Klinische Studie testet Virotherapie

Foto: Viren

Viren bieten eine neue Therapiemöglichkeit bei
chemotherapieresistentem Bauchfellkrebs;
© panthermedia.net/Michael Kößling

Auf dem 8. Weltkongress über bösartige Tumorerkrankungen des Bauchfells (Peritonealkarzinose) hat die Abteilung für Gastroenterologie, Hepatologie und Infektiologie des Universitätsklinikums Tübingen erste Ergebnisse zu einer neuartigen Studien-Behandlung von Patienten mit chemotherapieresistentem Bauchfellkrebs vorgestellt.

Bei diesem als Virotherapie bezeichneten Verfahren werden Krebspatienten im Rahmen einer klinischen Prüfung modifizierte Impfviren verabreicht, die Tumorzellen gezielt befallen und sich in diesen nahezu ungebremst vermehren können. Im Erfolgsfall werden pro Tumorzelle Tausende von Nachkommenviren gebildet, was am Ende des Infektionsprozesses in einem massenhaften Aufplatzen der befallenen Tumorzellen (der sogenannten Onkolyse) endet.

Durch diesen Mechanismus können große Teile von Tumorgewebe zerstört werden. Die neu freigesetzten Nachkommenviren infizieren dann weitere, bis dahin noch nicht befallene Tumorzellen, bevorzugt in der unmittelbaren Nachbarschaft. Auf diese Weise entsteht bei dieser neuartigen biologischen Krebstherapie ein Dominoeffekt, der von keinem einzigen der bisher zugelassenen Krebsmedikamente erreicht wird.

Da gesunde Zellen im Gegensatz zu Tumorzellen genetisch nicht verändert sind und deshalb über eine intakte Immunabwehr verfügen, werden diese in der Regel nur zu einem geringen Grad infiziert und sind dann gegenüber den hier eingesetzten Impfviren in der Lage, jegliche Form einer höhergradigen Virusvermehrung erst gar nicht zuzulassen.

Eine Besonderheit bei der Tübingen Virotherapiestudie besteht darin, dass die Virotherapeutika nicht - wie bei anderen Krebsmedikamenten meist üblich - intravenös verabreicht werden, sondern über einen Katheter alle 28 Tage direkt in die Bauchfellhöhle appliziert werden. Damit gelangen die Virotherapeutika unmittelbar zu den aggressiv wachsenden Tumorherden. Dadurch können die Impfviren direkt und ohne vorherige größere “Scharmützel” mit dem Immunsystem die entsprechenden Tumoroberflächen infizieren.

“Die bisherigen Erfahrungen mit unseren Studienpatienten zeigen, dass das von uns eingesetzte Virotherapeutikum GL-ONC1 bei direkter Applikation in die Bauchfellhöhle gut vertragen wird”, berichtet der Studienleiter Professor Ulrich M. Lauer. “Obwohl wir noch in einer sehr frühen Phase unserer klinischen Prüfung sind, haben wir bereits in der ersten Patientengruppe ermutigende und vielversprechende Daten gesehen, die darauf hinweisen, dass wir über längere Zeiträume hinweg zu einer effizienten Vermehrung der Impfviren in Tumorherden kommen können. Weitere Ergebnisse zeigen, dass wir Krebszellen, die sich in der Bauchfellflüssigkeit finden, effizient infizieren und lysieren können; das heißt, die von unseren Impfviren getroffenen Zellen platzen auf und werden dadurch unwiederbringlich zerstört (Onkolyse).”

Eine Besonderheit des Virotherapeutikums GL-ONC1 besteht darin, dass von diesem spezielle Markerproteine unmittelbar nach Infektion der Tumorzellen produziert werden, die sich dann in der Bauchfellhöhle, aber auch im Blut der behandelten Krebspatienten mengenmäßig bestimmen lassen. “Mithilfe der vom Impfvirus hergestellten Markerproteine können wir kurzfristig den Infektionsverlauf und die Zerstörung der Tumorzellen überwachen, was uns eine unmittelbare Abschätzung der erzielten onkolytischen Wirkung ermöglicht”, führt Lauer weiter aus.

MEDICA.de; Quelle: Universitätsklinikum Tübingen