Katastrophenmedizin oder katastrophale Medizin?

Was uns die Ebola-Epidemie gelehrt hat

Für die meisten Europäer liegt es schon lange zurück, für die Bewohner Westafrikas sind die Folgen der Ebola-Epidemie, die im Dezember 2013 begann und bis heute andauert, deutlich zu spüren. Rund 11 300 starben bei der Epidemie bislang, mehr als 28 000 erkrankten. Auch wenn der Ausbruch mittlerweile in vielen Ländern gedämmt scheint, in einigen Orten treten nach wie vor neue Fälle auf.

04.01.2016

 
Die ersten Erkrankungen werden schlicht übersehen. In Guinea infiziert sich ein Kleinkind und steckt mehrere Dorfbewohner an. Gemeldet werden diese Vorfälle zunächst nicht, denn es gibt keine Seuchenkontrolle in dem strukturschwachen Land. So kann das Virus von Person zu Person weitergetragen werden, bis es schließlich zu spät ist. Nachdem das Virus auch in die größeren Städte gelangt ist, ist es nur ein kleiner Schritt über die Landesgrenze. Zukünftig müsste deshalb ein besseres Notfallsystem installiert werden, das schneller und präziser greift und Ausbrüche schneller eindämmt. Zwar gibt es eine Vielzahl von Projekten, die sich mit dem Ausbruch, den Folgen und der Prävention von Infektionskrankheiten beschäftigen. Ein sicheres Notfallsystem wie es in Europa existiert, wird jedoch nicht so schnell umzusetzen sein. Das liegt zum Teil an den politischen Strukturen der afrikanischen Länder. Korruption ist nach wie vor ein großes Thema, Gelder kommen nicht immer dort an wo sie sollen. Krankenhäuser sind deshalb meist weit vom europäischen Standard entfernt, Schnelltests, die helfen könnten Infektionskrankheiten frühzeitig zu erkennen, existieren kaum. Dabei könnten gerade diese helfen größere Ausbrüche und teure Laborkosten zu vermeiden. Heutige RDTs (Rapid Diagnostic Tests) arbeiten in der Regel mit Teststreifen, die ähnlich einem Schwangerschaftstest anzeigen, ob ein Patient mit Ebola infiziert ist oder nicht. Der Vorteil: Sie sind klein genug, um überall hin transportiert zu werden, und sie kosten nicht so viel Geld wie ein S4-Labor.
Foto: Schwangerschaftstest ©panthermedia.net/anytka

Die Test für Ebola ähneln denen zur Bestimmung einer Schwangerschaft. Ein Streifen zeigt an, ob der Test positiv oder negativ ist; © panthermedia.net/anytka

Hilfe zur Selbsthilfe

Ohne die zahlreiche Hilfe aus- und inländischer Helfer, hätte die Ebola-Epidemie wohl noch mehr Tote gefordert. Organisationen wie Ärzte ohne Grenzen/Medicins Sans Frontieres, das Deutsche Roten Kreuz oder das Robert-Koch-Institut, um nur einige zu nennen, entsendeten medizinisches und anderes Personal in die Länder, um vor Ort zu helfen das Virus einzudämmen. Hauptziel sollte jedoch immer bleiben, in den Ländern selbst Experten auszubilden. Hilfe zur Selbsthilfe kann dazu beitragen Ausbrüchen besser vorzubeugen. Infektionskrankheiten wie Malaria, HIV oder Denguefieber muss weiterhin entschieden entgegengetreten werden. Um dieses Ziel zu erreichen, müssen gleichwohl die nötigen Strukturen geschaffen werden. Gleichzeitig muss die westliche Welt ihre Hilfsangebote besser strukturieren.

Besonders die WHO stand während der Ebola-Epidemie heftig in der Kritik, sie habe falsch reagiert, nicht früh genug den internationalen Gesundheitsnotstand ausgerufen. Und die Kritik scheint angekommen zu sein. Dr. David Nabarro, UN Secretary-General’s Special Envoy on Ebola, betonte in einer Pressekonferenz am 18. November 15: "Wir dürfen nicht vergessen, dass mehr als 11.300 Menschen dieser Krankheit zum Opfer gefallen sind. Daher ist es sehr erfreulich, dass die zahlreich gesammelten Erfahrungen nun umgesetzt werden, einschließlich des UN High Level Panels des UN-Generalsekretärs zur globalen Reaktion auf Gesundheitskrisen sowie des Prüfungsausschusses über die Rolle der Internationalen Gesundheitsvorschriften bezüglich der Gegenmaßnahmen auf den Ebola-Ausbruch. Weitere Studien sind ebenfalls im Gange. Ich bin sehr erfreut darüber, dass die gesammelten Erfahrungen bereits angewendet werden. […]Die WHO braucht ein leistungsfähiges Programm zur Bewältigung von Krankheitsausbrüchen und Katastrophenfällen, das vollständig über die gesamte Organisation hinweg integriert ist und über das Personal und die Finanzen verfügt, die nötig sind, um den Gefahren zu begegnen, wie wir sie mit Ebola erlebt haben; das weltweite Partnerschaften mit Organisationen eingeht, die sich mit humanitärer Hilfe und Infektionskrankheiten beschäftigen und bei Bedarf in Anspruch genommen werden können; das Geldmittel zur Verfügung hat, die unverzüglich eingesetzt werden können, sobald eine Gefahr besteht; das die führende Rolle in der humanitären Gemeinschaft im Falle einer gesundheitlichen Bedrohung einnimmt."

Es bleibt abzuwarten, ob alle Beteiligten ihre Lektion tatsächlich gelernt haben. Dazu braucht es bedauerlicherweise eine nächste Pandemie – von der man eigentlich hofft, dass sie nie kommen möge.
Foto: Simone Ernst; Copyright: B. Frommann

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Der Artikel wurde geschrieben von Simone Ernst.
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