Kinder-Reha: Wissenslücken an der Schnittstelle

07.09.2016

Kinderärzte sind wichtige "Gatekeeper" in der gesundheitlichen Versorgung. Ihnen mangelt es jedoch an Wissen über die Rehabilitation, um Kindern und Jugendlichen nachhaltig helfen zu können. Das haben Soziologen der Uni Halle herausgefunden. Eine zielgruppenorientierte Broschüre soll nun für mehr Verständigung an der Schnittstelle sorgen.

Bild: Kinder am Reck; Copyright: panthermedia.net/Katov

Chronisch kranke Kinder können von einer Kur oder Reha-Maßnahme stark profitieren. Oft scheuen Ärzte jedoch einen entsprechenden Antrag zu stellen, da ihnen die Kriterien für eine Zu- oder Absage nicht klar werden; © panthermedia.net/Katov

Am Übergang von der Kinder- und Jugendmedizin und der Rehabilitation gibt es offenbar viele Missverständnisse. Das hat das Institut für Medizinische Soziologie der Uni Halle unter der Leitung von Professor Matthias Richter in einer aktuellen Studie herausgefunden. So nehmen zum Beispiel niedergelassene Ärzte, die häufige Ablehnung eines Antrages als abschreckend und demotivierend für die Betroffenen wahr. Andere Kinder- und Jugendmediziner haben wiederum den Eindruck, dass ihre professionelle ärztliche Sicht beim Reha-Gutachter gar nicht ankomme. Dass sich Misstrauen und Vorbehalte zwischen Kinderärzte und Reha-Träger so deutlich zeigen, hat die Projektkoordinatorin Nadine Schumann verblüfft. "Ärzte und Gutachter stimmen in fachlichen Fragen wie etwa der Einschätzung eines Reha-Bedarf häufig überein. Es fehlt ihnen jedoch eine gemeinsame Sprache, um sich zu verständigen", sagt die Soziologin und Reha-Wissenschaftlerin.

Sie hat - gefördert von der Deutschen Rentenversicherung Mitteldeutschland – den Kontakt zwischen den Sektoren genauer untersucht und dazu insgesamt 49 niedergelassene Pädiater in Mitteldeutschland in Einzelinterviews oder in Fokusgruppen befragt. Die Ergebnisse belegen, wie schwer eine Verständigung über die Sektorengrenzen hinaus ist. "Die niedergelassenen Ärzte sind unsicher, wie sie den Reha-Bedarf von Kinder und Jugendlichen richtig einschätzen und dokumentieren können. Auch verstehen sie nicht, warum der Reha-Träger die eine Maßnahme ablehnt, eine andere jedoch genehmigt", sagt Schumann.

Ihrer Studie zufolge tragen insbesondere die Standardsätze in den Ablehnungsbescheiden des Reha-Trägers zur Verwirrung bei: "Die üblichen Formeln klären den Arzt nicht auf. Er kann daraus nichts lernen und dies beim nächsten Patienten anders machen. Daher erleben viele die Beantragung und Antragsentscheidung als undurchsichtig und willkürlich", sagt Schumann. Die Standard-Formulare sollten daher an den entscheidenden Stellen überarbeitet werden. Bei der Abfrage des wichtigen Reha-Ziels beispielsweise sei Platz für etwa drei Begriffe vorgesehen. Dies lade den Kinderarzt nicht ein, den Befund sozialmedizinisch umfassend darzulegen. Viele Ärzte erlebten das Verfahren als bürokratisch und zeitaufwendig und hielten sich daher bei den Reha-Anträgen eher zurück. Die leichter zugänglichen Mutter/Vater-Kind-Kuren empfinden sie als attraktive Konkurrenz. Zum Nachteil der chronisch-kranken Kinder, denn diese Kuren drehen sich grundsätzlich um die Gesundheit der Eltern und nicht um die Beschwerden des Nachwuchses.

"Die Antragszahlen in der Kinder- und Jugendrehabilitation entsprechen nicht immer dem tatsächlichen Bedarf", sagt Dr. Ina Ueberschär, stellvertretende Geschäftsführerin und leitende Ärztin bei der DRV Mitteldeutschland. Kinder- und Jugendärzte seien wichtige Lotsen im System, um dies zu ändern. Die Studie aus Halle zeige nun auf, was beim Zugang zur Reha und beim Antragsverfahren offenbar unklar ist. "Es gilt nun, das Wissen der Ärzte zum Reha-Bedarf zu stärken und im kollegialen Austausch mit den Sozialmedizinern unseres Hauses die Motivation zur Antragstellung zu erhöhen", sagt Ueberschär.

Das Team um Professor Richter hat dazu schon vorgearbeitet. Auf Basis der Studienergebnisse hat es konkrete Handlungsempfehlungen entwickelt und in einer Broschüre zusammengefasst, die sich speziell an Kinderärzte richtet. Darin sind die wichtigsten Informationen zum ärztlichen Befundbericht, zum Reha-Verfahren, zur Zuständigkeit der Träger aufgelistet und in Fallbeispielen veranschaulicht. Nun sei es wichtig, so die Forscher, damit aktiv zu arbeiten und die Broschüre auf Kongressen oder in Qualitätszirkeln vorzustellen. Denn viele Kinderärzte wollten lieber direkt informiert werden und bräuchten dazu einen persönlichen Kontakt.

MEDICA.de; Quelle: Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg

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