Kinderpathologie: Spezielles Wissen rund um die Kleinsten

Interview mit Prof. Anette M. Müller, Leiterin des Zentrums für Kinderpathologie und Pathologie am Universitätsklinikum Bonn

Ist ein Kind krank, gehen die Eltern mit ihm zum Kinderarzt. Müssen dann pathologische Untersuchungen durchgeführt werden, ist der Kinderpathologe gefragt. Dieser Zweig der Pathologie erfordert besonderes Fachwissen. Für die Verbreitung und Erhaltung dieses Wissens setzt sich die Arbeitsgemeinschaft der Kinder- und Fetalpathologen ein.

02.02.2015

Foto: Anette M. Müller;  © privat

Prof. Anette M. Müller; © privat

Über die Besonderheiten des Berufs und die aktuelle Forschung auf dem Gebiet der Kinderpathologie spricht Prof. Anette M. Müller, Vorsitzende der AG Kinder- und Fetalpathologen auf MEDICA.de.

Frau Prof. Müller, wie unterscheidet sich die Kinder- und Fetalpathologie von der adulten Pathologie?

Anette M. Müller
: Die Kinderpathologie beschäftigt sich mit Proben einer anderen Altersgruppe: Sie ist definiert als die Diagnostik des sich entwickelnden Gewebes der Feten, der Plazenta, des Neugeborenen sowie des Kindes und Jungendlichen. Dabei handelt es sich nicht um eine einfache Beurteilung kleinerer Gewebeproben mit den Maßstäben der Erwachsenenpathologie. Vielmehr muss der Kinderpathologe bei der Bewertung der etwaigen krankhaften Veränderungen die Morphologie berücksichtigen, die sich mit der physiologischen Entwicklung und Gewebedifferenzierung verändert. Gerade bei Fehlgeburten kommt der korrekten Diagnostik ein hoher Stellenwert für die Beratung der Eltern für weitere Schwangerschaften oder auch für die Therapie der Ursachen zu.

Gleiches gilt für die Diagnostik der Plazenta, also des Mutterkuchens. Auch diese Beurteilung liefert nicht nur wichtige Hinweise für etwaige Erkrankungen beim Neugeborenen, denen der Neonatologe dann nachgehen kann. Auch für die folgenden Schwangerschaften kann man hier wichtige Informationen ableiten. Aber auch für die Bewertung von Proben zum Beispiel aus dem Magen oder Darm gelten oft andere Kriterien als für Erwachsene.

Bei der Diagnostik welcher Erkrankungen wendet man spezielle kinderpathologische Methoden an?

Müller
: Die Methoden, die die Kinderpathologie verwendet, sind die gleichen, die in der Erwachsenenpathologie Anwendung finden. Allerdings gibt es eine Reihe von Spezialuntersuchungen, die häufiger in der Kinderpathologie angefragt werden. So gibt es beispielsweise Erkrankungen durch angeborene und krankhaft veränderte Zilien, die zum Beispiel rezidivierende Lungenentzündungen bedingen können. Zilien sind kleine Fortsätze unter anderem auf den Zellen der Atemwege. Kinderpathologen verwenden für ihre Untersuchung ein Elektronenmikroskop, das Veränderungen im Zellinneren und auf der Zelloberfläche darstellen kann.
Foto: Kind im Krankenhaus; Copyright: panthermedia.net/Wavebreakmedia ltd

Pathologische Untersuchungen können für die Genesung des Kindes entscheidend sein; © panthermedia.net/Wavebreakmedia ltd

Eine andere typische Erkrankung des (Klein)Kindes ist eine Darmtransportstörung, der Morbus Hirschsprung. Dabei werden während der Entwicklung im Mutterleib Nervenzellen im Darm nicht angelegt. Für die Diagnose dieser Erkrankung benötigt man bestimmte Färbemethoden der Gewebeproben, die sogenannte Enzymhistochemie. Diese Färbungen sind sehr aufwendig, sodass diese Untersuchungen meist nur in Kinderpathologien aber nicht in Erwachsenenpathologien durchgeführt werden.

Welchen Einfluss haben Pathologie-Befunde bei Kindern für ihre Genesung?

Müller
: Wie bei Erwachsenen so ist auch bei Kindern der (Kinder)Pathologe heute der Lotse der Therapie. Nehmen wir noch einmal das Beispiel des Morbus Hirschsprung. Die korrekte Diagnose einer Aganglionose, das Fehlen der Ganglienzellen, führt zur Resektion des Darmteils, der keine Nerven hat und dementsprechend den Darminhalt nicht weitertransportieren kann. Nach diesem Eingriff ist das Kind geheilt. Oder nehmen wir noch einmal die Plazenta: Wenn man in der Plazenta Verschlüsse der kindlichen Gefäße durch Thromben findet, kann der Neonatologe noch einmal gezielt nach den bei diesem Befund vermehrt auftretenden neonatalen Hirninfarkten suchen.

Auf der Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Pathologie haben Sie 2014 in der Sitzung der AG Kinder- und Fetalpathologie in Berlin über den Einfluss von Insulintherapie auf die Entwicklung des Kindes bei schwangeren Diabetespatientinnen gesprochen. Zu welchen Ergebnissen sind Sie in ihrer Forschung gelangt?

Müller
: Wir hatten uns gefragt, wie bestimmte Proteine von Endothelzellen der plazentaren Blutgefäße exprimiert werden. Dabei ging es um zwei Proteine, deren Vorhandensein die Abdichtung der Gefäße beeinflusst. Bisher wusste man, dass diese beiden Proteine bei Patientinnen mit Diabetes vermindert exprimiert werden. Wir stellten fest, dass dies aber nur bei einer Insulintherapie der Fall ist. Diese verminderte Expression fördert zum einen die Gefäßneubildung in der Plazenta, was durchaus positiv sein kann, zum anderen unterstützt es auch die Gefäßdurchlässigkeit. Ob diese verminderte Expression in der Gesamtschau eher einen positiven oder einen negativen Aspekt darstellt, untersuchen wir gerade.

Gibt es bestimmte Krankheiten, für die es günstig ist, dass sie bereits sehr früh erkannt werden, gegebenenfalls schon vor der Geburt?

Müller
: Da sind zum Beispiel die Stoffwechselerkrankungen zu nennen. Je früher sie erkannt werden, desto früher können sie therapiert werden. Wir hatten kürzlich einen Fall, in dem wir die Diagnose einer vererbten Stoffwechselerkrankung an der Plazenta gestellt haben. Diese Diagnose hat dem Kinderarzt geholfen, das Kind sofort richtig zu behandeln. Ein anderes Beispiel sind angeborene Tumore, die sich unter Umständen bereits im Mutterleib entwickeln. Hier wird oft von dem betreuenden Gynäkologen vorab im Ultraschall der Verdacht auf einen Tumor gestellt. Je früher dieser Tumor dann operiert werden kann, umso besser. Die Tumordiagnose durch den Kinderpathologen ermöglicht dann sofort die am besten wirksame Therapie.

Wie schätzen Sie das Potenzial der Kinderpathologie für die Diagnostik und Therapie von Kindern in Zukunft ein?

Müller
: Die Kinderpathologie hat ein sehr großes Potenzial. Allerdings müssen wir darauf achten, dass das spezialisierte Wissen der Kinderpathologen in der Ausbildung auch weitergegeben wird. Aktuell gibt es weltweit nur noch wenige spezialisierte Kinderpathologen, in der Bundesrepublik sind es weit weniger als einhundert. Die allerwenigsten davon beschäftigen sich ausschließlich oder überwiegend mit Proben von Kindern. Dadurch besteht die Gefahr, dass das spezifische kinderpathologische Wissen mit der Zeit verloren geht. Deshalb arbeitet die Arbeitsgemeinschaft der Kinder- und Fetalpathologen aktiv daran, dieses Wissen im deutschsprachigen Raum zu erhalten und an junge Pathologen weiterzugegeben.
Foto: Michalina Chrzanowska; Copyright: B. Frommann

© B. Frommann

Das Interview führte Michalina Chrzanowska.  
MEDICA.de