Das Potenzial der Kardiokapsel ist für ihn bereits jetzt unbestritten. Um jedoch den klassischen Herzschrittmacher im klinischen Alltag zu ersetzen, sei die aktuelle Variante noch nicht ausgereift genug. "Ich denke, dass die Kapsel eine mögliche Schlüsseltechnologie für die Zukunft darstellt. Wenn es weitere Modifikationen an der Technik gibt, beispielsweise aufladbare Kapseln, die Möglichkeit, mehrere Herzkammern zu stimulieren, oder wenn es eine Defibrillatorfunktion gäbe, dann hätte sie Potenzial, die bisherige Therapie komplett abzulösen. Ich schätze, wir sind davon technisch noch fünf bis zehn Jahre entfernt."
Foto: Melanie Günther; Copyright: B. Frommann

©B. Frommann

Melanie Günther
MEDICA.de