Kinderanästhesie: "Einen eigenen Facharzt würde ich ablehnen"

Interview mit Dr. Karin Becke, Sprecherin des Wissenschaftlichen Arbeitskreises Kinderanästhesie der DGAI, Chefärztin der Abteilung für Anästhesie und Intensivmedizin an der Klinik Hallerwiese/Cnopf'sche Kinderklinik

Müssen bereits die Kleinsten in den OP-Saal sorgen sich nicht nur die Eltern. Für das gesamte OP-Team ist diese Situation eine besondere Herausforderung, denn Kinder sind immer ganz besondere Patienten - besonders, da es nicht einfach nur kleine Erwachsene sind!

01.09.2014

Foto: Ärztin mit Brille und langen roten Haaren - Dr. Karin Becke; Copyright: privat

Dr. Karin Becke; © privat

MEDICA.de sprach mit Dr. Karin Becke, Sprecherin des Wissenschaftlichen Arbeitskreises Kinderanästhesie der DGAI und Chefärztin der Abteilung für Anästhesie und Intensivmedizin an der Klinik Hallerwiese/Cnopf'sche Kinderklinik.

Frau Dr. Becke, eine Narkose ist immer mit Risiken behaftet. Worin besteht der Unterschied zwischen der Narkose an einem Erwachsenen und einem Kind?

Dr. Karin Becke
: Der größte Unterschied besteht zwischen ganz kleinen Kindern, den Ein- bis Zweijährigen, und Erwachsenen. In diesem Entwicklungsstadium muss der kindliche Körper sich noch anpassen, um eine reife Organfunktion zu bilden, wie Erwachsene sie besitzen. In dieser Zeit sind die Kinder sehr anfällig für Komplikationen, weil es ein Missverhältnis zwischen Sauerstoffverbrauch und –bedarf gibt. Kinder in diesem Alter brauchen sehr viel mehr Sauerstoff als ein Erwachsener und wenn es durch eine Komplikation zu einem Sauerstoffmangel kommt, äußert sich dieser sehr viel schneller. Ein weiterer Unterschied ist natürlich die Körpergröße der Kinder. Kleine Kinder sind sehr selten im Operationssaal, was natürlich gut und wünschenswert ist. Allerdings fehlt so oftmals die Routine für den Anästhesisten, der seine Erfahrungen eher bei den Erwachsenen gesammelt hat.
Foto: Kind bekommt eine Kanüle in den Arm gestochen; Copyright: panthermedia.net/Franck Boston

Der richtige Umgang mit Kindern im OP will gelernt sein, denn Kinder sind keine kleinen Erwachsenen; ©panthermedia.net/ Franck Boston

Besorgte Eltern befürchten, dass eine Narkose einen schädlichen Einfluss auf die Entwicklung des Kindes haben könnte. Neuere Tierstudien haben diese Ängste noch unterfüttert: Sie legen eine Apoptose und eine Störung der Synaptogenese während der neuronalen Entwicklung durch Anästhetika nahe. Gibt es einen Anlass zur Sorge?

Becke
: Wir haben aus neuen Tierstudien die Ergebnisse erhalten, dass Anästhetika die neuronale Entwicklung beeinflussen. Ich will hier noch nicht von Schädigungen sprechen, denn die Apoptose an sich ist ein völlig natürlicher Vorgang. Auch ohne Narkose verliert ein Mensch im Laufe seines Lebens circa 50 Prozent seiner bei der Geburt angelegten Nervenzellen. Apoptose ist also ein ganz wichtiger Baustein in der Entwicklung des zentralen Nervensystems. Aus den Tiermodellen wissen wir aber nun, dass es Hinweise auf eine erhöhte Apoptoserate gibt. Dennoch ist die Übertragung dieser Ergebnisse auf den Menschen schwierig. Tiere weisen im Bereich der Gehirnentwicklung Unterschiede auf, gerade wenn die hier untersuchten Tiere verschiedene Arten wie Ratte und Affe mit einbeziehen. Der wichtigste Punkt ist aber, dass der Mensch durch sein „Menschsein“ eine ganz andere neuronale Entwicklung durchmacht. Eltern sollten sich im Vorfeld einer Anästhesie davon überzeugen, dass sie ihr Kind in kompetente Hände geben, ein Team, das Erfahrung und Kompetenz im Umgang mit Kindern besitzt. Damit können Komplikationen am effektivsten verhindert werden.

Wie können sich Anästhesisten derzeit speziell im Bereich Kinderanästhesie fortbilden?

Becke
: Es gibt in Deutschland sehr viele Kongresse und Weiterbildungen. Hinzu kommt die tägliche Arbeit in speziellen Zentren, in denen viele Kinder betreut werden. Es ist eine Mischung zwischen dem klinischen Training unter der Supervision eines erfahrenen Kinderanästhesisten und der steten Fortbildung im theoretischen Bereich. Es gibt aber auch Länder, in denen nach der Facharztausbildung eine spezielle Weiterbildung zum Kinderanästhesisten angeboten wird, allen voran die USA. Auch die skandinavischen Länder bieten ein sogenanntes Fellowship für Kinderanästhesie an. Das ist in Deutschland derzeit nicht erhältlich.

Würden Sie einen Facharzt für Kinderanästhesie für sinnvoll halten?

Becke
: Nein. Denn in der Anästhesiologie sollte die Ausbildung in der vollen Breite erfolgen. Wenn man schwerpunktmäßig gerne in der Kinderanästhesie arbeiten möchte, ist es nach dem Facharzt sinnvoll, sein Wissen in diesem Bereich zu vertiefen, etwa durch ein Trainingsprogramm. Aber einen eigenen Facharzt würde ich ablehnen.
Foto: Simone Ernst; Copyright: B. Frommann

© B. Frommann

Das Interview führte Simone Ernst.
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